«It's time to share»

12. April 2010 19:04; Akt: 03.11.2010 14:27 Print

So sehen die Handys von Microsoft aus

von Henning Steier - Die Redmonder haben ihre ersten eigenen Mobiltelefone präsentiert. Sie nennen sich KIN ONE und KIN TWO und werden von Sharp gebaut. Schweizer Kunden müssen Geduld haben.

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Anfang 2008 hatte Microsoft das Unternehmen Danger gekauft, welches damals Dienste für Mobiltelefone sowie sein Gerät Hiptop in Partnerschaft mit T-Mobile unter dem Namen Sidekick anbot. Daher gab es schon länger Gerüchte um eigene Handys von Microsoft, nun haben sie sich bewahrheitet. Denn mit dem KIN ONE und KIN TWO haben die Redmonder am Montag in San Francisco auf einer Medienveranstaltung unter dem Titel «It's Time to Share» ihren Einstieg in den Handy-Markt bekannt gegeben. Gebaut werden die Mobiltelefone laut Robbie Bach, Chef der Entertainment and Devices Division, von Sharp. Als Provider hat Microsoft in den USA Verizon Wireless gewonnen; ab Mai sollen KIN ONE und TWO dort erhältlich sein. Im Herbst bringt Vodafone die Geräte nach Deutschland, Italien, Spanien und Grossbritannien. Ein Schweizer Marktstart wurde bislang ebenso wenig bekannt wie die Preise.

Die beiden Slider kommen mit berührungsempfindlichem Bildschirm und 5- beziehungsweise 8-Megapixel-Kamera sowie LED-Blitz zum Kunden. Das ONE ist das kleinere Gerät, es soll sich seinen Namen gemäss leicht mit einer Hand bedienen lassen und problemlos in die Hosentasche passen. Sein Display löst mit 320 x 240 auf, für eigene Dateien stehen vier Gigabyte Speicher zur Verfügung, die sich nicht erweitern lassen. Sein grosser Bruder TWO bietet zwar doppelt so viel, nicht aufstockbaren Speicher, HD-Videoaufzeichnung einen Bildschirm mit 480 x 320 Pixeln und eine ausladendere Tastatur. Im Inneren der beiden Mobiltelefone soll jeweils eine Tegra-Chip von Nvidia stecken. Genauere Informationen zur Hardware lieferte Microsoft bislang nicht. Im Zentrum der Benutzeroberfläche steht der so genannte KIN Loop, auf dem unter anderem Status-Udpates von Facebook-Freunden und Tweets von Kontakten gesammelt werden. Nutzer sollen die wichtigsten definieren und sich deren Beiträge priorisiert präsentieren lassen können. All das kennt man schon von der Konkurrenz - beispielsweise der Benutzeroberfläche HTC Sense.

Erst sammeln, dann teilen

Interessanter ist eine weitere grafische Neuerung: Im so genannten Spot sollen sich unter anderem Links, Fotos und Geodaten mittels Drag & Drop sammeln lassen, ehe man sich entscheidet, über welchen Kommunikationskanal man die Daten mit anderen teilt. Dank KIN Studio soll man alle Daten überdies in der Cloud ablegen können und somit von überall und auch per PC Zugriff auf sie haben, wie man das von Microsofts seit längerem verfügbaren Dienst My Phone kennt. Speichern lassen sich beispielsweise Anruflisten, Bilder, Videos und Kontakte. Wie viel Speicher man zur Verfügung haben wird, gaben die Redmonder noch nicht bekannt - dafür aber, dass KIN ONE und TWO zumindest in den USA einen Zugang zum Zune Marketplace bieten sollen, über den man unter anderem Musik kaufen kann.

KIN ONE und KIN TWO sind also Microsofts Einsteiger-Geräte für die vernetzte Jugend von heute. Auf ein eigenes Smartphone der Oberklasse, welches wenigstens Zugang zu Microsofts Applikationsangebot Windows Marketplace for Mobile bietet, wartete die Technologie-Welt heute also vergeblich. Für diese Geräteklasse hatte Microsoft-CEO Steve Ballmer auf dem Mobile World Congress in Barcelona Anfang Februar Windows Phone 7 präsentiert. Die ersten Geräte mit dem neuen Betriebssystem sollen noch in diesem Jahr erhältlich sein. Als Partnerhersteller haben die Redmonder bisher unter anderem Dell, HTC, LG, Samsung, Sony Ericsson und Toshiba gewonnen. Auch zahlreiche grosse Provider haben angekündigt, die Geräte anbieten zu wollen - darunter Orange, T-Mobile, Vodafone und AT&T.

Kernfunktionen definiert

Microsoft will sechs Aktivitäten ausgemacht haben, für die Nutzer ihre Smartphones am häufigsten verwenden. Für jede wurde ein so genannter Hub (deutsch: Knotenpunkt) angelegt. People soll alle Beiträge aus von Kontakten sozialen Netzwerken, Fotos und Videos sammeln. Ausserdem soll man für jeden Kontakt auf dem Startbildschirm einen Live-Tile anlegen können. Dieser präsentiert dann beispielsweise aktuelle Fotos oder Status Updates. Der zweite Hub, Pictures genannt, soll es Usern ermöglichen, Bilder und Videos über Communities wie Facebook miteinander zu teilen. Nummer 3 nennt sich Games und bringt Xbox-Live-Spiele, Ranglisten sowie Gamer-Profile aufs Gerät. Über Music & Video soll man wie mit Microsofts Multimediaplayer Zune unter anderem Songs kaufen können. Dank einer Funktion namens Zune Social soll man sie mit anderen teilen können. Der Hub Marketplace bietet direkten Zugriff auf das App-Angebot von Microsoft. Über das Icon Office lassen sich Office Mobile, SharePoint und OneNote nutzen. Zusätzlich soll jedes Gerät der Windows Phone 7 Series einen eigenen Hardware-Button für die Suchmaschine bing haben. Über diesen lässt sich sowohl das Gerät als auch das Web durchsuchen.

Fazit

Microsoft ist bei PC-Betriebssystemen immer noch die unangefochtene Nummer 1: Laut den Analysten von NetApplications verzeichnete der Hersteller im März für Windows einen weltweiten Markanteil von rund 92 Prozent. Anders sieht es bei den Betriebssystemen für Smartphones aus. Den Marktforschern von Gartnern zufolge kam Windows Mobile 2009 global auf 8,7 Prozent. Ein Jahr zuvor hatte es noch bei 11,8 Prozent gelegen. Windows Mobile 6.5, die aktuelle Version hatte Microsoft «vergeigt», wie Steve Ballmer auf einer Konferenz im Herbst 2009 sagte. Alle Hoffnungen richten sich also auf dieses Jahr, in dem Microsoft der Konkurrenz von Apple, Nokia, Samsung und Co. im margenträchtigen Geschäft mit den Smartphones samt Apps ernsthaft Konkurrenz machen muss, um den Anschluss nicht vollends zu verlieren. Windows Phone 7, welches auf dem Mobile World Congress kurz vorgeführt wurde, lässt gute Ansätze erkennen und könnte den Redmondern neuen Schub geben, wenngleich sie nach wie vor nicht von ihrem Geschäftsmodell, Geld für ihr OS zu nehmen, abweichen wollen. Dieser Umstand könnte die Attraktivität der Software in den Augen der Kunden, also der Hardware-Hersteller, schmälern, denn Googles Android gibt es bekanntlich gratis, wenngleich Handy-Produzenten sich damit in die Hände des Unternehmens begeben und somit beispielsweise klar ist, welche Suchmaschine im Browser voreingestellt ist.

Auf der Entwicklerkonferenz MIX10 in Las Vegas hatte Microsoft Mitte März Details zur Strategie für Windows Phone 7 verraten. Applikationen sollen auf Basis von Silverlight und XNA-Framework entwickelt werden. Registrierte Entwickler können Tools zum Schreiben ihrer Apps wie Visual Studio 2010 Express for Windows Phone, ein Add-in für Visual Studio 2010 RC und das XNA Game Studio 4.0 auf einer eigenes eingerichteten Website gratis herunterladen. Die Apps können auf Windows-Handys, der Xbox 360 und Computern mit Windows XP, Windows Vista and Windows 7 laufen. Dies ist ein echter Vorteil gegenüber der Konkurrenz um Apple, Google und Nokia. Bereits vor einem halben Jahr hatte Microsoft eine Anleitung ins Netz gestellt, wie Entwickler ihre für Apples App Store geschriebenen Anwendungen auf Geräte mit Windows Mobile bringen können. Das scheint nötig, denn während der Apfel-Konzern kürzlich mitteilte, dass er rund 185 000 Tools im Angebot hat, sind es bei Microsoft noch nicht einmal 30 000. Dabei sei aber angemerkt, dass die meisten Nutzer mit 100 Apps auskommen dürften. Was aber ein Blick in Trams und Züge oder Einkaufsstrassen zeigt: Wenn es eine Hauptklientel für Applikationen gibt, dann sind das wohl Jugendliche, denen auch das zwanzigste Rennspiel noch grossen Spass zu machen scheint. Umso unverständlicher ist es, dass Microsoft seinen heute präsentierten Geräten den Zugang zum Windows Marketplace for Mobile verwehrt. Einzige Chance für KIN ONE und KIN TWO wäre daher wohl ein äusserst günstiger Preis, der um die Hälfte unter denen vergleichbarer Geräte der Konkurrenz liegt.