Plagiate

17. Februar 2011 18:12; Akt: 17.02.2011 18:12 Print

«Abschreiben beginnt beim zweiten Satz»

Online-Tools wie «Docoloc» decken Schummeleien beim Verfassen von Texten auf. Doch wann handelt es sich um ein Plagiat? Ein deutscher Experte nimmt Stellung zum Fall Guttenberg.

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Der deutsche Verteidigungsminister soll seine Dissertation teilweise abgeschrieben haben und verliert deshalb womöglich seinen Doktortitel. (Bild: Keystone)

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Das an der Technischen Universität Braunschweig entwickelte Programm «Docoloc» vergleicht Dokumente mit frei verfügbaren Texten im Internet. Die Plagiat-Suche ist ein Online-Dienst für Schulen, Hochschulen und andere Institutionen. Docoloc markiert automatisch gleiche Textstellen und erstellt einen Prüfreport für den Benutzer. Letztendlich muss der menschliche Begutachter abwägen, ob es sich bei den Treffern um Plagiate handelt oder ob die Quelle des Zitats in der Arbeit korrekt genannt ist.

Ein Plagiat beginnt nach Ansicht des Braunschweiger Informatikers Jens Brandt bereits dann, wenn ein zweiter identischer Satz unbelegt in einem Text auftaucht. «Dass ich einen Satz genau so formuliere wie ein anderer Mensch es zuvor getan hat, das kann auch durch Zufall passieren. Aber sobald ein zweiter Satz dabei ist, kann ich nicht mehr an Zufall glauben, sondern dann muss es abgeschrieben sein», sagte der Mitarbeiter der TU Braunschweig im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd. Brandt ist einer von zwei Geschäftsführern, die das an der TU entwickelte Computerprogramm «Docoloc» zur Plagiatsuche in wissenschaftlichen Arbeiten vertreiben.

Mit Blick auf den aktuellen Vorwurf gegen den deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), seine Doktorarbeit sei teilweise abgeschrieben, sagte Brandt: «Natürlich muss man im Gesamten überprüfen, ob jetzt zwei kopierte Sätze oder ein kopierter Absatz es rechtfertigen, eine Arbeit komplett als negativ zu bewerten».

Nach Ansicht von Brandt ist es eine «Glaubensfrage», ob zu Guttenberg seinen Doktortitel behalten darf. Er könne sich jedoch nicht vorstellen, «dass die Universität Bayreuth den Mut hat, dem Verteidigungsminister den Titel abzuerkennen». Guttenbergs Arbeit müsse sehr kritisch geprüft werden, vor allem müsse abgewogen werden, ob es bei den Kopien um zentrale Punkte oder um Randbemerkungen gehe.

In der Einleitung abzuschreiben, wie es Guttenberg offenbar getan habe, sei aber «ziemlich dreist», sagte Brandt. «Das kann eigentlich kaum noch als Versehen betrachtet werden, weil ich normalerweise in einer Einleitung über die eigene Arbeit schreibe.»

Internet erleichtert Arbeit

Die freie Verfügbarkeit von Texten im Internet erleichtert nach Brandts Ansicht die wissenschaftliche Arbeit. Wissenschaftler, die ihre Texte frei zugänglich machten, würden öfter zitiert. Andererseits werde es für Studenten immer leichter, Texte zu kopieren. Doch dadurch, dass die Texte frei verfügbar seien, steige auch die Wahrscheinlichkeit enorm, Plagiate zu entdecken. «Der Fall von zu Guttenberg zeigt, wie wichtig es ist, Werkzeuge zu haben, um automatisiert Plagiate zu finden», unterstrich Brandt.

Die Docoloc-Software wird auch in der Schweiz genutzt - so bietet das Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich die Plagiaterkennung für die Schulen der Sekundarstufe II an. Das Tool werde routinemässig eingesetzt, heisst es auf der Copy-Stop-Website.

(dsc/ap)