Urheberrecht

04. März 2010 15:43; Akt: 04.02.2011 12:47 Print

Offen für alle

von Henning Steier - Smartphones mit Googles freiem Betriebssystem Android werden immer beliebter. Entwickler können daher mit Applikationen gutes Geld verdienen - wenn Piraten sie lassen. Denn viele Bezahl-Apps kann man kostenlos, leicht und legal herunterladen.

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Forenbetreiber Jesusxxx kann seine Jünger vorerst nicht mehr vom Bezahlen erlösen. Denn seine Website blapkmarket, über die kostenpflichtige Applikationen aus dem Android Market gratis zu haben waren, wurde vergangene Woche vom Netz genommen. Wer ein Google-Gerät hat, konnte dank der Seite nicht nur Geld sparen, sondern oftmals auch Apps herunterladen, die in seinem Land nicht verfügbar waren. Im Unterschied zur Konkurrenz kann man gekaufte Android-Apps binnen 24 Stunden zurückgeben und erhält den Kaufpreis erstattet. Entwickler kritisieren diese Frist als zu kurz. Blogger Sean Riley hat nun eine Petition ins Netz gestellt, in der er fordert, dass Entwickler die Testperiode selbst definieren können sollen. Riley begründet den Plan damit, dass viele User «keine Lust haben, für etwas Geld auszugeben, dass sie zuvor nicht ausgiebig testen konnten».

Blogger Anthony Perez von phandroid.com provozierte daher die Entwicklergemeinde mit folgendem Diskussionsbeitrag: «Ist JesusXXX ein schlechter Mensch? Wenn man Nutzern weltweit die Möglichkeit gibt, Apps länger zu testen und sie dank ihrem Feedback verbessert werden können - gleicht das die Einnahmeverluste durch den blapkmarket aus?» Weil es vor allem Kommentare wie «Jesusxxx ist nichts weiter als ein Dieb», hagelte, sah sich ein gewisser Rob von phandroid.com genötigt, klarzustellen, dass sich die Betreiber von Piraterie in jeglicher Form distanzieren. Die erregte Debatte zeigt die Verunsicherung der Entwickler. Denn im Unterschied zum iPhone, auf dem sich gestohlene Apps nur nach Entsperrung des Geräts installieren lassen, ist es auf Smartphones mit Android problemlos möglich, kostenpflichtige Tools zu nutzen, ohne für diese bezahlen zu müssen. Ausserdem lässt der so genannte Jailbreak iPhone-Besitzer jegliche Garantieansprüche verlieren, was ihn für viele Nutzer unattraktiv macht.

Jedem sein eigener Marktplatz

Zwar ist das Forum blapkmarket aus dem Netz verschwunden, doch es gibt nach wie vor zahlreiche Seiten, auf denen sich Piraten bedienen können. 20 Minuten Online hat sich auf droidfanz.com umgesehen. In den Nutzungsbedingungen der Website, die sich offiziell Android OS Community nennt, ist zu lesen: «Der Austausch von urheberrechtlich geschützten Dateien über unsere Seite ist verboten. Sie sollten nicht annehmen, dass es erlaubt ist, etwas weiter zu verbreiten, nur weil jemand anders es verfügbar gemacht hat. Die Einhaltung der jeweiligen Gesetze liegt in Ihrer Verantwortung.» Wer gegen die Bedingungen verstosse, werde umgehend von der Seite verbannt, heisst es weiter. Wer sich allerdings im Download-Bereich von droidfanz.com umsieht, gewinnt den Eindruck, dass die Macher nicht allzu offensiv gegen Nutzer vorgehen, die geschützte Inhalte verbreiten. So lassen sich problemlos mehrere Hundert Applikationen auf Android-Smartphones herunterladen. Wie in der obigen Bilderstrecke dokumentiert, ist dies auch unerfahrenen Nutzern ohne Weiteres möglich. Einziger Nachteil für den User: Weil die Apps vom Android Market nicht erkannt werden, erhält man keine Updates, die beispielsweise Fehler beheben.

«Bei Applikationen, welche nicht über den Android Market heruntergeladen werden, besteht ein wesentlich höheres Risiko, dass sie mit Schadcode verseucht sind», warnte Matthias Meyer, Sprecher von Google Schweiz im Gespräch mit 20 Minuten Online. Er wies überdies darauf hin, dass es Entwicklern freistehe, ihre Apps mit eigenen Kopierschutzmechanismen zu versehen. Dass jede Webseite Android-Tools zum Download anbieten kann, liege in der Natur eines offenen Systems begründet. Warum droidfanz.com über den Standard-Browser nicht zu erreichen ist, sondern nur über Alternativen wie Dolphin, dazu waren keine Informationen zu bekommen. Googles Betriebssystem ist quelloffen, kann also von jedem den eigenen Wünschen angepasst werden. Apple gibt sein iPhone OS nicht frei, Microsofts Windows Mobile kostet Lizenzgebühren. Symbian wurde unlängst für alle verfügbar gemacht und Android war nie irgendwelchen Beschränkungen unterworfen. Wohl auch deswegen war im Oktober 2009 in einer Studie der Analysten von Gartner zu lesen, dass bis zum Jahr 2012 etwa 75 Millionen Android-Handys verkauft werden sollen. Dies entspräche einem Marktanteil von 14,5 Prozent. Apple käme demnach auf 14 Prozent.

Google verschenkt Smartphones an Entwickler

Der App Store des IT-Konzerns aus Cupertino hat mittlerweile rund 140 000 Applikationen im Angebot, der Android Market kommt auf etwa 20 000. Mittlerweile wurden über drei Milliarden Applikationen heruntergeladen. Allein im vergangenen Jahr setzten alle Anbieter zusammen 2,5 Milliarden Apps ab und nahmen damit rund 4,2 Milliarden US-Dollar ein. Davon sollen 99,4 Prozent direkt in die Kasse von Apple geflossen sein, wie 20 Minuten Online berichtete. Die Analysten von Gartner prognostizierten kürzlich für 2013 weltweite App-Einnahmen von 29,5 Milliarden Dollar und 21,6 Milliarden Downloads. Laut der Studie sollen 2013 rund 25 Prozent der Einnahmen durch Gratis-Apps, die mit Werbung gespickt sind, verdient werden. Es ist also ein grosser Markt, auf dem Entwickler populärer Apps viel verdienen können. Denn man erhält beispielsweise bei Apple und Google 70 Prozent der Einnahmen, die mit einer App erzielt werden - oder gar nichts, wenn Nutzer sie so leicht stehlen können wie mit einem Android-Handy. Da dürfte ein solches für erfolgreiche Entwickler nur ein schwacher Trost sein, denn seit kurzem erhält man entweder ein Nexus One oder ein Motorola Milestone, wenn man eine App geschrieben hat, die mehr als 5000-mal heruntergeladen wurde und von den Usern durchschnittlich 3,5 Sterne erhalten hat.

Paradebeispiel für einen erfolgreichen Entwickler ist Eddie Kim, der laut wired.com mit seiner Applikation Car Locator zurzeit umgerechnet etwa 13 000 Franken monatlich verdient. Sie ist für vier Franken zu haben und hat ihn nach eigenen Angaben drei Wochen Programmierungsarbeit gekostet. Auf droidfanz.com lässt sich das Tool, mit dem man sein Auto wiederfinden kann, nicht finden, dafür aber in einschlägigen Foren, die Links zu One-Click-Hostern wie RapidShare.com sammeln. 20 Minuten Online brauchte insgesamt eine Minute, um Car Locator aufs Testgerät, ein HTC Hero, zu laden. Keiner der vor fünf Tagen per E-Mail kontaktierten sechs Seitenbetreiber wollte sich dazu äussern.

Millionen Songs gratis herunterladen

50 Prozent der iPhone-User kaufen im Schnitt mindestens eine App im Monat. Dies gilt für 21 Prozent der Android-User, ergab kürzlich eine nicht repräsentative Umfrage des Werbenetzwerks AdMob mit 963 Teilnehmern. Daher ist das Ergebnis allenfalls als Trendwert zu sehen. Es könnte allerdings darauf hindeuten, dass Android-Nutzer gar nicht darauf angewiesen sind, Apps zu kaufen, weil es viele gratis zum Download gibt. In der Schweiz kommt hinzu, dass der reine Download bislang nicht kriminalisiert worden ist. Dass man hierzulande ungestraft geschützte Inhalte herunterladen kann, macht auch die App iMusic für Nutzer attraktiv. Wie 20 Minuten Online berichtete, kann man sich mit dieser ohne grosse Umstände den Smartphone-Speicher mit Wunsch-Songs füllen. Sie ähnelt vom Konzept her Tools wie Songbeat, die aufwändige Suchanfragen kombinieren und so das Web nach sonst nur schwer zu findenden Dateien durchforsten, die beispielsweise Studenten auf Uni-Servern abgelegt haben. Die Musikbranche verbucht dem Branchenverband International Federation Of Producers Of Phonograms And Videograms (IFPI) zufolge schweizweit wegen Piraterie im Durchschnitt etwa 25 Millionen Franken weniger Erlöse pro Jahr. Allein seit dem Jahr 2003 sind schweizweit bereits mehr als 600 Stellen im Bereich der Musikwirtschaft gestrichen worden.

Erotik-Apps für Minderjährige

Aber nicht nur für Piraten, sondern auch für Liebhaber erotischer Inhalte ist der Android Market im Vergleich zu Apples App Store ungleich attraktiver. Denn während der Apfel-Konzern vergangene Woche zum wiederholten Mal Anwendungen mit erotischen Inhalten verbannte und einen restriktiven Aufnahmeprozess hat, werden von Googles Angebot zunächst alle hochgeladenen Tools akzeptiert. Erst wenn jemand sie meldet, geht das Unternehmen der Sache nach und entfernt die Anwendung unter Umständen. Harmlose Bikini-Apps wie Screen Wash werden im Unterschied zu Apple nicht beanstandet. Und wer explizite Inhalte braucht, für den gibt es seit Herbst 2009 mit MiKandi ein eigenes Angebot. Er bietet ausschliesslich Sex-Applikationen. Nachdem man mit seinem Google-Gerät auf die Website gegangen ist, wird man zur Installation einer kleinen Anwendung aufgefordert. Anschliessend muss man noch den Nutzungsbedingungen zustimmen und schon kann man im MiKandi-Store stöbern. Damit das Angebot schnell wächst, haben die Seitenbetreiber eine eigene Entwickler-Website eingerichtet und wenden sich überdies mit dem obigen Video an Interessenten, welche Erotik-Tools programmieren möchten. In den Nutzungsbedingungen heisst es, man dürfe die Applikationen nur verwenden, wenn man volljährig sei. Einen wirksamen Kontrollmechanismus haben die Macher aber nicht eingebaut.