Oculus Rift

28. März 2014 11:28; Akt: 28.03.2014 15:18 Print

Fliegen wie ein Vogel

von Jan Graber - Seit Facebook die Oculus Rift gekauft hat, sind virtuelle Realitäten in aller Munde. Tatsächlich wird VR das Gamen revolutionieren, wie der Test eines Vogelsimulators zeigt.

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Learning to Fly: Fabian Troxler demonstriert das rudimentäre Entwicklungsmodell des Vogelflugsimulators «Birdly». Der öffentlich zugängliche Simulator steht im Naturschutzzentrum Neeracherried. (Bild: Jan Graber)

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Weit unten wiegt das Gras. Ich sehe Bäume, Strommasten, Häuser. Zwar ein wenig kantig, aber dreidimensional. Es fühlt sich hoch an, sehr hoch. Ich spüre Wind im Haar. Dann kippe ich beide Hände nach vorne; ich bemerke einen leichten Widerstand von Holz, einen Ruck, mein Körper kippt nach vorne, und plötzlich geht es abwärts. Rasend schnell. Der Wind nimmt zu, der Boden, die Häuser, das Gras kommen rasant näher. Viel zu schnell. Ich klappe die Hände nach hinten. Nichts passiert. Ich verkrampfe mich, mein Atem geht schneller, der Boden kommt näher, das Herz rast mit, ich drücke und bewege die Arme wie Flügel. Langsam bewegt sich mein Körper zurück in die Horizontale, doch der Boden kommt immer noch viel zu schnell auf mich zu. Das Herz pocht, ich schnappe nach Luft und um Federbreite schleife ich dem Grund entlang, ein paar Grashalme fliegen an mir vorbei und ich gewinne wieder an Höhe.

Zürich, am Sihlquai. In einer Werkstatt der Zürcher Hochschule der Künste steht ein aus Holz und Metallstangen konstruiertes Gestell, das so rudimentär aussieht wie wohl die ersten Versuche der Gebrüder Wright, als sie ihr erstes Fluggerät entwickelten. Es ist der Entwurf des Vogelsimulators Birdly, der Menschen das Gefühl vom Fliegen vermitteln soll. Der Benutzer legt sich auf die Konstruktion, zieht die Virtual-Reality-Brille Oculus Rift über und taucht ein in eine künstliche Realität, in der er die Welt aus der Sicht eines Vogels, namentlich eines Rotmilans, erlebt.

Ein Vorgeschmack auf die Zukunft

Entwickelt vom ZHdK-Dozenten Max Rheiner, dem MA-Studenten Fabian Troxler, dem Illustrator Thomas Erdin und dem Werkstattleiter Thomas Tobler, ist der Simulator anlässlich des Jubiläums des Naturschutzzentrums Neeracherried entstanden. Das Ziel: Menschen das Gefühl vom Fliegen zu vermitteln. Tatsächlich ist das Gefühl auf dem Gerät kaum zu beschreiben. Auch wenn man schwer wie eine Tonne auf dem Gerät liegt: Sobald die virtuelle 3-D-Welt durch die VR-Brille sichtbar wird, sich die Konstruktion mit Motoren in Bewegung versetzt und der Wind einschaltet, ist alle Schwere vergessen – man fühlt sich wie ein Vogel.

Für Videospieler ist der Simulator indes nur ein Vorgeschmack darauf, was sie in Zukunft erwarten dürfte: Spiele, in die man mit dem ganzen Körper eintaucht, egal wie die schwarze Klotz-Brille auf dem Kopf aussieht. Es ist dieses Gefühl, sich wirklich mitten im Geschehen zu befinden und nicht nur aussenstehender Puppenmeister zu sein, das die Entwickler seit Anbeginn der Computerspielgeschichte fasziniert hat. Nicht zuletzt dank der Stereoskopie (dem bekannten 3-D-Effekt) und dem Kickstarterprojekt Oculus Rift ist dieser Traum in greifbare Nähe gerückt. Die Brille alleine reicht dazu jedoch nicht. Es ist die Kombination des räumlichen Sehens und der physischen Wahrnehmung, die den Effekt maximiert.

Seekrankheit inklusive

Max Rheiner nennt den Effekt Embodiment, die Nutzung der körperlichen Intelligenz und somit auch die Verkörperung des virtuellen Raums – ein eigenes Forschungsgebiet. «Der Simulator zeigt, was mit Virtual Reality noch möglich wäre», sagt Rheiner. Allein schon eine bessere, realistischere Grafik würde die Täuschung verstärken. Doch dafür braucht es Rechenpower, denn jedes Bild muss zweimal gerechnet werden – je einmal pro Auge. Verblüffend ist jedoch der Effekt der Bewegung: Bereits beim leichten Kippen der Flugplattform entsteht das Gefühl, dass es steil bergab geht – der Blick auf den heranrasenden Boden gaukelt es vor.

«Manchen Leuten wird es auch schlecht», sagt Rheiner. Besonders wenn die Bewegung des Apparates nicht mit dem Bild übereinstimmt, kommt das Hirn ins Trudeln. Das Resultat: Seekrankheit, ein grundsätzliches Problem von Oculus Rift, das noch nicht restlos ausgemerzt worden ist.

Ungeachtet eines leichten Unwohlseins steige ich nochmals in die virtuellen Lüfte – dieses Mal ohne Sturzflug – und segle durch die virtuelle Welt. Bis ein Windrad vor mir auftaucht. Und ich blöderweise reinfliege. Womit mein Herz nochmals rast, der Rotmilan abgestürzt wäre und es Game over heisst.

Der Vogelflugsimulator kann ab dem 29. März im Neeracherried ausprobiert werden.

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