Microsoft

14. Oktober 2010 15:16; Akt: 07.02.2011 14:25 Print

«Spiele sind nur der Anfang»

von Henning Steier - Kinect für Xbox 360 macht den Körper zum Controller. Jamie Shotton hat die Technologie mitentwickelt und kann sie sich unter anderem im Operationssaal und bei der Hausüberwachung vorstellen.

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Kinect für Xbox 360: Spielen ohne Controller

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Seit dem 15. September ist Sonys PlayStation Move erhältlich. Den Move-Motion-Controller gibt es für 60, das Paket mit ihm, der Eye-Kamera und einer Demodisc für 90 Franken. Ab dem 10. November kommt das Bundle von Xbox 360 mit vier Gigabyte Speicher und Kinect-Sensor sowie dem Game «Kinect Adventures» für 449 Franken in den Handel. Ohne Konsole werden für das Paket 219 Franken fällig. Wichtigster Unterschied zu Sonys bewegungssensitivem Eingabegerät für die PlayStation 3: Bei Kinect wird der Körper zum Controller.

Vorteil von Nintendos Wii und Sonys Angebot ist, dass sie mit allen Arten von Games funktionieren. Shooter sind mit Kinect bislang nur schwer vorstellbar, weil erfahrenen Gamern die Eingabemöglichkeiten des Controllers fehlen. Dafür kommt Kinect natürlichen Bewegungen bislang am nächsten. Grob verkürzt, werden die Stimmen über Mikrofone und Bewegungen mit einem Tiefensensor erfasst. Jeder Gamer erhält ein virtuelles 42-Punkte-Skelett, dank dem er für Kinect erkennbar wird.

«Als ich vor zwei Jahren zu Microsoft kam, gab es bereits einen Prototypen der allerdings mit drei grossen Problemen zu kämpfen hatte: Zum einen lief er jeweils nur einige Minuten lang, dann verlor er den Spieler aus den Augen. Ausserdem musste man sich an eine bestimmte Stelle bewegen, so dass das System mit dem Codenamen Bones einen erkannte. Und drittens funktionierte es im Grunde nur mit einem menschlichen Körper - dem des Erfinders», erinnert sich Jamie Shotton, der die Technologie bei Microsoft Research in Cambridge mitentwickelt hat, im Gespräch mit 20 Minuten Online.

Spieler im bunten Anzug

Zu Beginn haben sich die Entwickler existierende Technologien angeschaut. Tausende Vorlagen für Körperformen müssen mit den von der Kamera gemachten Bildern abgeglichen werden. «Aber das Problem war die schier unendliche Kombinationsvielfalt von menschlichern Körpern und Gesten. Ein Grund, aus dem unsere ersten Versuche nicht funktionierten: Jede Position der linken Hand muss mit jeder Position der rechten Hand kombiniert werden und so weiter», erklärt Shotton. Daher entschlossen sich die Forscher, jeweils ein Bild der Kamera zu nehmen, jedes Pixel zu analysieren und zu schätzen, zu welchem Teil des Körpers es gehört. «Man stelle sich vor, man trüge einen mehrfarbigen Ganzkörperüberzug. Die rechte Hand ist orange, die linke blau und der Kopf rot. Einen solchen Anzug trägt man aber nicht. Es ging also darum zu berechnen, welchen Anzug ein Spieler tragen könnte. Jedem Pixel wird also eine Farbe zugeordnet - die rechte Hand ist also immer orange - unabhängig von ihrer Position. Also mussten wir den Rechner mit Bildern und Farbdaten füttern, ihn aber gleichzeitig in die Lage versetzen, dazuzulernen.» Die Xbox 360 brauche dann am Ende nur den Bruchteil einer Sekunde, um die richtigen Kombinationen zu erkennen und in Bewegungen auf dem Bildschirm umzusetzen.

Im Januar war bekannt geworden, dass Microsoft auf einen eigenen Kinect-Prozessor verzichtet. Ob dies aus Kostengründen geschah, konnte Shotton nicht sagen. Anfang Oktober hatte Kudo Tsunoda, Creative Director Kinect, in einem Interview mit dem Magazin «XBox 360 World» gesagt, die Steuerung benötige weniger als ein Prozent der Rechenleistung der Konsole. Man habe beispielsweise das Spiel «Forza 3» getestet, das immer noch problemlos mit 60 Bildern pro Sekunde gelaufen sei.

Patientendaten per Fingerzeig

«Spiele sind nur der Anfang», sagt Jamie Shotton. Von Unternehmen, welche die Technologie nutzen wollen, wisse er noch nichts. Denkbar seien beispielsweise Krankenhäuser, in denen Chirurgen während Operationen mit ihrem Körper Zugriff auf Daten eines Patienten hätten. «So müssen sie sich keine Gedanken über von PC-Tastaturen verschmutzte Finger machen», erläutert Shotton. Die Technologie hinter Kinect könnte aber auch eingesetzt werden, um Einbrecher zu erkennen und dem Wohnungsbesitzer eine SMS aufs Handy zu schicken. Zurzeit sei Microsoft dabei, zu entscheiden, welche Tests durchgeführt werden sollen. Eine mögliche Weiterentwicklung: Kameras könnten verdächtige Bewegungsmuster erkennen und melden - beispielsweise Besucher eines Flughafens, die Gepäck abstellen und ohne dieses verschwinden. Denkbar sei auch die Überwachung von Haustieren. «Prinzipiell gibt es dabei keine technischen Probleme, Tiere sind nun mal keine zahlenden Kunden», sagt Shotton. Auch die Integration von Kinect in die Xbox 360 oder den Fernsehern sei denkbar. «Dann hätten Gamer aber keine Möglichkeit mehr die Leiste separat und nach ihren Wünschen aufzustellen», sagt Shotton.

Wenn Spieler weiter als etwa vier Meter vom Kinect-Sensor entfernt stehen, ist er nicht mehr in der Lage sie präzise im Raum zu finden, was Shotton mit der fehlenden Leistungsfähigkeit der Kamera begründet. Kinect ist fürs Wohnzimmer gemacht. Wer draussen damit spielen möchte, wird scheitern, denn das reflektierte Infrarotsignal wird durchs Sonnenlicht verfälscht und wäre damit für Kinect unbrauchbar. «In den zwei Jahren, die ich daran gearbeitet habe, hat sich die Kameraleistung bereits stark verbessert, ich gehe davon aus, dass diese Entwicklung weiter geht», sagt Shotton.

Bilder leichter finden

Der 29-Jährige arbeitet zurzeit nicht mehr an der Weiterentwicklung von Kinect. «Ich beschäftige mich momentan unter anderem damit, die maschinelle Analyse der Bilder von Kernspintomographien zu verfeinern. Ausserdem arbeite ich daran, die Objekterkennung in Fotos zu verbessern, so dass ein Rechner mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit erkennen kann, ob es sich auf einem Bild beispielsweise um eine Statue oder einen Menschen handelt.» Letztgenanntes Projekt hat laut Shotton viele Gemeinsamkeiten mit Kinect. «In diesem Fall werden nicht Pixeln von Körperteilen Farben zugewiesen, sondern welchen von Objekten.» Wenn die Technologie in einigen Jahren marktreif sein wird, soll man zum Beispiel seine Fotosammlung nach Bildern durchsuchen können, die nachts aufgenommen wurden und einen Strand mit Palmen zeigen.

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