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14. Juli 2010 10:33; Akt: 07.02.2011 15:06 Print

«Kein nachhaltiges Geschäftsmodell»

von Henning Steier - Apps, wie man sie heute kennt, wird es mittelfristig kaum noch geben. Davon ist zumindest Joachim Graf überzeugt. Im Interview erklärt der Technologie-Experte, was dies für Medien und ihre Bezahlinhalte bedeutet.

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Vom App Store bis zum Android Market: Viele Anbieter buhlen um Kunden für ihre Applikationen.

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Vor zwei Jahren startete Apple seinen App Store und schuf damit ein neues Geschäftsfeld. Heute sind rund 200 000 Anwendungen für iPhone, iPod touch und iPad verfügbar. Zweitgrösster Anbieter ist Google mit seinem Android Market, welcher 90 000 Apps bietet. Nokias Ovi Store, Microsofts Windows Marketplace for Mobile, die Blackberry App World und Samsungs Bada spielen bislang eine untergeordnete Rolle.

Umsatz- und Gewinnzahlen ihrer Angebote veröffentlichen die Firmen nicht. Daher sind die Zahlen aus einer kürzlich von Booz & Company veröffentlichten Studie allenfalls als Trendwerte zu sehen: Allein Apples Angebot soll in diesem Jahr einen Umsatz von umgerechnet etwa 3,1 Milliarden Franken erzielen. Insgesamt werde der Markt bis 2013 einen Umsatz von etwa 17,5 Milliarden Franken generieren, sagen die Unternehmensberater voraus. Diesen Optimismus will Joachim Graf, Verleger und Betreiber des Branchenportals ibusiness.de, nicht teilen.

20 Minuten Online: Google hat unlängst einen App-Baukasten ins Netz gestellt, mit dem man auch ohne Programmierkenntnissen Applikationen erstellen kann, Apple hat entsprechende Werkzeuge mittlerweile verboten und verzeichnet trotzdem immer noch mehr als doppelt so viele Apps wie der Suchmaschinist. Sie hingegen behaupten in einer Analyse, es werde keine dauerhafte Appconomy geben. Was macht Sie so sicher?
Joachim Graf: Die App ist der neue C64 – ein für kurze Zeit sehr erfolgreiches, aber kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Die meisten Applikationen bieten bloss eine Atomarisierung von Funktionen. Spätestens bei der 500. Anwendung, die er sich heruntergeladen hat, denkt sich mancher Nutzer: Brauche ich die wirklich? Oder um es mal anders auszudrücken: Kennen Sie die App, mit der Sie sich über 200 Verlagsprodukte angucken können?

Da muss ich spontan passen.
Man nennt sie Firefox. Es mag zwar heute für Nachrichtenseiten angebracht sein, zu versuchen, ihren Portalen Nutzer über Apps direkt zuzuführen. Mittelfristig werden sich Nutzer aber davon abwenden, für jede Seite eine andere Applikation nutzen zu wollen. Mir ist es am eigenen Leib passiert. Ich hatte mir vor einigen Monaten die Xing-App heruntergeladen. Leider funktionierte sie nicht mehr richtig, weil die Entwicklung der Website schneller war als die Anpassung an die App. Ich bin also auf die mobile Seite des Business-Netzwerkes gegangen und siehe da: Dort habe ich alle Funktionen gefunden, wegen derer ich mir die Anwendung ursprünglich heruntergeladen hatte. Also habe ich sie umgehend gelöscht und mir einen Bookmark auf den Desktop gelegt. Aber auch für Entwickler ist die heutige Situation unkomfortabel, denn sie müssen für tausende verschiedener Geräte, diverse App Stores sowie Betriebssysteme Anwendungen schreiben. Das verschlingt nicht nur viel teure Entwicklungsarbeit, auch Marketingkampagnen für die eigenen Applikationen kosten viel Geld.

Welche Apps haben denn einen Sinn?
Heute sind alle sinnvoll, die auf die Hardware des Geräts zugreifen, um eine nützliche Zusatzfunktion zu bieten – beispielsweise eine Wasserwaagen-Applikation, welche den Bewegungssensor des Smartphones nutzt. Aber auch das ist eine kurzfristige Entwicklung. Mittelfristig werden Entwickler solcher Anwendungen dies dank Googles Entwicklung Native Client lösen: Die Open-Source-Lösung greift auf die Hardware zu und umgeht dabei das Betriebssystem.

Wie viele App Stores braucht die Welt?
Im Grunde keinen. Denn auf lange Sicht werden sich keine geschlossenen Systeme durchsetzen.

Ein Gegenbeispiel des IT-Geschäfts ist Microsofts marktbeherrschendes Betriebssystem Windows, das noch immer auf über 90 Prozent der Rechner läuft.
In Teilmärkten funktionieren geschlossene Modelle. Aber selbst in seinen Kernmärkten Bürosoftware, Browser und Server gerät Microsoft durch Open-Source-Lösungen zunehmend unter Druck. Auf lange Sicht setzen sich offene gegen proprietäre Systeme durch, weil dabei viele Entwickler und Kunden profitieren.

Was heisst das konkret?
Webanwendungen werden in Zukunft die wichtigsten sein. Vorteil für die Entwickler: Sie schreiben eine, die auf allen Geräten läuft, die Browser haben. Bleiben wir beim Beispiel News-Apps: Eine beliebte Funktion, das Offline-Lesen von Artikeln, wird durch HTML5 auch in browserbasierten Anwendungen ermöglicht. Moderne Websites sind in der Regel für Entwickler schneller zu erstellen, erreichen mehr Nutzer und lassen sich schneller aktualisieren. Nutzer haben einfach über ein Widget Zugriff auf die Inhalte. Ein weiterer Vorteil für Anbieter: Sie machen sich nicht von Unternehmen wie Apple abhängig. Und Tablet-Computer sind wie für Webanwendungen gemacht. Das gilt auch für Fernseher, für die es auch App Stores gibt. In meinen Augen ist das Unsinn, denn browserbasierte Tools werden auf TV-Geräten ebenfalls problemlos laufen. Man muss Kunden und Entwickler überzeugen: Philips hat mit der CD-i einst erlebt, dass es fast unmöglich ist, einen Standard gleichzeitig bei Anwendern und Entwicklern einzuführen.

Haben Apps von Medienhäusern eine Zukunft?
Ich bin immer wieder als Berater für Verlage tätig und fordere Entscheider in der Regel dazu auf, ihre geplanten Applikationen noch einmal betriebswirtschaftlich zu überprüfen. Denn wenn man sich Apps wie jene von «Wired» oder «Sports Illustrated» anschaut, wird schnell klar, wie viele Redakteure, Videojournalisten, Grafiker und Entwickler nötig sind, um derartig Aufwändiges zu erstellen; unter Kostengesichtspunkten hat das keinen Sinn. Zwei Wochen nach ihrem Launch im deutschsprachigen Raum wurde die Vogue-App bereits 18 000 Mal heruntergeladen. Aber wenn ein Verlag ein neues Print-Magazin gestartet hätte, von dem er 18 000 Exemplare verkauft hätte, würde das heutzutage ganz schnell abgewickelt. Das Geschäftsmodell kann also nicht sein: Wir machen mal etwas Buntes, stellen das in einen geschlossenen Shop und verdienen damit viel Geld. Denn es gibt dabei noch ein ganz anderes Risiko.

Welches denn?
Beispiel Musik: Wenn Apple erst einmal die Marktmacht hat, wird das Unternehmen sicherlich die Endverbraucherpreise senken. Verlage erhalten bekanntlich ohnehin nur 70 Prozent der Erlöse. Hinzu kommt, dass Apple bekanntlich auch die Inhalte kontrolliert. Man denke an die Debatte um blanke Brüste. Apple verdient sein Geld mit Hardware, daher können die Kalifornier sich das leisten und mit der Applikation fast anstellen, was sie möchten. Sie können festlegen, dass keine App teurer als 99 Cent sein oder jede mindestens 5,99 Dollar kosten soll. Diese Entscheidung liegt dann nicht mehr in der Hand der Verlage. Überspitzt gesagt: Als Medienhaus liefert man seine Inhalte bei Apple ab und muss dann sehen, was mir am Ende bleibt – das ist Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Und womit sollen Verlage im Internet Geld verdienen?
Manche können mit Premiuminformationen Erlöse erzielen. Ich glaube nicht an Paid Content, sondern an Paid Service als Geschäftsmodell. Stauwarnungen, Web-TV – das sind Dienstleistungen, für die Leute Geld bezahlen. Und dafür braucht man keine Apps, über die in spätestens vier Jahren kaum noch jemand reden wird. Die Zukunft der Entwicklung liegt also einerseits in Services für Kunden wie Provider und Hardwarehersteller, anderseits in webbasierten Angeboten. Dabei sollte man solche entwerfen, die darauf abzielen, dass der Kunde wiederkommt. Man nehme Anbieter von Browsergames wie Zynga. Die Spiele kann man kostenlos nutzen. Wer seine Figur beispielsweise schneller laufen lassen möchte, muss dafür zahlen. Oder man schaue sich den Open-Source-Markt an. Immerhin lebt der früher grösste proprietäre Hardware-Hersteller heute fast ausschliesslich von Open-Source-Programmen: IBM. Die Idee, dass man einen Inhalt nimmt, ihn mit einem Preis versieht und sich damit rettet – die funktioniert in einer Welt, in welcher der Inhalt vom Medium getrennt ist, nicht mehr.

Wird Marktführer Apple sich seine App Stores kampflos zerstören lassen? Das Unternehmen könnte doch beispielsweise bestimmte Webanwendungen oder Tools blockieren – man nehme nur das Beispiel Flash.
Es liegt doch auf der Hand, was passieren würde, wenn Apple das im grossen Stil täte: Die Kunden würden dem Unternehmen den Rücken kehren. Es gibt einen grossen Markteilnehmer, der ein echtes Interesse an Offenheit hat, wie sein Chef Eric Schmidt immer wieder betont: Google.

Das zum Unternehmen gehörende Videoportal YouTube hat unlängst eine mobile Version vorgestellt, welche der YouTube-App auf Apple-Geräten überlegen ist.
Wer am Ende siegen wird, weiss ich auch nicht. Vielleicht hat Steve Jobs eine geniale Idee. Zurzeit legt er sich bekanntlich nicht nur mit Adobe an, weil Apple Flash auf seinen Geräten nicht laufen lässt. Ich denke, dass er Angst hat, dass Apple mit dem App Store das passiert, was ihm beim PC-Betriebssystem mit Microsoft zugestossen ist: Dass er trotz Marktvorsprungs am Ende doch wieder abgefangen wird. Jobs will dieses Mal mit allen Mitteln gewinnen. Diesmal kämpft er jedoch nicht gegen Microsoft, sondern gegen die gesamte Web-Ökonomie.