Sprache für Kinder

17. Februar 2018 19:32; Akt: 19.02.2018 10:03 Print

Das Game, das nach sexuellem Missbrauch hilft

von J. Graber - Bei sexuellen Übergriffen fehlt Kindern oft das Vokabular. Ein holländisches Game hilft, das Erlebte zu formulieren. Auch die Polizei zeigt Interesse.

Der Entwickler Menno van Pelt-Deen erklärt das Therapiespiel «VilDu?! Wil Je?». (Video: 20M)
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Am Anfang fehlen die Worte. Etwas Traumatisches geschieht, doch das Opfer bleibt sprachlos – entweder aus Schock, Scham oder ganz einfach, weil die Sprache für das Erlebte fehlt. Ganz besonders gilt dies für Kinder, die sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind. Sie kennen meist weder die richtigen Worte, um das Erlebte zu benennen, noch wissen sie in vielen Fällen, was überhaupt mit ihnen geschehen ist. Sie (oder die Eltern) wissen nur, dass etwas nicht stimmt.

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Sollen Spiele wie «VilDu?! Wil je?» auch der Aufklärung von Vergehen durch die Polizei dienen?

Diese Erkenntnis kam dem Niederländer Menno van Pelt-Deen beim Geständnis eines Freundes, der erstmals über seinen eigenen sexuellen Missbrauch sprach. Und danach während einer Nacht, in der van Pelt-Deen und weitere Freunde sich betranken, während sie über eigene erlebte Grenzüberschreitungen sprachen. «Wir alle hatten solche Situationen erlebt. Das Schwierigste war, dafür das richtige Vokabular zu finden», sagt van Pelt-Deen.

Nein sagen mittels Button

Es passte gut, dass Menno van Pelt-Deen schon länger ein einfaches, therapeutisches Spiel entwickeln wollte, ihm aber das Thema fehlte. Dass zugleich ein Game-Jam zum Thema «Sex, Love and Romance» stattfand, der von Nonprofitorganisationen hinter dem Lyst Summit organisiert wurde, kam gelegen: Zusammen mit Mitstreitern entstand die erste Version eines Spiels, das danach zum therapeutischen Game «VilDu?! Wil Je?» weiterentwickelt wurde, einem sexuellen Entdeckungsgame, das Therapeuten unter anderem hilft, mit missbrauchten Kindern zusammenzuarbeiten und zu verstehen, was mit ihnen geschehen ist.

Wortlos: Das Therapiespiel «VilDu?! Wil je?»

Das Spielprinzip von «VilDu?! Wil je?» – übersetzt: «Willst du?» – ist einfach: Sowohl das Kind wie auch die Therapeutin oder der Therapeut haben ein iPad vor sich, auf dem zwei angezogene Menschen zu sehen sind. Die Spieler können die Figuren anschauen, streicheln, ausziehen und mit ihnen interagieren. Ein «Time out!»-Button erlaubt es, das Spiel sofort zu beenden, wenn es zu weit geht. Menno van Pelt-Deen: «Es ist einfacher, einer App Nein zu sagen als einem Menschen, der dir gegenübersitzt.»

Polizei eingeschaltet

Der Gamedesigner streicht zwei Beispiele heraus, in denen «VilDu?!» eingesetzt wurde. Im einen Fall wurde ein geistig behindertes Mädchen von einem Nachbarn missbraucht. Anhand des Spiels fand die Therapeutin heraus, dass sich der Nachbar vor dem Mädchen selbst befriedigt hatte – und nicht noch Schlimmeres geschehen war. Das zweite Beispiel ist tragischer und beschreibt den Fall eines syrischen Mädchens, das während der Flucht in den Westen vergewaltigt worden war. Da es kein Holländisch verstand, konnte es sich nicht ausdrücken. Das Game half, dem Verbrechen auf die Spur zu kommen, worauf die Polizei eingeschaltet wurde. Zu einer Verhaftung kam es indessen nicht.

Die Polizei und die Gerichte haben laut Menno van Pelt-Deen grundsätzlich Interesse am Spiel gezeigt, um Übergriffsfälle aufzuklären. Weil das Game wissenschaftlich aber noch nicht validiert ist, darf es noch nicht zur Beweisführung eingesetzt werden. Dennoch kann es wertvolle Hinweise liefern, was geschehen ist. Im Spiel geht aber nicht nur ums Recht. Van Pelt-Deen: «Das Game hilft Kindern auch, sich generell mit dem Thema Sexualität auseinanderzusetzen, die eigene Neugierde zu befriedigen und Grenzen zu erkennen.»

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