Dr. Game

07. Oktober 2017 21:35; Akt: 07.10.2017 21:35 Print

«Für die Forschung muss ich auch spielen»

von Jan Graber - Selim Krichane ist der erste Gameforscher der Schweiz mit Doktorabschluss. Er verrät, was er spielt und weshalb Game-Forschung wichtig ist.

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Wieso setzt sich die Wissenschaft überhaupt mit Games auseinander?
Selim Krichane: Games sind zu einem zentralen kulturellen Element unserer Gesellschaft geworden. Die Wissenschaft muss eine Perspektive auf diese kulturelle Praxis liefern, denn Kultur verbindet und ermöglicht die Kommunikation. Auch die akademische Welt muss sich damit auseinandersetzen.

Umfrage
Interessiert Sie, was die Wissenschaft zu Games zu sagen hat?

Welche Perspektiven kann die Wissenschaft denn liefern?
Sehr viele, je nach Disziplin. Soziologen zum Beispiel untersuchen, wer, wann und wie spielt, und analysieren die Zahlen unabhängig von denen der Industrie, die oft ungenau sind. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Geschichte der Videospiele. Wir vergessen oft, dass Games eine vierzigjährige ökonomische und industrielle Geschichte haben. Vieles davon ist nicht festgehalten. Eines der wichtigen Projekte unseres Unil Gamelabs [siehe Box] behandelt deshalb die Geschichte der Schweizer Spielentwicklung. Die Schweiz beheimatet seit den 1980er-Jahren Gameentwickler – dieses Erbe muss man erhalten.

Was hatte Sie bewogen, einen Doktor in Game Studies zu machen?
Ich studierte in Lausanne Humanwissenschaften mit dem Hauptthema Filmwissenschaften, war aber immer leidenschaftlicher Gamer. Meine Masterarbeit machte ich im Bereich Filmwissenschaften, aber als es darum ging, ein Thema für die Doktorarbeit zu finden, erkannte ich, wie seit der Einführung der 3-D-Perspektive in Games die Ästhetik aus der Filmwelt eine Rolle spielt. So entstand meine Doktorarbeit «The Imaginary Camera».

Worum geht es darin?
Es geht spezifisch um den Begriff «Kamera» und wie er seit Mitte der 1980er-Jahre die Gameentwicklung prägt. Ab den 1990er-Jahren dienten Filme selbst als Modelle für Games. Was damals entwickelt wurde, zum Beispiel die Sicht aus der Ego-Perspektive, spielt auch heute noch eine zentrale Rolle. Für die Thesis las ich rund 600 Gamemagazine und mehrere Hundert Game-Manuals.

Beeinflussen Games auch die Filmindustrie?
Ja, vor allem auch in erzählerischer Hinsicht. In Filmen wie zum Beispiel «The Edge of Tomorrow» wird das Loop-Motiv [die Wiederholung gleicher Zeitabschnitte, Anm. d .Red.] stark genutzt. Das wurde von Games inspiriert.

Sie haben die Leidenschaft Games erwähnt. Spielen Sie selbst auch noch?
Ich spiele regelmässig, auch für die Forschung. Ich spiele zum Beispiel «NieR: Automata» auf der PS4, habe mir aber auch eine Switch gekauft. Dort spiele ich «Arms» und habe soeben «The Legend of Zelda: Breath of the Wild» beendet. Über dieses Game möchte ich ein Buch schreiben.

Wird dies Ihr nächstes Projekt sein?
Eines unter vielen. Im Unil Gamelab sind wir eine Gruppe von vier Wissenschaftlern, und eines der gemeinsamen Projekte wird sein, einzelne Spiele zu untersuchen.

Welchen Beruf übt ein Dr. Game eigentlich aus?
Ich bin Junior-Dozent an der Universität Lausanne und arbeite daneben an Forschungsprojekten. Letztes Jahr gab ich Game-Studies-Klassen für Studenten der Humanwissenschaften, dieses Jahr doziere ich im Bereich der Filmwissenschaft.

Arbeiten Game-Wissenschaftler und Game-Hochschulen wie die ZHdK eigentlich zusammen?
Obwohl Game Design viel zum Feld der Game Studies beigetragen hat, handelt es sich in der Schweiz derzeit noch um zwei parallele Welten. Eines der Ziele wäre, diese Lücke zu schliessen, wie es auch in der Filmwelt zwischen der Industrie und der Wissenschaft passiert ist. Im Bereich der Game Studie befinden wir uns in der Schweiz diesbezüglich aber noch in den Kinderschuhen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • MrNiceGuy am 07.10.2017 21:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dr. Game

    Als Dr. Game wird man also Dozent. Je mehr Dozenten, desto mehr Studenten, desto mehr Dozenten, desto mehr Studenten... Dieses Studium scheint sich zu lohnen.

  • Andrej am 07.10.2017 23:44 Report Diesen Beitrag melden

    Besucht Russland!

    Wer an einem unkonventionellen Abschnitt der Videospielgeschichte interessiert ist: In Moskau und St.Petersburg gibt es je ein Museum zur Geschichte der Sowjetischen Arcade-Stations - eines der interessantesten und spannendsten Themen der (Videospiel-)Geschichte und der Geschichte der Sowjetunion überhaupt! Beim Eintritt erhält man einige Jetons und kann auf wieder funktionstüchtigen Arcade-Stations die Klassiker des sozialistischen Spielerproletariats zocken :-)

  • Herr Max Bünzlig am 08.10.2017 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    Herr Selim Krichane, nun habe ich Grund genug am Arbeitsplatz zu spielen, danke

Die neusten Leser-Kommentare

  • TheLegend24 am 08.10.2017 12:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    naja, schön für ihn

    Aber zu studieren nur um später als Dozent arbeiten zu können ist nicht sehr gescheit. Vorallem weil Games, Kultur und etc. sich schnell verändern. Die Jobsicherheit ist in seinem Fall nicht gegeben.

  • Herr Max Bünzlig am 08.10.2017 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    Herr Selim Krichane, nun habe ich Grund genug am Arbeitsplatz zu spielen, danke

  • Ronny C. am 08.10.2017 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Games sind mehr als ein Produkt

    Es wird Zeit, dass Games als kulturelle Elemente und als Kunstform endlich ernst genommen werden. Jeder billige Schundroman am Kiosk gilt als "Kunst" genauso wie das übliche Gedudel auf Liftmusik-Niveau vieler bedeutungsloser Bands.Games mit mehreren Jahren Entwicklungszeit und einem Team von bis 300 Entwicklern, Grafikern, Storyschreiber usw. sind in den Augen vieler bestenfalls "ein Produkt". Langsam bessert sich die Situation offenbar und Retro-Magazine bringen die Geschichte der Games auch einem jüngeren Publikum näher.Neue Retro-Konsolen wie das NES/SNES mini sind ein wichtiger Teil dabei

  • sorry am 08.10.2017 04:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ehhmm neiiin

    Er hat Nier Automata auf der Switch gespielt??!

  • Andrej am 07.10.2017 23:44 Report Diesen Beitrag melden

    Besucht Russland!

    Wer an einem unkonventionellen Abschnitt der Videospielgeschichte interessiert ist: In Moskau und St.Petersburg gibt es je ein Museum zur Geschichte der Sowjetischen Arcade-Stations - eines der interessantesten und spannendsten Themen der (Videospiel-)Geschichte und der Geschichte der Sowjetunion überhaupt! Beim Eintritt erhält man einige Jetons und kann auf wieder funktionstüchtigen Arcade-Stations die Klassiker des sozialistischen Spielerproletariats zocken :-)

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