30. Juni 2007 06:18; Akt: 02.07.2007 13:00 Print

Das iPhone von Apple im 20minuten.ch-Test

Endlich ist das iPhone da. 20minuten.ch hat in Brooklyn eines gekauft und getestet. Erstes Fazit: Das iPhone ist toll.

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Keine Chance besteht, das begehrte iPhone an diesem Freitag in New York im Apple Store an der Prince Street zu kaufen. Dort begann sich bereits am Montag eine Schlange zu bilden. Inzwischen warten vielleicht tausend Kaufwillige, die Polizei hat Barrieren aufgestellt. Per Subway geht es nach Brooklyn zur Fulton Street Mall, eine reichlich abgetakelte Fussgängerzone mit One-Doller-Stores und Turnschuhgeschäften.

Vor dem Geschäft des Netzbetreibers AT&T warten zwei Dutzend Leute auf dem Bürgersteig. 20minuten.ch erhält eine Platzkarte mit der Nummer 27. Es ist heiss und schwül, weit über dreissig Grad. Noch dauert es vier Stunden, bis das Telefon in den Verkauf gelangt. Die Warterei wird zum Volksfest. Immer mehr Leute strömen herbei, sie essen und trinken, spielen Karten. Passanten, die nicht wissen, was vor sich geht, schütteln den Kopf. «Gibt es hier etwas gratis?», fragt einer. Wütend beschimpft eine Frau die Wartenden. «Gott hat Euch das Leben geschenkt, und ihr sitzt hier rum und tut nichts, das ist eine Sünde. Amen.»

Endlich. 18 Uhr. Der Verkauf rollt an. Jeweils acht Leute dürfen in den Laden. Das Telefon kriegt nur, wer eine Kreditkarte hat. Bargeld nimmt AT&T nicht. Polizisten sorgen für einen geregelten Ablauf. Nach zehn Minuten steigen die Computer aus, die Warterei dauert an. Zwei Stunden vergehen, bis das iPhone endlich gekauft ist. Die Version mit 8 Gigabyte Speicherplatz kostet stattliche 600 Dollar.

Im Büro wird es geöffnet. Nach einem vierstündigen Test das Fazit: Der enorme Hype um das iPhone war berechtigt. Das Gerät ist überraschend einfach zu bedienen und bietet unendliche Möglichkeiten, sich zu unterhalten. Nahtlos funktioniert die Software, welche der Konkurrenz bei weitem überlegen ist. Das iPhone ist das erste Smart Phone, das tatsächlich smart ist. Es ist zugleich ein Telefon, ein Computer mit Internet-Browser, ein E-Mail-Programm und ein Video iPod. Zu wünschen übrig lässt jedoch das wenig inspirierte Design, ein Bereich, in dem Apple sonst sehr stark ist. Das iPhone ist zu gross, zu breit und zu dick. Sinnlich wirkt das Gerät nicht, viel eher ähnelt es einem platt gedrückten Ziegelstein.

Video 1: Surfen mit dem iPhone

Video 2: Youtube-Videos auf dem iPhone

Verblüffend schnell arbeitet dafür der vom Mac-Betriebsystem OS X gesteuerte Prozessor. Der Bildschirm ist hoch auflösend und hell. Apple verzichtet auf eine mechanische Tastatur, die virtuelle Tastatur funktioniert einwandfrei und ist weniger gewöhnungsbedürftig als von Kritikern befürchtet. Wer mit einem Finger schreibt, ist geschwind und treffsicher.

Intuitiv und überraschend schnell gewöhnt man sich an den berührungsempfindlichen Monitor, über den das Gerät gesteuert wird. Man hat das Gefühl, die Daten regelrecht zu berühren. Die Sensibilität scheint gerade richtig eingestellt. Allerdings bedarf es oft mehrere Zwischenschritte, um an die gewünschte Stelle zu kommen. Eher ärgerlich, dass das ruhende Gerät alsbald in den Schlafmodus fällt und über zwei Stationen aktiviert werden muss.

Dafür lässt es sich blitzschnell aufsetzen. Binnen Minuten ist es mit dem Mac oder dem PC synchronisiert. Sofort sind die Bookmarks, die E-Mail-Konten und das Adressbuch auf dem Handy abgespeichert. Schlicht umwerfend ist der Safari-Browser, der eine vollwertige Nutzung des Internets zulässt. Seiten öffnen sich im Nu. Problemlos kann man Passwörter eintippen oder die Suchfunktionen von Google oder Yahoo anwählen. 20minuten.ch testete das Gerät allerdings über eine schnelle WLAN-Verbindung und nicht über das langsamere Datennetz von AT&T.

Bahn brechend aber etwas gewöhnungsbedürftig ist der Video-iPod ausgefallen. Dessen Funktionalität hebt sich stark vom herkömmlichen Musikplayer ab. Weggefallen ist das vertraute Scroll-Rad. Dafür ist es nun möglich, durch Platten-Covers oder Filmposter zu blättern. Endlose Unterhaltung bietet die integrierte, eigens auf das iPhone zugeschnittene Version von YouTube. Schneller auf der YouTube-Website lassen sich Videos finden und in nahezu perfekter Qualität betrachten. Bestechend auch, wie sämtliche Programme miteinander harmonieren. Gänzlich ohne Bedienungsanleitung findet man sich zurecht. Zwei Klicks genügen beispielsweise, um dem Autor eines YouTube-Videos eine E-Mail zu schicken.

Eine Funktion konnte 20minuten.ch nicht testen: Das Telefon. Apple konnte die Telefonfunktion erst am Samstag einrichten, teilt eine entnervte AT&T-Angestellte mit, die ich über eine Landlinie anrufe, nachdem das iPhone kein Signal hat. «Wir sind alle wütend auf Apple», sagt sie. Per E-Mail schickt Apple eine Bestätigung, das Gerät sei registriert. Bei Fragen soll man sich an die Nummer 1-800-MY-iPhone wenden. Dort nimmt ein freundlicher Brite ab. «Wir haben nichts mit Apple zu tun, Apple hat eine falsche Nummer publiziert, wir kriegen dauernd Anrufe», sagt er.

Das iPhone im Detail:

Die Verpackung

Jedes Apple-Gerät beginnt mit der stilvoll gestalteten Schachtel, in der es liegt. Das iPhone steckt in einer kleinen, rechtwinkeligen schwarzen Box. Diese erinnert an die Verpackung teurer Uhren. Kaum ist der Deckel weg, erscheint das Telefon, bedeckt mit einer Plastikfolio. Hinter einem schwarzen Karton liegen ein Dock, ein USB-Kabel, ein zusätzliches Reiseladegerät sowie die Kopfhörer mit eingebautem Mikrofon. Ein übersichtliches Büchlein mit dem Titel «Finger Tips» liefert Anweisungen, wie das Telefon zu bedienen ist.

Die Registrierung

Das iPhone wird nicht wie gewohnt im Laden, sondern Zuhause registriert. Man hängt es an den PC oder den Mac. Just startet iTunes auf, erkennt es und führt durch die Registrierung. Existierende AT&T-Kunden tippen ihre Nummer ein, wählen die Anzahl freier Minuten und bestätigen die Vertragsbestimmungen. Binnen dreier Minuten ist die Prozedur abgeschlossen. Ebenso einfach ist die Aufsetzung des Gerätes. Über iTunes lässt sich bestimmen, welche Einstellungen man vom Computer übertragen möchte, etwa Daten aus dem Adressbuch, die Bookmarks, die E-Mail-Konten oder den Kalender. In gewohnter Apple-Manier lassen sich Playlists und Videos aus der iTunes-Bibliothek sowie Alben von iPhoto aufs iPhone kopieren. Zügig fliessen die Datenpakete über ein USB-2-Kabel auf das Telefon.

Doch dann der Schock. Die Registrierung hat reibungslos funktioniert, eine Bestätigung per E-Mail ist eingetroffen, aber ein Signal hat das Telefon nicht. Ein Anruf bei AT&T bringt Klärung. Erst am Samstagabend um sieben schaltet Apple den Telefondienst auf. Wer das Telefon am Freitagabend gekauft und sofort registriert hat, muss also 24 Stunden warten, bis er einen Anruf tätigen kann. «Wir sind wütend auf Apple», sagt eine freundliche AT&-T-Angestellte.

Die Form

Das Telefon ist 11,6 Zentimeter lang und 1,15 Zentimeter dick. Es wirkt grösser als die Werbung suggeriert, dicker auch und etwas schwerer. Wer kleine Flip-Handys mag, dem dürfte das iPhone zu voluminös sein. Es lässt sich nicht einfach in die Hosentasche stecken, sondern muss in der Handtasche versorgt oder am Gurt getragen werden. Es ist schmäler, aber höher als ein Blackberry und etwa so gross wie ein Treo von Palm. Das Design ist modern, aber nur ordentlich schön. Das Apple-Logo auf der Rückseite kann als Schminkspiegel verwendet werden. Sind Apple-Gerät oft sinnlich, so wirkt das iPhone zu rasch gestaltet.

Das Telefon

Am Samstag um 13 Uhr erneut ein Anruf bei AT&T. Noch ist es nicht möglich, mit dem iPhone ein Gespräch zu führen. «Wir bitten um Entschuldigung, es dauert aber bestimmt nicht mehr lange, bis sie telefonieren können.» Drei Stunden später ist es dann soweit. Das iPhone ist jetzt auch ein Telefon. Es empfängt – 20 Stunden nach dem Kauf – endlich ein Signal. Der erste Anruf kommt von einem Fotografen, der in Las Vegas auf Reportage ist. Sein Fazit ist ermutigend: «Du tönst klarer als vorher», sagt er. Kurz darauf stecke ich die mitgelieferten Köpfhörer ein, an denen ein Mikrofon befestigt ist, und rufe einen Freund an. «Ich höre ein Echo», sagt er. Es verschwindet, sobald die Kopfhörer entfernt werden. Hoffentlich bleibt das Echo ein Einzelfall.
Ähnlich wie der Rest des iPhones ist das Telefon intuitiv und einfach zu bedienen – und mit verspielt aussehenden Piktogrammen versehen. Rasch steht die Konferenzschaltung mit drei Gesprächsteilnehmern. Üppig angelegt sind die virtuellen Tasten, mit denen die Nummern gewählt werden können. Nützlich ist die Möglichkeit, eine Liste mit Favoritinnen und Favoriten anzulegen. Es reicht, diese anzutippen – und schon baut das Telefon einen Anruf auf. Das SMS-Programm ist visuell identisch mit iChat von Apple und zeigt die Geschichte der bisher verschickten elektronischen Botschaften an. Überzeugend auch «visual voicemail», eine eigens entwickelte Funktion für die hinterlassenen Nachrichten. Mit dem iPhone ist es nicht mehr nötig, alle aufgezeichneten Meldungen chronologisch zu hören. Stattdessen kann man einzelne Nachrichten aufgrund der Namen der Anrufer anwählen.


Der Video iPod

Völlig umgekrempelt hat Apple das Gesicht des iPods. Verschwunden ist das beliebte Scroll-Rad, mit dem man durch die Playlists sausen konnte. Ersetzt wird es durch den Touchscreen-Monitor. Mit dem Finger kann man durch die Alben der Musik oder die Poster der Filme und Fernsehshows scrollen. Die Kontrollknöpfe sind virtuell. Wer will, kann Podcasts zu den Favoriten stellen. Der hoch auflösende Bildschirm gibt Filme in bestechender Qualität wieder. Ein sanfter Druck auf den Monitor genügt und ein Film wechselt vom herkömmlichen ins Breitleinwand-Format. Die Tonqualität entspricht herkömmlichen iPods.

Der Minicomputer

Wer es gewohnt ist, mit Apple zu arbeiten, fühlt sich beim iPhone rasch zu Hause. Das Adressbuch, das E-Mail-Programm, der Kalender oder die Widgets, die Aktienkurse und das Wetter anzeigen, bestechen durch ihre hohe Benutzerfreundlichkeit. Zudem harmonieren sie nahtlos miteinander. 20minuten.ch hatte keinerlei Problem, E-Mails zu verfassen, daran Fotos anzuhängen und diese zu verschicken. Ein Genuss ist der auf Safari basierende, vollwertige Internet-Browser. Es ist ein leichtes, über Bookmarks einzelne Seiten anzuwählen oder aber Adresse einzugeben. Ist man mal auf einer Seite, kann sie im Vollbild angeschaut oder aber herangezoomt werden. Problemlos lassen sich so selbst längere Artikel lesen oder grössere Bilder anschauen.

Der Touchscreen-Monitor

Steuern lassen sich alle Funktionen mit den Fingern, über die so genannte «multi touch»-Technologie. Über den berührungsempfindlichen Monitor wählt man das Telefon, den iPod oder den Computer an. Die Tastatur ist virtuell. Mechanische Knöpfe hat es deren vier. Sie sind alle gut versteckt: der sehr nützliche «Home»-Knopf führt sofort zurück zum Anfang, zwei Knöpfe auf der Seite regulieren die Lautstärke, ein weiterer, eigentlich überflüssiger Knopf stellt den Klingelton ab. Der Touchscreen – im Vorfeld stark kritisiert – funktioniert perfekt. Sanfte Berührungen reichen, um einen Befehl auszuführen. Überraschend schnell lässt sich auf der Tastatur tippen. Spass macht es, Fotos von Hand zu vergrösseren und zu verkleinern oder E-Mails mit einem Klick aufs Glas zu löschen. Allerdings lohnt es sich, das beigelegte Büchlein «Finger Tips» zu studieren.

Hier kommt das iPhone zu kurz

Nahezu perfekt erledigt das iPhone jene Funktionen, die es anbietet. Auffallend ist jedoch, was dem Wunderding fehlt. So lassen sich damit keine Videos drehen, sondern nur Fotos machen. Diese kann man nicht mittels MMS an andere Handys schicken. Zwar hat Apple mit iChat ein eigenes, mit AOL kompatibles Chat-Programm; im iPhone ist es jedoch nicht eingebaut. Ärgerlich, das mit dem hervorragenden E-Mail-Programm Word-, Excel- oder PDF-Dokumente zwar angeschaut, nicht aber bearbeitet werden können. Die Songs aus dem iTunes-Archiv lassen sich nicht als Klingelton verwenden. Auf Spiele – auf fast jedem Handy längst Standard – verzichtet Apple genauso wie auf die Möglichkeit, bei iTunes direkt Songs oder Videofilme einzukaufen. Zwar ist das Gerät mit Bluetooth ausgerüstet, daran lassen sich aber nur Kopfhörer und Mikrofone anschliessen. Es ist nicht möglich, mittels Bluetooth-Tastatur einen Text zu verfassen. Ebenso wenig kann man das Telefon als Modem für den Laptop verwenden. Eine Trinkflasche ist es auch nicht.

Das iPhone in Europa

Für Europäer lohnt es sich nicht, vom Freund in Amerika ein iPhone schicken zu lassen. Das Gerät akzeptiert nur SIM-Karten von AT&T. Selbst der hervorragende iPod funktioniert nur, wenn eine AT&T-SIM-Karte im Telefon liegt.

Peter Hossli