Hands-on

19. August 2010 14:11; Akt: 03.11.2010 14:03 Print

Letzte Chance

von Henning Steier - Auf dem Smartphone ist Microsoft so weit davon entfernt wie nie, das zu werden, was es auf dem PC ist: eine Weltmacht. Richten soll es das neue Betriebssystem Windows Phone 7. Kann ihm das gelingen?

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Steve Ballmer ist ein Freund markiger Worte. So auch auf einer Konferenz im Herbst 2009, auf der Microsofts Chef einräumte, dass Windows Mobile «vergeigt» wurde. Nutzer hatten unter anderem mit Performance-Problemen und Unübersichtlichkeit der Geräte zu kämpfen. Dementsprechend liess Ballmer es sich im Februar nicht nehmen, auf die weltweit wichtigste Branchenmesse, den Mobile World Congress, nach Barcelona zu reisen und Windows Phone 7 zu präsentieren. Anwesenden Journalisten gewährte Microsoft damals aber nur ein paar Minuten unter Aufsicht mit dem neuen mobilen Betriebssystem.

Für heute hatte die Schweizer Niederlassung einige Medienvertreter nach Zürich eingeladen, um einen detaillierteren Einblick in die Software zu gewähren, die Microsofts einzig verbliebene Chance ist, im Mobilfunkmarkt Fuss zu fassen. Denn seine ersten eigenen Handys, KIN ONE und TWO, hatte der Hersteller kürzlich nach anderthalb Monaten eingestellt, um sich nach eigenen Angaben «ganz auf Windows Phone 7 zu konzentrieren». Die Zeit drängt, denn laut den Analysten von Gartner hatte Windows Mobile im zweiten Quartal nur noch einen weltweiten Markanteil von fünf Prozent - nach 9,3 Prozent im Vorjahreszeitraum und lag damit klar hinter iOS (13,2), Android (17,2), Blackberry OS (18,2) und Symbian (41,2). Allerdings sind die Zahlen nicht nur mit Vorsicht zu geniessen, weil es Hochrechnungen sind. Weil Microsoft die Pläne für Windows Phone 7 frühzeitig bekannt gegeben hat, ist das veraltete Windows Mobile 6.5 für Hersteller seit längerem nicht mehr attraktiv. Hingegen läuft auf über 90 Prozent aller Rechner immer noch eine Windowsversion.

Erfreulicher erster Eindruck

Auf den ersten Blick hat Microsoft mit dem neuen Betriebssystem vieles richtig gemacht. Es kommt mit einer aufgeräumten und intuitiv bedienbaren Benutzeroberfläche zum Kunden. Ins Auge stechen die so genannten Tiles, also Kacheln, auf dem Startbildschirm, in denen sich Informationen sammeln und schnell aufrufen lassen - beispielsweise im People-Tile News aus sozialen Netzwerken. In den so genannten Hubs werden Funktionen gebündelt - beispielsweise alle E-Mails, SMS und Tweets eines Kontakts. Praktisch: Man kann eine Adresse direkt in Bing Maps aufrufen und sich die Route anzeigen lassen. Eine kostenlose, webbasierte Navi-Funktion wie Google sie für Android-Geräte anbietet, gibt es bei Microsoft allerdings nicht.

Eigene Hubs sind nun die einzige Möglichkeit für Hersteller, die Benutzeroberfläche ihren Vorstellungen anzupassen. «Wir werden künftig Softwareupdates selbst übernehmen», kündigte Massimo Erroi, Business Group Lead Mobile bei Microsoft Schweiz, an. Daher sollen alle Geräte stets die aktuelle Version des Betriebssystems erhalten. Bei Android dauert es oftmals einige Wochen, bis diese zur Verfügung steht. Das liegt unter anderem daran, dass Hersteller zunächst ihre eigenen Benutzeroberflächen anpassen müssen - beispielsweise HTC sein Interface Sense. Ob Updates für Windows Phone auch direkt übers Mobilfunknetz ausgeliefert werden, wollte Erroi allerdings noch nicht verraten. Wäre eine Aktualisierung nur über den mitgelieferten PC-Client möglich, könnten eventuell Besitzer von Apple- und Linux-Rechnern ausgeschlossen werden. Ob Microsoft entsprechende Pläne hat - auch dazu wollte Erroi nichts sagen. Auf die Frage, ob Microsoft weniger strenge Kriterien für Apps im Windows Marketplace for Mobile haben werde als Apple im App Store und beispielsweise auch Erotik-Anwendungen zulassen werde, lieferte Erroi ebenfalls keine Antwort.

Drei Hersteller bekannt

Zum Marktstart der ersten Geräte im Oktober will Microsoft entsprechende Fragen beantworten. Bislang sind als Hersteller HTC, LG und Samsung gesetzt. Geräte haben sie allerdings noch nicht vorgestellt, wenngleich seit längerem diverse Prototypen im Netz zu finden sind. Definitiv nicht mehr dieses Jahr werden Besitzer von Windows-7-Smartphones Business-Funktionen wie VPN-Unterstützung und Verschlüsselung nutzen können. Microsoft sieht als Zielgruppe für die Geräte so genannte Life Maximizers. Diese sollen beruflich «voll engagiert und in sozialen Netzwerken aktiv sein», wie Erroi es der Firmen-Maxime gemäss formulierte. Wie aber passt das Fehlen der erwähnten Funktionen dazu? «80 Prozent der Anwender sollten mit von uns bereit gestellten Features wie OneNote, Exchange-Unterstützung, Kalender, E-Mail und SharePoint auskommen.»

Weitere negative Kritikpunkte werden einem beim Ausprobieren des Geräts schnell bewusst: Nicht erweiterbarer Speicher der Geräte, kein Copy and Paste. Echtes Multitasking wird bislang nur für vorinstallierte Anwendungen unterstützt. «Jeder Entwickler kann in seine App aber eine Benachrichtigungsfunktion integrieren, dank der man am oberen Bildschirmrand informiert wird, falls es Neues gibt. So kann der Nutzer die Anwendung dann starten, die sogleich zur jeweiligen Neuigkeit springt», erläuterte Erroi, der ausserdem ankündigte, dass der Zune-Marktplatz für Musik in der Schweiz zum Start nicht verfügbar sein wird. Rechtliche Probleme müssten noch gelöst werden. Dafür kann man über Xbox Live heruntergeladene Filme über den Zune-Client des Rechners aufs Handy bringen und abspielen. Direktes Kaufen von Streifen mit dem Gerät ist allerdings nicht möglich.

Entscheidend für den Erfolg von Windows Phone 7 dürfte unter anderem sein, ob Entwickler möglichst schnell viele Anwendungen bereitstellen. Jay Desai hat es Anfängern leichter gemacht, indem er unlängst eine Videoanleitung ins Netz stellte, wie man mit seinem Tool namens Make my App schnell und leicht XAP-Dateien erstellen können soll, die unter Windows Phone laufen.

Einen ähnlichen Baukasten für einfache Android-Anwendungen hatte Google vor einem Monat mit dem App Inventor verfügbar gemacht.

Apps für drei Plattformen

Auf der Entwicklerkonferenz MIX10 in Las Vegas hatte Microsoft Mitte März Details zur Strategie für Windows Phone 7 verraten. Applikationen sollen auf Basis von Silverlight und XNA-Framework entwickelt werden. Registrierte Entwickler können Tools zum Schreiben ihrer Apps wie Visual Studio 2010 Express for Windows Phone, ein Add-in für Visual Studio 2010 RC und das XNA Game Studio 4.0 auf einer eigenes eingerichteten Website gratis herunterladen. Die Apps können auf Windows-Handys, der Xbox 360 und Computern mit Windows XP, Windows Vista and Windows 7 laufen. Dies ist ein echter Vorteil gegenüber der Konkurrenz um Apple, Google und Nokia. Bereits vor einem Jahr hatte Microsoft eine Anleitung ins Netz gestellt, wie Entwickler ihre für Apples App Store geschriebenen Anwendungen auf Geräte mit Windows Mobile bringen können. Handlungsbedarf hat Microsoft - was die Quantität angeht - augenscheinlich: Kommen Apple und Google auf rund 230 000 beziehungsweise 100 000 Applikationen in ihren Angeboten, bieten die Redmonder im Vergleich zum Suchmaschinisten nicht einmal die Hälfte.

Ein wichtiger Mosaikstein in Microsofts Strategie sind Spiele für Smartphones mit Windows Phone 7. Auf der Messe Gamescom in Köln hat das Unternehmen folgerichtig diese Woche das Betriebssystem als Spieleplattform angepriesen. Nutzer sollen sich direkt mit Xbox Live verbinden und so auch rundenweise in Multiplayer-Games gegen Handy- und Konsolenbesitzer spielen und über den integrierten Messenger mit anderen kommunizieren können. Ausserdem kann man unter anderem Spielstände einsehen und sich Achievements verdienen. In der Liste der verfügbaren Spiele finden sich bekannte Titel wie «Halo Waypoint», «Assassins Creed», «Guitar Hero 5», «Splinter Cell Conviction» und «Star Wars: Cantina». Für Entwickler interessant: Die Redmonder planen, das Microsoft Game Studio in Windows Phone 7 zu integrieren.