Applikationen

09. November 2010 13:22; Akt: 09.11.2010 15:57 Print

227 Schweizer Apps im Ovi Store

von Henning Steier - Ein Jahr nach dem Start seines Angebots hierzulande hat Nokia Bilanz gezogen, um Entwickler geworben und Symbian verteidigt.

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Im Ovi Store sind zurzeit 227 Apps von Schweizer Entwicklern zu finden.

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Jukka Kiiskinen hielt bei seiner heutigen Präsentation vor Journalisten kurz inne, als eine Folie erschien, auf der Folgendes stand: «Mehr als 70 Entwickler verzeichneten bereits jeweils mehr als eine Milliarde Downloads ihrer Apps aus dem Ovi Store.» Der Finne konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen, als er den Fehler korrigierte: «Natürlich müsste es eine Million Downloads heissen.» Der Schweizer Ableger des Handybauers hatte nach Zürich eingeladen, um ein Jahr nach dem Ovi-Store-Start hierzulande eine Bilanz zu ziehen.

Im November 2009 waren es noch zwei, nun sind laut Kiiskinen 227 Apps von Schweizer Entwicklern im Ovi Store zu finden. Wie viele davon kostenpflichtige sind, konnte er nicht sagen. Seit dem Marktstart des N8 vor zweieinhalb Wochen hätten 80 Prozent der Besitzer hierzulande einen Account eingerichtet und durchschnittlich sechs Applikationen heruntergeladen. Allerdings sind diese Zahlen nur bedingt aussagekräftig, weil manche Nutzer dafür 17 Tage und andere nur 24 Stunden Zeit hatten.

400 000 Downloads mehr pro Tag

Zuletzt hatte Nokia Anfang Oktober einige globale Zahlen für den Ovi Store genannt. Demnach meldeten sich täglich rund 200 000 neue Nutzer an, die Zahl der Downloads betrug rund 2,3 Millionen pro Tag. Vor einigen Wochen seien es noch rund 300 000 weniger gewesen, hiess es damals. 70 Entwickler verzeichneten bislang jeweils über eine Million Downloads ihrer Applikationen. Geändert hat sich seitdem nur eine Zahl: 2,7 Millionen Downloads verzeichnet man mittlerweile täglich. Das Angebot verzeichnet zurzeit etwa 150 Millionen Accounts, über jeden werden im Schnitt pro Monat 8,5 Anwendungen heruntergeladen. Rund 18 000 Applikationen sind mittlerweile verfügbar.

Es ist schwierig Nokias Angebot mit der Konkurrenz zu vergleichen, weil jedes Unternehmen sehr selektiv Zahlen herausgibt. Relativ verlässlich ist aber die Zahl der Apps. Apple zählt rund 300 000, Googles Android Market etwa 100 000 und Microsoft gab zum Start von Windows Phone 7 Anfang Oktober 500 an. Wie viele davon jeweils hierzulande bereit stehen, sagen die Unternehmen nicht. Nokia braucht dies nicht zu verschweigen. Denn in 90 Ländern sind alle Ovi-Apps verfügbar.

26 Apps installiert

Ab einigen Tausend Apps ist die Zahl aber nicht mehr entscheidend für den Erfolg beim Kunden. Dies legt zumindest eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Intervista im Auftrag von Nokia nahe. Die Online-Umfrage zur mobilen Internetnutzung und mobilen Applikationen wurde im August und September unter 750 technisch affinen und nicht affinen Panelteilnehmern in der Schweiz durchgeführt. Ein Ergebnis: Im Schnitt haben die befragten Anwender, die mit Apps vertraut sind, 26 Applikationen auf ihren Mobiltelefonen installiert. 64 Prozent der App-Nutzer haben bereits kostenpflichtige Anwendungen heruntergeladen.

Im Unterschied zu den grossen Playern Google, Apple und Microsoft bietet Nokia Kunden in 29 Ländern bei 99 Mobilfunkanbietern die Möglichkeit, Einkäufe im Ovi Store über die Handyrechnung zu bezahlen. In der Schweiz ist dies bei Swisscom, Sunrise und Orange möglich. Jeder der fünf Millionen registrierten Ovi-Entwickler kann festlegen, ob seine Applikation das so genannte Operator Billing unterstützen soll. Dessen Nachteil: Die Provider verlangen einen Anteil am Erlös, so dass die Entwickler nur noch 60 statt 70 Prozent erhalten. Entwickler, die mehr verdienen möchten, sollten also auf Bezahlung per Kreditkarte bestehen. Einen Vorteil hat Nokia damit zumindest trotzdem gegenüber der Konkurrenz von Google: Für den Android Market benötigt man einen Account beim Zahlungsdienst Google Checkout, der bislang eine vergleichsweise überschaubare Zahl an Nutzern gefunden hat. Laut Jukka Kiiskinen sollen die App-Käufe in Ländern, in denen die Bezahlung per Handyrechnung eingeführt wurde, um mitunter um das 13-Fache zugelegt haben. Allerdings nannte er weder Beispiele noch Details. Dafür präzisierte er: «Haben sie die Wahl, entscheiden sich weltweit durchschnittlich zwei Drittel der Ovi-Nutzer für das Operator Billing.»

Jeder kann eine Anwendung entwickeln

Etwa 2200 der genannten 18 000 Anwendungen im Ovi Store sind gemäss Kiiskinen mit dem Ovi App Wizard erstellt worden, einem Tool, mit dem man seit dem Frühjahr ohne Programmierkenntnisse einfache Anwendungen entwickeln kann. Allerdings sind es daher oftmals nicht mehr als RSS-Tools deluxe, wie sie beispielsweise für Blogger interessant sein könnten. Zudem hat Google seit einigen Monaten mit dem App Inventor ein vergleichbares Tool im Angebot, das ein bisschen mehr kann: Studenten der Universität San Francisco haben damit die App ParktIt programmiert. Wer seinen Parkplatz im Handy gespeichert hat, kann ihn dank ihr wiederfinden, wenn das Gerät ein GPS-Modul hat: Der Weg wird in Google Maps angezeigt.

Eine Trumpfkarte haben Nokia-Mitarbeiter aber stets im Ärmel, wenn sie Entwickler für sich gewinnen wollen: die Verkaufszahlen von Symbian-Geräten. 290 000 sollen laut Michael Gubelmann, Country Manager Schweiz, täglich weltweit abgesetzt werden. Auf der Hausmesse Nokia World hatte Purnima Kochikar, Vice President, Forum Nokia & Developer Community, Anfang September das neue Qt Software Development Kit (SDK) vorgestellt, dank dem man bis zu 70 Prozent weniger Code-Zeilen benötigen soll, um eine App zu programmieren. Ausserdem hatte sie ein SDK für Series 40 Touch-and-Type Geräte gezeigt. «Damit ergibt sich, kombiniert mit unseren Smartphone-Kunden, eine Zielgruppe von etwa 270 Millionen Nutzern», rechnete sie den zahlreichen Entwicklern im Publikum vor. Was sie nicht sagte: Wer günstige Geräte kauft, dürfte in der Regel weniger Geld für Apps ausgeben. Niklas Savander, Executive Vice President Markets, hatte daher in seiner Keynote auf der Nokia World noch erwähnt, dass der Hersteller etwa 260 000 Smartphones täglich verkauft. Google hatte vor einigen Wochen bekannt gegeben, dass pro Tag rund 200 000 Android-Geräte aktiviert werden, Apple hatte 230 000 Geräte mit iOS angegeben: iPhone, iPod touch und iPad.

Nokia hält an Symbian fest

Mit Qt kann man nicht nur Apps für Symbian, sondern auch für das gemeinsam mit Intel entwickelte Betriebssystem Meego schreiben. Es ist für die Highend-Smartphones der Finnen gedacht. Erste Geräte sollen 2011 verfügbar sein. Symbian läuft noch immer auf rund 40 Prozent aller Geräte und ist damit das meistverbreitete Betriebssystem. Laut den Marktforschern von Gartner soll allerdings Googles Android bis 2014 aufschliessen, so dass die beiden Betriebssysteme dann jeweils auf rund 30 Prozent der Handys laufen sollen. Dementsprechend gab sich Michael Gubelmann Mühe, gestern bekannt gewordene Änderungen bei der Symbian Foundation klein zu reden: «Wir setzen weiterhin auf die Plattform und werden daher auch in Zukunft in sie investieren», sagte er. Das Symbian-3-Gerät N8 habe laut GfK Schweiz in seiner zweiten Woche auf dem Markt bereits auf Platz 2 der meistverkauften Smartphones gelegen. Am Montag war bekannt geworden, dass die Symbian-Stiftung sich auf die Vergabe von Lizenzen für die Software konzentrieren wird. Die Weiterentwicklung geht in Nokias Hände über.

Nokia hatte 2008 den Programmcode von Symbian geöffnet wollte so und über die Stiftung Handyhersteller sowie Entwickler anziehen. Allerdings hatten Samsung und Sony Ericsson kürzlich bekannt gegeben, keine Symbian-Geräte mehr herstellen zu wollen. Die Firmen setzen vor allem auf Android und Windows Phone 7. Andri Puorger, Product Manager Nokia Switzerland, konnte sich zum Thema Symbian einen Seitenhieb gegen Google nicht verkneifen: «Wir reden nicht über Symbian 4. Neue Funktionen werden einfach über Updates integriert, die alle Nutzer zeitgleich erhalten. Das Ganze geschieht übers Mobilfunknetz. Wir haben Verträge mit den Providern, so dass für die Updates kein Datenverkehr berechnet wird.»

36 Prozent nutzen aktuelle Android-Version

M.J. Keith vom Sicherheitsanbieter Alert Logic hatte unlängst einen Exploit für Android veröffentlicht, um auf Lücken in Googles Betriebssystem hinzuweisen. Dank dem Code können Cyberkriminelle Handys kontrollieren, wenn ihre Opfer spezielle Websites ansteuern. Keith hat allerdings eine schon länger bekannte Lücke im WebKit-Framework ausgenutzt. Google hat sie bisher nur in Android 2.2 geschlossen, das allerdings erst auf etwa 36 Prozent der Geräte läuft. Nach eigenen Angaben hat Keith den Code veröffentlicht, um darauf hinzuweisen, dass Google schneller Updates für mehr Geräte bereit stellen solle. Allerdings sind hierbei auch die Hersteller gefragt, die ihre Android-Geräte oftmals mit eigenen Benutzeroberflächen versehen, so dass es länger dauert, bis die Updates bereit gestellt werden können.