Elektronische Bücher

22. Januar 2010 12:13; Akt: 22.01.2010 15:57 Print

Grösse zeigen reicht nicht

von Henning Steier - Amazon hat bei seinem dritten eBook-Reader Kindle DX vieles richtig gemacht. Im Test von 20 Minuten Online wurden trotzdem entscheidende Mängel sichtbar. Die Technologie-Welt wartet auf nächsten Mittwoch. Denn dann könnte Apple seinen Tablet-PC vorstellen, der ebenfalls als Lesegerät taugen und noch viel mehr bieten soll.

storybild

Der Amazon Kindle DX ist für 489 US-Dollar zuzüglich Versand erhältlich.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Am 27. Januar wird Apple wahrscheinlich seinen Tablet-PC vorstellen, über den seit Monaten zahlreiche Gerüchte im Web kursieren, in denen er wahlweise iSlate, iPad oder iTablet heisst. Unter anderem soll er als eBook-Reader taugen, was Geräte wie Amazons Kindle unter Druck setzen dürfte. Denn über den iTunes Store könnte Apple es dem weltgrössten Versandhändler gleichtun, also elektronische Bücher sowie Magazine und Zeitungen zum Download anbieten.

Da Apples Tablet-PC ein vollwertiger Rechner sein wird, dürfte er dem Kindle, was die Funktionen angeht, klar überlegen sein. Denn mit ihm wird man Videos schauen, Texte bearbeiten und spielen können. Kommt er mit dem iPhone OS als Betriebssystem, werden Nutzer zudem Zugriff auf Apples App Store haben, in dem mittlerweile etwa 100 000 Applikationen angeboten werden. Wohl auch als vorweggenommene Reaktion darauf hat Amazon kürzlich ein Kindle Development Kit angekündigt, mit dem Entwickler Applikationen für Amazons Reader schreiben können. Wie 20 Minuten Online berichtete, soll es Gratis-Apps und kostenpflichtige geben. Von letzteren soll es auch Abo-Versionen geben. Wie Apple will Amazon 30 Prozent der Erlöse behalten, der Rest geht an die Entwickler. Wann der App Store starten wird, gab das Unternehmen bislang nicht bekannt. Der eInk-Bildschirm des Kindle ist allerdings nicht farbig, kann keine Videos abspielen und hat seine Probleme mit der flüssigen Darstellung von Bildern. Daher dürften die Apps für die aktuelle Gerätegeneration einfach gehalten sein. Zum Beispiel wären anfangs Spiele wie Sudoku denkbar.

Konkurrenz holt auf

Seit drei Tagen bietet Amazon auch hierzulande seinen neuesten eBook-Reader, den Kindle DX, an. Im Vergleich zum von 20 Minuten Online getesteten Kindle 2 hat der in den USA bereits seit Mai 2009 erhältlich DX 9,7 statt sechs Zoll Bildschirmdiagonale und vier statt zwei Gigabyte Speicher. Echte Innovationen sucht man beim Vater aller Lesegeräte für elektronische Bücher allerdings vergebens. Auf der Consumer Electronics Show (CES) waren Anfang des Jahres hingegen einige zu sehen: So verfügt der Skiff Reader über einen biegsamen 11,5-Zoll-Touchscreen, statt Glas wurde eine Metallfolie verwendet. Wiegt der Kindle DX rund 530 Gramm, bringt der Skiff Reader etwa 450 auf die Waage. Kunden können eBooks im Skiff-Shop kaufen. Ob und wann das Lesegerät hierzulande verfügbar sein wird, ist noch nicht bekannt.

Was die Grösse angeht, ist auch der Que von Plastic Logic mit einer Bildschirmdiagonale von elf Zoll Amazons Reader überlegen. Er hat zudem wie der Skiff Reader ein biegsames Display. Bunte Farben statt trister Grautöne könnte eine auf der CES präsentierte Technologie der US-Firma Qualcomm bringen: Ihre Mirasol-Displays enthalten lichtreflektierende Partikel, die je nach Position nur bestimmte Wellenlängen des Lichts zurückwerfen und so vom Auge des Betrachters als Farben wahrgenommen werden. Nur wenn die Partikel sich ausrichten, wird Energie verbraucht, also beispielsweise beim Umblättern. Für die reine Anzeige hingegen nicht. Das kennt man bereits von klassischen e-Ink-Displays, wie sie im Kindle verbaut werden.

Mehr Speed erwünscht

Und was hat der Kindle DX dem entgegenzusetzen? Glaubt man dem obigen Satire-Video von atom.com ist es die schiere Grösse. 20 Minuten Online hat ihn sich im Kurz-Test genauer angeschaut. Vor allem bei Zeitungen und Zeitschriften spielt der neue Kindle seine Abmessungen voll aus. Nun macht das Stöbern viel mehr Spass als beim Vorgänger. Allerdings hätte Amazon für unseren Geschmack die Geschwindigkeit des Umblätterns verbessern müssen. In zwanzig Versuchen vergingen durchschnittlich immer noch 0,8 Sekunden, bis die nächste Seite aufgerufen wurde.

Gewohnt einfach gestaltete sich das Einkaufen über den Amazon Store. Wie man es vom Vorgänger kennt, kann man sich weltweit kostenlos übers Mobilfunknetz mit dem Shop verbinden und aus etwa 340 000 Werken auswählen. Allerdings sind davon fast alle englischsprachig, was die Attraktivität des Angebots für viele Nutzer schmälern dürfte. Hier wäre es wünschenswert, dass sich Amazon schnellstmöglich mit europäischen Verlegern einigt. US-Besitzer eines Kindle können in den Vereinigten Staaten überdies kostenlos im Netz surfen. Zwar ist der Browser einfach gehalten, aber für Basisaufgaben reicht er allemal. Amazon hat auch in diesem Punkt noch keine Lösung für Europa gefunden, was allerdings auf der Hand liegt. Denn hier müsste man sich mit mehr Mobilfunkprovidern einigen, um ein flächendeckendes Angebot zur Verfügung stellen zu können.

Definitiv verbessert zum Vorgänger hat sich die Bildqualität. Dafür vermissen wir nach wie vor ein Farbdisplay sowie einen Touchscreen. Letztgenannten bietet unter anderem schon der Konkurrent Sony PRS-600, wenngleich dieser im Test träge reagierte. Besser als beim Kindle 2 reagieren beim DX nun die Tasten, sie stehen weiter aus dem Gehäuse heraus, was präzisere Eingaben ermöglicht.

Fazit

Der DX ist mit 489 US-Dollar (510 Franken) plus Versand im Vergleich zur Konkurrenz relativ teuer, ist aber definitiv der bessere Kindle. Amazon hat mitgedacht und beispielsweise die PDF-Unterstützung, welche beim zweiten eBook-Reader noch nachgerüstet wurde, ab Werk installiert. Das grosse Format bietet deutlich erhöhten Lesekomfort. Dafür muss man eine mit vier Tagen um etwa 20 Prozent niedrige Akku-Laufzeit in Kauf nehmen. Von Smartphones abgeschaut wurde die Auto-Rotation des Bildschirminhalts. Allerdings gelang diese dem DX in zehn Versuchen nur sieben Mal auf Anhieb. Klappte es, vergingen durchschnittlich zwei Sekunden - zu lange für unseren Geschmack. Hinzu kommt, dass die eigentlich praktischen Funktionstasten am rechten Gehäuserand im Querformat unbequemer zu bedienen waren. So ist beispielsweise die Home-Taste nun zu weit von der rechten Hand entfernt. Nicht nur deswegen wäre es wünschenswert, dass Amazon dem nächsten Kindle einen Touchscreen spendiert, wenngleich dieser die Akkulaufzeit wiederum deutlich reduzieren dürfte.