Serious Games

03. Juni 2017 17:15; Akt: 03.06.2017 17:15 Print

Wenn aus dem Ernst des Lebens ein Spiel wird

von Jan Graber - Serious Games nutzen den Unterhaltungswert, um zum Lernen oder Training zu motivieren oder Wissen zu vermitteln. Doch sie haben ihre Grenzen.

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«Plunder Planet» gehört zu den sogenannten Exergames, die einen koordinierten und kognitiven Einsatz des Körpers verlangen und für Trainings- und Therapiezwecke eingesetzt werden. Entwickler: ZHdK zusammen mit Koboldgames. Ein früher Vertreter der Serious Games ist das mehrfach ausgezeichnete «Gabarello», das gehbehinderte Patienten bei den mühsamen Rehabilitätions-Übungen unterstützt. Entwickelt wurde es von der ZHdK in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich, der Universität Zürich und dem Kinderspital Zürich. Das «Serious Moral Game» untersucht das moralische Verhalten im Geschäftsleben und sensibilisiert für moralische Probleme im Finanzsektor. Entwickler: Koboldgames. Zukunftsvision: Im Rennpiel «Brain Runners» werden die Spielfiguren ausschliesslich über Gehirnimpulse gesteuert. Technologien dieser Art können Menschen dienen, die vom Hals abwärts gelähmt sind. Entwicklung: ETH Zürich und ZHdK. «Lucy» wird als «Urban Game für internationale Studierende der ZHdK» beschrieben und soll Auswärtigen wie auch Einheimischen helfen, die Stadt und lokale Kultur kennenzulernen. Begleitet wird «Lucy» von einem Forschungsprojekt. Entwickler: ZHdK. Mit dem witzigen Serious Game «Yamy et les aliments» wird Kindern die Bedeutung der Ernährungspyramide und damit die gesunde Ernährung nähergebracht. Entwickler: Koboldgames. Ebenfalls zur Ernährungslehre dient «Fresh Food Runner» von Koboldgames. Gamer lernen auf spielerische Weise, die Saisons von Früchten und Gemüse kennen. Das textbasierte Awarness-Spiel «Spent» macht auf eindrückliche Weise klar, welchen Kampf drohende Armut und Jobsuche bedeuten. Dem Game zugrunde liegt die Arbeitssituation vieler Amerikaner. Entwickler: Urban Ministries of Durham, USA. Auch bekannte Games wie «Eve Online» können für seriöse Zwecke eingesetzt werden: Zwischen Kampfpausen konnten Gamer auf spielerische Weise Stammzellen klassifizieren und so eine zeitraubende Fleissarbeit erledigen. Serious Games können auch für stereotype Rassenfragen sensibilisieren. «Fairplay» versetzt die Gamer in die Haut eines farbigen Studenten, der eine Professurstelle antritt und mit Vorurteilen konfrontiert wird. Nicht alle Spiele erfüllen ihren Zweck: «EcoDriver» will zwar fürs kluge Fahren mit reduziertem Benzinverbrauch sensibilisieren, der Unterschied zwischen der Steuerung durch die Finger und dem Drücken des Gaspedals dürfte aber zu gross sein, um zu einem Transfer zu führen. Genau genommen kann auch ein Blockbusterspiel wie «Gran Turismo» lehrreiche Informationen enthalten, beispielsweise zum Kennenlernen von Automarken, aber auch zum Erlernen der perfekten Fahrlinie inklusive Bremsen und Gas geben. Offensichtlicher ist der Lerneffekt in Spielen wie «Assassin's Creed», in das tatsächliche historische Begebenheiten und Gebäude eingebaut sind. Als Serious Games können diese Spiele freilich nicht bezeichnet werden. Zu viel Unterhaltung lenkt ab: Beim Spiel «Moorhuhn» geriet die ursprünglich geplante Werbung für ein alkoholisches Getränk komplett aus dem Fokus.

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Ohne die Fähigkeit zum Spielen wäre unsere Welt eine andere, stellte der Kulturhistoriker Johan Huizinga 1938 in seinem Buch «Homo Ludens» fest. Der Spieltrieb und dessen Auswirkungen auf die Wirklichkeit stellten eine Grundbedingung für die Entwicklung unserer Gesellschaft dar. Dass Videospiele ebenfalls einen Beitrag dazu leisten können, ist für viele nicht selbstverständlich: In der weit verbreiteten Ansicht dienen sie ausschliesslich der Unterhaltung. Ein Irrtum.

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«Auch ‹Gran Turismo› kann einen Lerneffekt haben», sagt Ralf Mauerhofer von Koboldgames, einem Schweizer Gamestudio, das sich auf Serious Games spezialisiert hat. Das sind Spiele, deren Hauptfokus nicht auf der Unterhaltung liegt, sondern darauf, einen bestimmten realen Zweck zu erfüllen: bestimmte Muskeln bei Patienten stärken, eine Sprache erlernen, Wissen vermitteln oder auf gesellschaftliche Probleme wie beispielsweise Armut oder Rassismus aufmerksam machen.

Lernen mit dem Flow

Serious Games kommen auch bei Umfragen zum Einsatz. «Die Befragten antworten bei herkömmlichen Umfragen oft so, dass sie ein möglichst gutes Bild von sich selbst abgeben», sagt Mauerhofer. Werden die Daten mithilfe eines Games erhoben, sei dies anders.

Der Grund liegt in der Identifikation mit der Spielfigur, denn sie verändert die eigene Wahrnehmung und damit die Handlungsweise: Im Spiel agieren Menschen ehrlicher, als wenn sie das Gefühl haben, unter Beobachtung zu stehen.

Das Zusammenspiel zwischen Aufgabe und Belohnung hilft zudem, zu Leistungen zu motivieren, die sonst als mühsam empfunden werden. Repetitives physisches Training oder das Lernen von Vokabeln geht spielend leichter von der Hand. «Beim Spielen entsteht ein Flow, der den Lern- oder Arbeitsprozess unterstützt», sagt Mauerhofer.

Das richtige Rezept finden

Die grösste Herausforderung beim Entwickeln eines Serious Games sei, die Zielgruppe genau zu bestimmen und das Spiel darauf auszurichten. Ältere Menschen für ein Game zu begeistern, sei zum Beispiel schwieriger, als jüngere Nutzer zu gewinnen.

Entscheidend ist auch die Balance: Ein Spiel mit zu viel Lerninhalt verliert schnell seinen Reiz, die reine Unterhaltung führt hingegen nicht ans Ziel. «Beim beliebten ‹Moorhuhn›-Game wussten nur die wenigsten, dass es sich um Alkoholwerbung handelte», sagt Mauerhofer. Die Unterhaltung lenkte von der Message ab.

Diese möglichst gut in ein Spiel zu übertragen, sei die grösste Herausforderung. Designer arbeiten deshalb stets mit Fachspezialisten und Forschern zusammen. «Sie bringen den Inhalt, wir entwickeln die Spielidee», sagt Mauerhofer.

Wirken die Games?

Die Entwicklung von Serious Games ist für Studios wie Koboldgames deshalb interessant, weil sie sich auf feste Auftraggeber verlassen können. Anders als bei kommerziellen Spielen, deren Erfolg auch Glücksache ist, kann mit festen Budgets gerechnet werden. «Die Herstellung eines einfachen Serious Games dauert im Durchschnitt etwa ein halbes Jahr und kostet rund 100'000 Franken», sagt Mauerhofer.

Über die reale Auswirkung von Serious Games bestehen indessen noch keine gesicherten Erkenntnisse. Da Games im virtuellen Raum spielen, wird das Gelernte nicht automatisch auf die Realität übertragen – und besser in einem Spiel zu werden bedeutet nicht, dass auch etwas dazugelernt wird. «Derzeit laufen Studien, um den Nutzen von Serious Games zu erforschen», sagt Mauerhofer.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ooh am 03.06.2017 23:34 Report Diesen Beitrag melden

    neiin

    Ich war der erster und einziger der bei der Umfrage teilnehmen konnte. Und ich konnte die Situation nicht beurteilen!

  • Typhoeus am 03.06.2017 17:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Det Ernst des Lebens

    ist meist ein Trauerspiel

    einklappen einklappen
  • Rick And Morty am 03.06.2017 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Game

    Kennt jemand das Spiel Roy: A life well lived? Echt der hammer

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ooh am 03.06.2017 23:34 Report Diesen Beitrag melden

    neiin

    Ich war der erster und einziger der bei der Umfrage teilnehmen konnte. Und ich konnte die Situation nicht beurteilen!

  • Rick And Morty am 03.06.2017 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Game

    Kennt jemand das Spiel Roy: A life well lived? Echt der hammer

  • Typhoeus am 03.06.2017 17:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Det Ernst des Lebens

    ist meist ein Trauerspiel

    • DaniZH am 03.06.2017 18:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Typhoeus genau

      immer noch besser als wenn der Ernst in dir steckt.

    • Snooker am 10.06.2017 16:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @DaniZH

      genau deiner Meinung.

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