Nur noch 5 Minuten Mutti

06. April 2012 15:51; Akt: 06.04.2012 15:52 Print

Aus dem Leben eines Videospielers

von Olivier Marti - Für viele Leser, gerade die weiblichen, mag es unverständlich sein, wie man als 30-Plus-Mann seine Zeit mit Videospielen verbringen kann. Ein Erklärungsversuch, wie es so weit kommen konnte.

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Als kleiner Bub entbrannte in mir schon früh der Wunsch eine eigene Videospiel-Konsole zu besitzen. Wehmütig kam ich jeweils an schulfreien Nachmittagen, von meinem damals besten Freund nach Hause. Was bei uns zuhause bloss ein Fernseher darstellte, war beim Schulfreund weit mehr. Dank einer daran angeschlossenen Atari 2600 Spiel-Konsole war es ein Wallfahrtsort des Vergnügens.

Da mir im eigenen Heim der Wunsch nach einer Spiel-Konsole auch mit dem Erscheinen des legendären Nintendo Entertainment System (NES) beharrlich verweigert wurde, blieb mir zur Erfüllung meiner Träume nur der Umweg über den väterlichen PC übrig. Seit kurzem stand ein brandneuer i386 IBM-Computer im Keller - samt sagenhaften 8 MHz Rechenleistung.

Zaghafte erste Schritte

Stundenlang trieb ich mich fortan in diversen Elektronik-Fachgeschäften rum, um die immergleichen Papp-Kartons der aktuellsten PC-Spiele zu betrachten. Die Bilder der ZakMcKrackens, GuybrushThreepwoods und CommanderKeens zogen mich magisch in ihren Bann. «Muss ich haben, muss ich haben!» entsprang es meinem frühjugendlichen Geiste. Doch da leider das notwendige Taschengeld für die meisten Titel nicht ausreichen wollte, blieben nur die verschlungenen Pfade über dubiose Kleinanzeigen längst vergilbter Spiele-Magazine.

Da sich die vermeintlichen Schnäppchen aus den Kleinanzeigen aber leider viel zu oft als Computerviren denn als spielbare Freuden aus Bits und Bytes entpuppten, verwehrte mir auch dieser Weg den Einlass in den Olymp grenzenlosen Spiel-Spasses.

So mag es dann auch nicht verwundern, dass sobald alt genug, ich damit begann, in meiner Freizeit Zeitungen zu verteilen. Mit dem Lohn erstand ich mir anno 1992 das brandneue Nintendo Entertainment System (kurz SNES) und war fortan das glücklichste Kind der Welt.

Die Dinge nehmen ihren Lauf

Von da an gab es kein halten mehr. Monat für Monat verschlang ich sämtliche Spiele-Artikel aller Magazine, sorgfältig abwägend, welche Spiele ich mir mit meinen begrenzten Ressourcen als nächstes leisten wollte. Stundenlang verbarrikadierte ich mich zu ausgiebigen «Street-Fighter 2»-Sessions (Ich hasse Dich immer noch Andrej. Dich und deinen verfluchten Blanka!). Beinahe warm ums Herz wird mir auch beim Gedanken, wie ich Prinzessin Zelda und Peach wiederholte Male stoisch aus den Fängen des Bösen befreien konnte.

Und so vergingen die Jahre und aus dem kleinen Bub mit den glänzenden Äuglein wurde ein abgebrühter Zocker, den nichts mehr aus der Ruhe brachte. Konsolen kamen (ich hatte sie alle!) und gingen. Gäbe es einen Friedhof für Spielkonsolen, ich wurde meiner PlayStation 1 heute noch regelmässig Blumen aufs Grab legen.

Ich habe über die Jahre so viele Spiele gespielt, ich hätte in dieser Zeit wohl locker Chinesisch Mandarin fliessend lernen, so wie ein russisches Studium in Nano-Physik absolvieren können. Aber ob die erwähnten Alternativen auch nur annähernd so viel Spass gemacht hätten, wie die Stunden mit meinen Spielhelden; ich hege starke Zweifel.

Und wozu dass nun alles?

Und so hat sich aus der anfänglichen Begeisterung eine stattliche Karriere von 20 Jahren Videospielen ergeben. Auch bei mir fordern mit dem Alter einhergehende Verpflichtungen ihren Tribut und die Zeit will somit besser eingeteilt werden. So spiele ich mittlerweile wesentlich selektiver, da man die meisten Spiele in dieser oder ähnlicher Form einfach schon gesehen hat. Immer besser werdende Grafiken können da auch nur bedingt darüber hinwegtäuschen.

Dennoch lasse ich mir auch heute noch ausgedehnte Ruhepausen auf dem Klo nicht nehmen. Wenn nicht mindestens ein Bein humpelt, war es den Besuch nicht wert. Anstelle von «Tetris» ist es heute einfach «Angry-Birds». Ich freue mich auf die nächsten 20 Jahre!

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