Studiobesuch

25. März 2010 07:57; Akt: 01.09.2010 22:16 Print

Sonnenbrille mit 3D-Gläsern

von Henning Steier, Los Angeles - Zum Start des 3D-Films «Drachenzähmen leicht gemacht» sprach Ed Leonard, Chief Technology Officer von DreamWorks Animations, mit 20 Minuten Online über Piraten, Shreks Gesetz und Kopfschmerzen im Kino.

storybild

Wikinger Hicks fliegt auf Ohnezahn durch «Drachenzähmen leicht gemacht»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Wenn der Wikinger Hicks auf Ohnezahn in «Drachenzähmen leicht gemacht» durch die Landschaft schwebt, werden auf den ersten Blick Erinnerungen an «Avatar - Aufbruch nach Pandora» wach. Denn in James Camerons 3D-Blockbuster fliegen Angehörige des Alienvolkes Na’vi auf Fabelwesen. Doch auf den zweiten haben die beiden Werke nur gemeinsam, dass sie in 3D gezeigt werden. Erstgenanntes ist der neue Animationsfilm aus dem Hause DreamWorks Animations, welcher heute in die Kinos kommt und von Camerons Werk, dem erfolgreichsten Film aller Zeiten, profitieren will. Denn dank diesem wittern die Studios das grosse Geschäft mit 3D-Filmen. 20 Minuten Online hat Ed Leonard, Chief Technology Officer (CTO) von DreamWorks, zum Interview getroffen und wollte wissen, welchen Chancen und Risiken die Filme in einer neuen Dimension für Produktionsfirmen und Zuschauer mit sich bringen.

20 Minuten Online: DreamWorks dreht nur noch 3D-Filme. Warum?
Ed Leonard: Mein Chef, Jeffrey Katzenberg, hat den Trend bereits vor drei Jahren erkannt und von der «grössten Branchenrevolution seit der Einführung des Farbfilms» gesprochen. Aber sicherlich hat «Avatar» viel dazu beigetragen, Studios von den Erfolgschancen dieser Filme zu überzeugen. Nur ein Beleg: Die 3D-Version unseres Films «Monsters vs. Aliens» erzielte bereits 75 Prozent seines Umsatzes an den Kinokassen.

Für 3D-Filme bezahlen Zuschauer an der Kinokasse einen Aufschlag. Wird man das auch bei Kauf-DVDs erleben?
Ganz sicher. An «Drachenzähmen leicht gemacht» haben allein in den vergangenen achtzehn Monaten etwa 200 Leute mitgearbeitet. Bis ein solcher Film fertig ist, vergehen fünf Jahre. Die Herstellung kostet etwa 150 Millionen Dollar. Ein 3D-Film ist im Durchschnitt etwa 15 Millionen Dollar teurer als die 2D-Version. Und dieses Geld muss erst einmal verdient werden. Hinzu kommen die Kosten, die den Kinobetreibern durch die Installation neuer Technologie in ihren Sälen entstehen. Dafür können schnell 100 000 Dollar fällig werden. Allerdings können Kinobetreiber mittlerweile auch eine günstigere Lösung wählen, denn Technicolor bietet die Umrüstung alter 35-Millimeter-Projektoren für etwa einen Viertel des Preises an. Zweifellos gibt es immer noch viel zu wenig 3D-fähige Kinosäle auf der Welt.

Vergangene Woche hatte die «Los Angeles Times» berichtet, dass der Verleih Paramount Pictures US-Kinobetreibern die 2D-Version von «Drachenzähmen leicht gemacht» vorenthalten soll, sofern sie die 3D-Variante nicht zeigen wollen und stattdessen beispielsweise weiterhin «Alice im Wunderland» laufen lassen. Kann man so den Kampf um die etwa 3500 3D-Kinoleinwände in Nordamerika gewinnen?
Die Frage müsste man Paramount stellen.

Die Produktion von «Drachenzähmen leicht gemacht» soll rund 150 Millionen US-Dollar gekostet haben. Fürchten Sie bei solchen Ausgaben Piraterie weitaus mehr als Studios, die vor allem auf 2D setzen und daher günstiger produzieren können?
Natürlich können Raubkopierer einen Filter auf ihre Kameras setzen, und so die Filme von der Leinwand in 2D abfilmen. Aber wer möchte die sehen? Natürlich könnte man das Werk auch mit zwei Kameras aufnehmen und dann am Rechner zusammenfügen. Aber die meisten dürften weder genügend Zeit noch entsprechendes Know-How haben.

Wie stark hat Ihr Produktionsaufwand über die Jahre zugenommen?
Wir bei DreamWorks Animation haben Shreks Gesetz entdeckt: Mit jeder Fortsetzung hat sich die Zahl der benötigten Rendering-Stunden etwa verdoppelt. Für den ersten Teil waren fünf Millionen notwendig, der vierte benötigte rund 50 Millionen. Mittlerweile fallen für einen unserer Filme im Durchschnitt drei Terabyte Daten pro Tag an. Manche Drachen in unserem aktuellen Film haben 2500 Kontrollpunkte, über die man sie während der Programmierung steuern kann. Der Drache aus «Shrek» hatte 500. Animation benötigt nun mal viel Rechenpower, so dass wir beispielsweise Mimik und Haare einer Person heute getrennt voneinander rendern müssen. Dank immer leistungsfähigerer Computer werden wir die hoffentlich bald parallel und nahezu in Echtzeit von unseren PCs machen lassen können, was aber wiederum Investitionen in neue Hardware erfordert.

Wie kann man Ressourcen sparen?
Das fängt schon im Kleinen an: Wenn beispielsweise einer unser Mitarbeiter ein gutes Feuer am Rechner erstellt hat, kann man das in weiteren Filmen verwenden - beispielsweise eins, das einem Drachen aus dem Maul kommt, für unser drittes 3D-Werk in diesem Jahr, «Megamind».

Aus Tim Burtons Verfilmung von «Alice im Wunderland» wurde nachträglich am Rechner eine 3D-Version erstellt. Leider sieht das der aufmerksame Kinozuschauer. Warum ist eine gute Umwandlung so schwierig?

Auch in «Avatar» hat man manchmal das Gefühl, dass Objekte in Blickfeld da auftauchen, wo sie nicht hingehören. Viele Zuschauer müssen dann kurzzeitig die Brille abnehmen. Am besten ist es, wenn man den 3D-Effekt anfangs bemerkt und ihn dann nicht mehr als auffällig wahrnimmt, das Auge sich also daran gewöhnt. Grob vereinfacht: Wenn man den Film - wie im Fall «Alice im Wunderland» - nicht von Anfang an in 3D dreht, fehlen Daten, die man zwar simulieren, aber nicht vollwertig ersetzen kann. Und das merkt der Zuschauer. «Monsters vs. Aliens» wurde übrigens im Kreativ-Prozess noch als 2D-Version konzipiert, dann vom Start weg in 3D gedreht.

Dieser Film wird exklusiv von Samsung als Bundle mit den in Kürze erhältlichen 3D-Fernsehern der Südkoreaner verkauft. Man hat also immerhin schon ein Werk, für das die neuen Geräte geeignet sind. Bleiben 3D-Filme bis auf Weiteres vor allem etwas für Kinogänger?
Sport und Konzerte werden die meisten sicherlich auch daheim auf ihrem 50-Zoll-Gerät schauen. Aber viele Filme sind nun mal fürs Kino gemacht.

Viele Käufer dürften verärgert reagieren, weil sie die Brillen separat kaufen müssen und eine vierköpfige Familie dafür mitunter 800 Franken loswerden dürfte. Zudem funktionieren die 3D-Brillen in der Regel nur mit einem Gerät. Ist das im Sinne der Studios?
Zumindest für das zweite Problem dürften sich Lösungen finden. Denn so hat zum Beispiel der Hersteller Xpand für Juni eine Brille angekündigt, die mit Fernsehern aller bekannten Herstellern funktionieren soll. Soweit ich weiss, soll jede allerdings mindestens 100 Dollar kosten. Wir sprechen gerade übrigens mit Herstellern über Sonnenbrillen mit 3D-fähigen Gläsern.

Wann wird man ohne Brille 3D-Inhalte auf einem grossen Fernseher oder im Kino schauen können?
Das dürfte noch mindestens vier Jahre dauern. HP hat beispielsweise zuletzt auf dem Sundance Film Festival im Januar mit Project Pluribus eine entsprechende Technologie präsentiert. Sie ist aber noch nicht marktreif und sehr teuer.

Welcher war der erste 3D-Film, den Sie gesehen haben?
Das dürfte Anfang der 80er «Der weisse Hai 3D» gewesen sein - mit Dennis Quaid in seiner ersten Hauptrolle. Leider hatte ich danach Kopfschmerzen, weil die Technologie noch nicht ausgereift war. Daher fiel mein anschliessendes Date ins Wasser.