Die Cyber-Brille kommt

17. April 2013 12:16; Akt: 18.04.2013 23:45 Print

Googles Angriff auf das Smartphone

von Oliver Wietlisbach - Ab sofort liefert Google seine ersten Cyber-Brillen aus. Ist Google Glass ein cooles Gadget - oder bedeutet die Markteinführung der Datenbrille das Ende der Privatsphäre?

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Googles Datenbrille Glass soll 2014 in den Handel kommen. (Bild: Google)

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«Hardware und Software sind fertig. Wir sehen gerade die ersten Geräte aus der Fertigungsstrasse kommen», schreibt Google in einer E-Mail. Empfänger der Nachricht sind laut heise.de die ersten 2000 App-Entwickler, die den Prototypen zuerst bestellt haben. Bereits sind im Internet die ersten Fotos der Datenbrille aufgetaucht. Da Google auch einige technische Details veröffentlicht hat, erhalten wir ein gutes Bild, was die Google-Brille leisten wird (siehe Infobox).

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Googles Datenbrille bietet alle Funktionen, die wir heute bei modernen Mobiltelefonen schätzen. Kurznachrichten, Mails und Erinnerungen können auf dem Mikrodisplay angezeigt und gelesen werden. Dank Apps und Augmented Reality könnte die Brille auch hervorragend zum Navigieren geeignet sein. Verkehrshinweise können direkt im Sichtfeld des Users eingeblendet werden.

Ab 2014 in den Läden

Zu kaufen gibt es die Smart-Brille frühestens 2014. Der ausgelieferte Prototyp kostet stolze 1500 US-Dollar. Die Endversion soll aber «deutlich weniger» kosten. Läuft die Zeit des Smartphones also bald ab?

«Nein, zu Beginn wird Google Glass stark ans Smartphone gekoppelt sein», glaubt man an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). «Datenbrillen werden sich zuerst in spezifischen Situationen, etwa in der Medizin oder im Sport, durchsetzen», sagt Dr. Ulf Blanke von der ETH Zürich. Ein fiktives Beispiel: Ein Chirurg hat mit der Brille beide Hände frei, erhält wichtige Informationen in Echtzeit eingeblendet und die über Glass gefilmte Operation wird direkt an andere Ärzte übertragen.

«Sie darf nicht stören»

Im Alltag durchsetzen werden sich Datenbrillen erst in einem zweiten Schritt, glauben alle angefragten Experten: Für spezielle Anwendungsbereiche im Beruf oder beim Sport spiele das Design der Brille eine untergeordnete Rolle. Anders im Alltag: Die Datenbrille müsse modisch, leicht und bequem sein, sagt ETH-Informatiker Blanke. Auch an der Technikfront sind nicht alle Probleme gelöst, gibt die Fachhochschule Nordwestschweiz zu bedenken: «Wie bei Smartphones ist die Sprachsteuerung noch limitiert», was die Brille eines ihrer grössten Vorteile beraube.

Auch der Handel ist von Google Glass noch nicht restlos überzeugt: «Die Möglichkeiten sind faszinierend, doch sind wir skeptisch, ob die Menschen die ganze Zeit mit Informationen auf dem Display berieselt werden möchten», heisst es beim Elektronikhändler Brack. Selbst Google weiss offenbar noch nicht recht, wozu die Brille gut sein soll. Auf Twitter ruft der IT-Riese die User auf, unter dem Hashtag «#IfIHadGlass» zu schreiben, wofür sie Glass nutzen würden.

Fest steht: Noch fehlt die Killer-Applikation, die Menschen davon überzeugen könnte, eine Brille aufzusetzen. Trotzdem: Langfristig wird Datenbrillen ein grosses Potenzial bescheinigt. «Als Sony vor gut 30 Jahren den Walkman vorstellte, musste man erst herausfinden, ob Menschen sich mit diesen seltsamen Kopfhörern auf die Strasse wagen», sagt Blanke von der ETH. Sobald sich die Vorteile von Datenbrillen gegenüber Smartphones offenbaren, werde die Akzeptanz im Alltag steigen, glaubt der Informatiker.

Die dunkle Seite von Google Glass

Für den Träger der Datenbrille wird entscheidend sein, wie sehr er sein Leben der Öffentlichkeit preisgeben möchte: «Es wird transparent, was du siehst, hörst, sprichst, wo du bist und welche Wege du gehst», bringt es der Online-Händler Brack auf den Punkt. Mithilfe der ins Brillengestell integrierten Minikamera können Menschen so einfach fotografiert und gefilmt werden wie nie zuvor. Ob laufende Gespräche oder Personen im Blickfeld – alles kann aufgezeichnet, gestreamt und ausgewertet werden. Beispielsweise könnten Staaten und Geheimdienste so direkten Zugriff auf die Privatsphäre der Bürger erhalten.

Datenschützer haben bereits Widerstand gegen die Spionage-Kamera angekündigt. Kritisiert wird primär die Möglichkeit, mit Google Glass Mitmenschen zu fotografieren und zu filmen, ohne dass es diese merken. «Heimliche Videoaufnahmen von Privatpersonen sind in keiner Form erlaubt», sagt die Mediensprecherin des Eidgenössischen Datenschützers Hanspeter Thür. Wer gezielt und ohne Einwilligung Individuen auf der Strasse oder im Schwimmbad filme, könne dafür zur Rechenschaft gezogen werden und mache sich unter Umständen strafbar. Google gebe sich daher «derzeit alle Mühe, Google Glass als cooles, spassiges und sogar modisches Accessoire zu positionieren», spöttelt «Zeit Online».

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Google Glass haben wir hier zusammengestellt.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Jeder filmt jeden. Bereits heute gibt es einen Trend, dass Polizisten an Demonstrationen filmen, aber die Demonstranten filmen auch die Polizisten. Insgesamt hat es einen mässigenden Effekt, nämlich keine randalierenden Demonstranten und keine prügelnden Polizisten. Mit Google Glas wird dies im Alltag zu einer massiven sozialen Kontrolle führen. Jeder Litterer, Eckpinkler und Falschparker muss sich dies bewusst sein, aber auch jeder Dienstleister und Beamte. Einerseits wird diese soziale Kontrolle wieder zu netterem Umgang mit Mitmenschen führen, andererseits zu Ausbrechen aus dieserKontrolle – Marco Henzer

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cyrill Müller am 18.04.2013 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Handy

    Schon mal darüber nachgedacht das jedes handy heutzutage eine kammera hatt. Diese werdem ja auch nocht verboten. Es liegt an uns menschen ein bisschen vertrauen unseren mitmenschen zu zeigen. Sonst bitte ich alle in jedem zug aufzustehen und die 80 personnen zu bitten ihr handy abzustehlen. Peace out

  • Halb Blind am 17.04.2013 16:23 Report Diesen Beitrag melden

    Doppelbilder/Schielen/Sehstörungen/...

    Werden Sehstörungen, auf Grund solchem Spielzeug, auch von der Krankenkasse übernommen??

  • b.r. am 17.04.2013 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    frage

    bekomm ich die auch mit geschliffenen gläsern?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Emoticons am 18.04.2013 20:26 Report Diesen Beitrag melden

    Ist mir Unsymphatisch

    Mal so ganz von der Sache mit dem Datenschutz abgesehen wäre es mir Unwohl, ein High-Tech Gerät mit diversen Funksendern unmittelbar an meinem Kopf zu tragen. Das wäre als würdest du dir die ganze Zeit dein Handy an den Kopf halten. Dazu sieht die Brille schrecklich lächerlich aus. Hoffe es setzt sich nicht durch...

  • Mister Glass am 18.04.2013 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    Sabotage auf hohem Niveau

    Wer sagt, dass die Erfindung des Walkmans eine gute Sache ist? Bis heute sorgt das Gerät für eine unheimliche und gefährliche Ablenkung bei vielen Menschen. Der Alltag wird reduziert auf Musik hören und Party machen. Das kann doch nicht alles sein! Was nützen uns all diese tollen Geräte, wenn sie unser Leben sabotieren und wir die wesentlichen Dinge aus dem Sichtfeld verlieren?

    • Thomas am 18.04.2013 17:11 Report Diesen Beitrag melden

      Sabotieren?? Nein, Genuss!!

      Was ist ein Walkman? Das Ding aus dem Mittelalter oder aus der Antike? ;)) Zum Glück kann jeder selber Entscheiden welche Geräte er für sich benutzen will. Und es sollte sich auch niemand stöhren wie der andere Musik hören will. Und wie soll ich mich sabotieren, wenn ich meine Lieblingsmusik hören will? Das ist alles Quatsch!

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  • Phil am 18.04.2013 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Spass - Beginn der totalen Kontrol

    Das Gefühl von Sicherheit zu geben mit Video ist der erste Schritt zur totalen Kontrolle - nigends mehr gibt es einen privaten Raum draussen - mit wem man spricht, wen man küsst wird protolliert. Nächste Schritt wird dann die automatische Gesichtserkennung sein, was ja auch schon viele Programme gut können (z.B. Adobe Photoshop Elelments) und viele Kameras eingebaut haben. WEnn dann diese Daten mit zentralen Datenbanken verknüpft werden - oder gar Facebook, dann ist man überall auffindbar. Keine Sicherheit mehr, nur totale Kontrolle. Das ist kein Spass mehr.

  • Sarah Conner am 18.04.2013 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Wie im Film

    Irgendwie erinnert mich das Titelbild an Terminator...

  • Mel F am 18.04.2013 10:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Angst um die Privatsphäre?

    Wieso machen Sie alle auf Panik? Also ich find die Brille toll, für die Schule oder die Uni ist die top! Wegen Ihrer Privatsphäre müssen Sie erst dann besorgt sein, wenn sie etwas zu verbergen haben, ansonsten seh ich keine Gefahr für die Privatsphäre. Da sollten Sie sich jedoch fragen weshalb Sie etwas zu verbergen haben und da mal was ändern und nicht der Technologie schuld geben. Sorry!