IFA

03. September 2010 09:46; Akt: 06.09.2010 08:35 Print

Zu Gast im Haus der Zukunft

von Henning Steier, Berlin - Per Handy das Licht im Badezimmer ausschalten oder dank ihm eine warme Wohnung haben, wenn man nach Hause kommt: 20 Minuten Online hat sich auf der IFA zeigen lassen, wie das funktionieren soll.

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«Ich habe 180 Sensoren und Aktoren in meinem Haus verbaut - das ist wohl das Maximum», sagt Jochen Burkhardt. Umgerechnet rund 65 000 Franken hätte ihn das gekostet, wenn er nicht viele Arbeiten selbst übernommen hätte. «Warum das alles?», fragt der IBM-Entwickler und gibt die Antwort gleich selbst: «Das passiert mir jede Woche: Der Briefträger klingelt an meiner Haustür und gleichzeitig stellt meine Gegensprechanlage eine Verbindung mit meinem Handy her, so dass ich direkt mit ihm sprechen kann, obwohl ich nicht zu Hause bin. Auf dem Rechner kann ich ihn über eine Webcam auch sehen.» Hätte Burkhardt zum Beispiel seinen Bruder auf dem Bild erkannt, könnte er ihm aus der Ferne die Haustür öffnen.

Videos aufs Smartphone zu streamen - das funktioniere nicht. Es sei aber nur noch eine Frage der Zeit, bis jemand eine entsprechende App schreibe, ist sich Burkhardt sicher. Der Anwender könnte ebenso einen Code ins Mobiltelefon eingeben, welcher die Garagentür öffnet und sie - nachdem der Bote das Paket hineingestellt und sie verlassen hat - automatisch verschliesst. Man kann überdies schauen, wer sich vor seiner Haustür aufgehalten hat und sich per E-Mail Bilder schicken lassen. Dabei kann man beispielsweise auswählen, dass einem jede Stunde entsprechende Fotos gesendet werden. Natürlich kann das System auch Fotos machen und diese schicken, sobald eine Bewegung registriert wird. «Allerdings reagiert es dann auf jede Katze, die vorbeischleicht - und das kann einem auf die Nerven gehen», erläutert der IBM-Entwickler. Er hat ausgewählt, dass ihm jedes Mal ein Bild gesendet wird, wenn jemand am Briefkasten war oder die Klingel gedrückt hat.

Der Letzte macht die Heizung aus

Sicherheit ist ein Aspekt des intelligenten Hauses, für das in Halle 8.1 der Internationalen Funkausstellung in Berlin unter anderem von den deutschen Elektronikbranchenverbände VDE, ZVEH und ZVEI und Unternehmen wie dem deutschen Versorger RWE und dem Technologieunternehmen IBM Lösungen präsentiert werden. Ein anderer Aspekt ist das Energiesparen. «Eine Heizung wird beispielsweise jeden Morgen um sechs in den Tagesmodus und um zehn in den Nachtmodus geschaltet», erläutert Jochen Burkhardt von IBM, «in meinem Haus geschieht dies flexibel - Erstgenanntes, wenn der Letzte am Morgen das Haus verlässt. Und wenn ich mein Büro verlasse, schalte ich die Heizung noch schnell über den Browser an, damit ich es warm habe, wenn ich daheim ankomme.» So konnte er den jährlichen Verbrauch nach eigenen Angaben von 1600 auf 1250 Liter senken.

So weit die Theorie, aber wie schwierig ist es, entsprechende Einstellungen vorzunehmen? Jochen Burkhardt nimmt seinen Laptop, öffnet ein Browserfenster, ruft die nötige Website auf und zeigt Symbole für Rollläden und Kühlschrank. Klickt man sie an, kann man beispielsweise festlegen, dass die Rollläden morgens um zehn hochgelassen werden, falls man es vergessen hat. So gelangt Sonnenlicht in die Wohnung und kann die Temperatur in ihr ansteigen lassen, falls man dies wünscht. Die Benutzeroberfläche ist bewusst einfach gehalten, man kann kaum etwas falsch machen. Auf Wunsch kann man dem Interface eine andere Farbe verpassen. Ausserdem kann man mehrere Accounts vergeben und so beispielsweise festlegen, dass weitere Nutzer nur bestimmte Einstellungen verändern dürfen, um beispielsweise Kinder langsam an die Technologie zu gewöhnen.

Cloud-Technologie im Einsatz

«Die kleine grüne Box des Unternehmens Shaspa verbindet man kabel- oder drahtlos mit dem Internet, um seine Geräte zu steuern - beispielsweise mit dem iPad», sagt Jochen Burkhardt und zeigt auf ein Puppenhaus, in dem die Box ausgestellt ist. Sie ist etwas grösser als eine einfache Digitalkamera. «In der Vergangenheit hatte man oftmals Steuerungsmonitore an der Wand - mittlerweile ist das unnötig geworden, denn um Technologie wie unsere Consumer Electronics Service Delivery Platform (SDP)-Cloud zu nutzen, benötigt man nur noch einen Browser. Ausserdem kostet ein iPad das Fünffache. Man kann also beispielsweise auch ein Smartphone verwenden. Wer entsprechende Technologie für ein durchschnittliches Haus nutzen will, soll laut Burkhardt einen mittleren dreistelligen Betrag investieren müssen. Es kommt natürlich darauf an, ob beispielsweise ein Stromversorger entsprechende Technologie anbietet, wie RWE das im deutschen Mühlheim an der Ruhr tut, um Kunden für sein Konzept Smart Home zu gewinnen, das der Versorger auch in Halle 8.1 der IFA zeigt und so beschreibt: «Stellen Sie sich vor, Sie sind im Urlaub und Smart Home informiert Sie per SMS über einen unerwarteten Kälteeinbruch daheim. Dann können Sie mit Ihrem Handy ganz einfach die Heizungsanlage um ein bis zwei Grad höher stellen. Das ist nicht nur unglaublich bequem, sondern auch wesentlich effizienter, als nach dem Urlaub das ausgekühlte Haus neu aufzuheizen. Selbst Ihre Rollläden können Sie aus der Ferne bedienen, um unnötigen Wärmeverlust zu vermeiden.»

Waschmaschine läuft mit günstigem Strom

IBM zeigt an seinem Stand überdies ein so genanntes Car Management System, das sich ins Hausnetz integrieren lässt. «Nähert man sich beispielsweise bis auf drei Kilometer dem eigenen Haus, könnte automatisch die Sauna angeschaltet werden, so dass man dies nicht mehr tun muss, wenn man ankommt», erläutert Burkhardt. «Wer seine Waschmaschine immer dann anschalten möchte, wenn der Strom besonders günstig ist oder auf dem Dach gerade viel Solarenergie erzeugt wurde, kann dies dank unserer Technologie ebenfalls tun», sagt er und geht zum Nachbarstand, dem 100 Quadratmeter grossen E-Haus mit sieben Räumen. Im Badezimmer steht eine Miele-Waschmaschine, die eine Funktion namens Fernstart bietet. Wer sie aktiviert hat, kann übers Netz auf sie zugreifen.

Warum sind auch die deutschen Branchenverbände derartig prominent auf der IFA präsent und präsentieren unter anderem auch den Elektro-Roadster Tesla in der Garage des E-Hauses? Auch sie wittern das grosse Geschäft, denn eine repräsentative Studie des VDE hat ergeben, dass 16,7 Prozent der 1000 repräsentativ Befragten sich eine Heimvernetzung vorstellen könnten. Bei den unter 34-Jährigen sollen sogar 34 Prozent mit dem Gedanken spielen, Geräte über Fernseher, PC oder Smartphone zu überwachen oder zu steuern.