Imagekampagne

28. April 2010 14:13; Akt: 03.11.2010 14:16 Print

Humor-Offensive von Microsoft

von Henning Steier - Allzu oft waren die Redmonder Zielscheibe für bösen Spott der IT-Gemeinde. Nun versuchen sie erneut, Nutzer mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Dies gelang allerdings nicht immer.

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Microsoft: Comic und Sony-Notebook für beste IT-Anekdoten. Bild: Screenshot/Fotomontage

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Kunde: «Ich kann mein Passwort nicht ändern.»
Ich: «Sie müssen mindestens einen Grossbuchstaben verwenden.»
Kunde: «Es hat nicht funktioniert.»
15 Minuten später...
Kunde: «Hören Sie auf, mir zu sagen, ich solle Grossbuchstaben benutzen, auf der Tastatur gibt es nur solche.»

Anekdoten wie diese sammelt Microsoft auf seiner neuen Webseite wherestheanykey.co.uk. Wer die beste Geschichte aus seinem IT-Alltag einschickt, dem winken als Preis ein Notebook, Einkaufsgutscheine und die Veröffentlichung der Geschichte als Comic. Ob die Erlebnisse echt oder aus Witzbüchern abgeschrieben sind, dazu schwieg sich Microsoft gegenüber 20 Minuten Online bislang aus. Auf den ersten Blick erinnert das Ganze an die vom Unternehmen Kroll Ontrack alljährlich im Dezember veröffentlichten Top 10 der Datenverluste. In den geschilderten Fällen zerstören zum Beispiel Hundegebisse oder Babyzähne die Speichermedien. Die Daten liessen sich dann natürlich immer noch vom Unternehmen retten - beliebter Stoff für PR-gläubige Journalisten, denn ob sich die Anekdoten jemals so zugetragen haben, dafür liefert Kroll keine Belege.

In jedem Fall ist Microsofts Sammlung von IT-Erlebnissen ein weiterer Versuch der Redmonder, Imagepflege zu betreiben. Denn zwar konnten das aktuelle Betriebssystem Windows 7 und die Bürosoftware Office 2010 nicht nur in Tests von 20 Minuten Online durchaus überzeugen. Hartnäckig halten sich jedoch der Vista-Flop und Sicherheitsprobleme wie jene des Browsers Internet Explorer im Gedächtnis. Wer kann, nimmt es mit Galgenhumor und so sammeln zahlreiche Technologie-Websites wie chip.de Witze und Spott zum Thema Microsoft.

Abschiedsparty für den IE 6

Anfang März hatte Google auf seinen Seiten die Unterstützung für den veralteten Internet Explorer 6 eingestellt. Dies nutzte die Design-Firma Aten aus Denver, um PR in eigener Sache zu machen. Sie veranstaltete am 2. März eine Trauerfeier und stellte eine Webseite namens ie6funeral.com ins Netz. Auf dieser konnten Surfer Nachrichten für den Browser hinterlassen. Alle, die nicht nach Denver kommen konnten, wurden aufgefordert, Blumen zu schicken. Ein Strauss kam aus Redmond, denn Microsoft bewies Selbstironie und schickte ihn samt einer Karte, auf der zu lesen war: »Danke für die gute Zeit, IE6, wie sehen uns alle @MIX, wenn wir einen kleinen Teil des IE-Himmels zeigen. Das Internet Explorer Team @Microsoft«. Der nächste Internet Explorer soll nicht mehr unter Windows XP laufen, aber mit HTML5 umgehen können. Das Unternehmen kündigte überdies eine schnellere JavaScript-Engine mit Multicore-Unterstützung an.

Seit längerem versuchen die Redmonder überdies mit Werbe-Spots ein humorvolles und offenes Bild von sich zu vermitteln. Das gelingt allerdings nicht immer, wie jüngst diese Werbung für die ersten eigenen Handys des Unternehmens, KIN ONE und KIN TWO, bewies.

Auf Druck von US-Verbraucherschützern wurde der obige Spot später entschärft, weil er eine vermeintliche Aufforderung zum Sexting, dem Versenden erotischer Bilder per SMS, enthalte, was sich wiederum nicht mit der jugendlichen Zielgruppe vereinbaren lasse.

Haarscharf am Ziel vorbei schoss Microsoft im Sommer 2009 mit diesem Clip, welcher die InPrivate-Funktion des Internet Explorer 8 bewarb, welche auch als Porno-Modus bekannt ist. Denn vergleichbar dem Firefox lassen sich Surf-Spuren nun leichter entfernen. Wie die Freundin eines Nutzers der alten Version reagiert, als sie dessen besuchte Websites entdeckt, ist im folgenden Video namens «Oh my God I'm going to puke» («Oh, mein Gott, ich muss brechen») zu sehen, welches nichts für schwache Gemüter ist und nach Protesten von der offiziellen Werbeseite browseforthebetter.com entfernt wurde.

Für Kopfschütteln in der Technologie-Welt sorgte vor zwei Jahren auch ein Auftritt von Bruce ServicePack und der Vista Street Band. Das angeblich nur für den internen Gebrauch gedachte Video sollte Verkäufer von den Vorteiles des ersten Service Packs für Windows Vista überzeugen. Das «Wall Street Journal» fand den Clip so peinlich, dass es ihn als unter Anspielung auf die Watergate-Affäre als «Videogate» bezeichnete. Wie er an die Öffentlichkeit gelangte, wurde nie bekannt.

Berühmt sind auch die Werbe-Duelle mit Apple. Denn so reagierte der Apfel-Konzern beispielsweise im Herbst 2008 mit eigenen Spots auf Clips der Kampagne «I'm a PC» von Microsoft:

Grossen, weil eindeutigen Erfolg hatte Microsoft hingegen mit diesem vermeintlichen Weltrekord auf einer Wasserrutsche.

Allein in den ersten drei Tagen wurde das Video auf YouTube über 300 000 Mal angeklickt. Der 44-Sekunden-Film weckte Zweifel, zestreute aber viele davon, weil es ein Xing-Profil vom im Video zu sehenden Bruno Kammerl und eine Webseite mit vermeintlichen Details zu seinem Projekt Megawoosh gab. Nach einigen Tagen löste Microsoft das Rätsel Anfang August 2009 auf - es war eine Werbung für Office Project 2007 mit dem Claim «Mach es machbar».