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20. August 2010 15:49; Akt: 23.08.2010 08:22 Print

«Am Ende geht es meistens ums Geld»

von Henning Steier - Sechs Millionen Songs jederzeit und überall gratis hören: Am Montag startet Simfy auch hierzulande. Wie Chef Steffen Wicker im Piratenparadies Schweiz Erfolg haben will, verrät er im Interview.

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Die Simfy-Gründer Steffen Wicker (links) und Christoph Lange bringen ihren Dienst am 23. August in die Schweiz.

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Das Prinzip Musik-Flatrate ist theoretisch einfach: Registrierte Nutzer können entweder gratis oder gegen Geld auf Millionen Songs von Anbietern wie Pandora, Spotify oder Simfy zugreifen. In Playlisten stellt man sich seine eigene Musikbibliothek zusammen. Die Dienste bieten überdies Empfehlungen an, die dem Nutzer ebenfalls gefallen könnten. Übertragen wird die Musik übers Internet oder das Mobilfunknetz.

Jeder der grossen Anbieter hat Verträge mit den Plattenfirmen, welche für die Nutzung ihrer Songs bezahlt werden. Fragen des Urheberrechts müssen für jedes Land separat beantwortet werden. Daher sind grosse Anbieter bislang nur in einigen Teilen der Welt an den Start gegangen. Mit Simfy wagt sich nun ein Kölner Start-up auf den Schweizer Markt. Wie man Kunden davon überzeugen will, dass es ausreicht, Musik jederzeit streamen zu können, statt sie besitzen zu müssen - das wollte 20 Minuten Online von Firmen-Chef Steffen Wicker wissen.

Wie viele Songs sind in der Schweiz verfügbar?
Insgesamt werden wir – wie in Deutschland – über sechs Millionen Titel anbieten, die sich alle Nutzer anhören können. Bisher war die Website zwar schon nutzbar, doch noch nicht alle Songs verfügbar. Ausserdem wird es eine länderspezifische Startseite geben.

Sie bieten in Deutschland bereits Premium-Accounts für zehn Euro an. Wie viel kostet einer hierzulande?
Monatlich werden 14,50 Franken fällig. Dafür kann man alle Titel ohne Werbung hören und unsere Apps für iPhone, iPod touch und Android-Smartphones nutzen. Mit diesen kann man seine Musik einerseits über WLAN oder 3G aufs Gerät streamen, sie aber auch nutzen, wenn man offline ist. Möglich ist dies durch einen Download verschlüsselter Dateien, die sich nur mit der Simfy-App öffnen lassen. Demnächst wird es übrigens auch eine Applikation für den Blackberry geben. Anwendungen für Bada, Symbian und Windows Phone 7 sind momentan noch nicht geplant. Eine Variante könnte sein, die Apps gemeinsam mit den Herstellern zu entwickeln.

Im Gegensatz zu Deutschland ist hierzulande der reine Download nicht kriminalisiert worden. Wie wollen Sie Nutzer überzeugen, dass es reicht, Musik jederzeit streamen zu können, anstatt sie besitzen zu müssen?
Simfy ist viel komfortabler für den Nutzer. Man muss sich seine Musik nicht mehr im Netz zusammensuchen und dabei tote Links und beschädigte Dateien aussortieren. Wer bei uns einen Account hat, kann einfach auf Musik in guter Qualität (192 kbit/s) zugreifen.

Immer wieder gibt es Anleitungen im Netz, wie man Songs bei Simfy herunterladen kann. Eine Lücke, die den Download über das Firefox-Add-on Video Download Helper ermöglichte, ist mittlerweile geschlossen worden. Wie erklären Sie solche Probleme den Plattenfirmen?
Natürlich werden Tüftler immer wieder versuchen, Lücken in unserem System zu finden. Es ist ein Hase-und-Igel-Spiel. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir am Ende gewinnen werden. Nicht zuletzt haben wir wie die Rechteinhaber kein Interesse daran, dass die Musik von unserer Plattform heruntergeladen werden kann.

Es gibt auch zahlreiche Programme, mit denen sich Web-Streams aufnehmen lassen. Sehen Sie diese als Problem?
Diese Möglichkeiten gab es schon immer und sie lassen sich nicht beseitigen. Daher akzeptieren wir sie und hoffen, dass sich die User überzeugen lassen, dass es am bequemsten ist, Simfy so zu nutzen wie es gedacht ist. Überdies sind die aufgenommenen Streams in der Regel nicht gerade von hoher Qualität.

Auf Ihrer Webseite ist zu lesen, dass Sie es Nutzern in Zukunft ermöglichen wollen, auch selbst gekaufte Musik hochzuladen. Wann wird es so weit sein?
Diese Funktion sollte noch in diesem Jahr verfügbar sein.

Haben Sie keine Angst, dass Mitglieder Simfy für illegales Filesharing missbrauchen?
Man kann sich auf der Website mit einem Account nicht ein zweites Mal gleichzeitig einloggen.

Im Test war dies allerdings möglich.
Mag sein, aber nach einigen Minuten wird ein Account automatisch ausgeloggt.

Raubkopierer könnten sich aber zeitversetzt einloggen.
Wir werden Überwachungssoftware verwenden, die misst, wie viele Downloads über einen Account getätigt werden. Denn auch das Herunterladen selbst hochgeladener Musik soll möglich sein. Falls dem Programm auffällt, dass ein Account überdurchschnittlich viele Downloads verzeichnet, gehen wir der Sache nach und werden den Nutzer fragen, was da los ist. Ausserdem behalten wir uns in solchen Fällen vor, die Mitgliedschaft zu beenden.

Ist Simfy mittlerweile profitabel?
Noch nicht. Zurzeit ist unser primäres Ziel, ein Modell auf dem Markt bekannt zu machen, dass mit Anbietern wie Spotify in anderen Ländern bereits gut funktioniert.

Warum ist noch keine Werbung zwischen den Liedern zu hören?
Wir werden erst demnächst damit beginnen, Spots einzublenden. Wahrscheinlich wird es auf einen pro fünf Songs hinauslaufen. Es wäre aber auch denkbar, alle dreissig Minuten zwei Spots zu bringen. Hinzu kommt Bannerwerbung auf der Website.

Wie viele Nutzer aus Deutschland haben Sie seit dem Start im Mai gewonnen?

Insgesamt rund 600 000. Davon sind aber nicht alle registriert. Als unregistrierter Nutzer kann man einmalig fünf Songs hören, ehe die Aufforderung zur Anmeldung erscheint. Registriert hat sich bereits eine niedrige sechsstellige Zahl an Usern, davon bezahlt ein niedriger einstelliger Prozentsatz. Wir gehen davon aus, dass mehr Mitglieder bezahlen, sobald wir die Werbung aufschalten.

Sprechen Sie mit Providern über eine Integration von Simfy in deren Tarife?

Es gab bereits zahlreiche Gespräche – auch mit zwei Schweizer Anbietern. Wir haben aber vereinbart, keine Details zu verraten, bis es fertige Verträge gibt.

Wie funktioniert das Abrechnungsmodell mit den Plattenfirmen?
Von den Einnahmen, die wir mit den Premium-Accounts erzielen, erhalten die Unternehmen mehr als die Hälfte – nach einem Verteilungsschlüssel, der sich danach richtet, wie viele Songs ihrer Künstler angehört wurden. Ausserdem erhalten sie Geld für jeden abgespielten Titel und eine Beteiligung an den Werbeeinnahmen.

Warum sind bekannte Künstler wie Die Toten Hosen, Die Ärzte und The Beatles nicht in Ihrem Angebot zu finden?
Am Ende geht es meistens ums Geld. Manche sind aber prinzipiell skeptische gegenüber Online-Angeboten. Natürlich haben auch einige Angst, dass die klassischen Verkäufe zu stark sinken – wobei zu fragen ist, wie stark sie überhaupt noch zurückgehen können.

Pandora ist bekannt für sein Music Genome Project. Mitarbeiter hören Songs und können sie anhand mehrerer Hundert Kriterien klassifizieren. Darauf basierend erhalten Nutzer dann Empfehlungen, welche Musik ihnen auch gefallen könnte. Wie funktioniert das Empfehlungssystem von Simfy?
Es ist relativ einfach gehalten und erinnert an entsprechende Tools von Amazon: Nutzer, welche diesen Song gehört haben, haben auch jenen gehört.

Wie grenzen Sie sich allgemein von Anbietern wie Last.fm, Pandora und Spotify ab?
Bei den beiden erstgenannten Unternehmen ist es relativ einfach, weil sie im Prinzip Webradio-Anbieter sind, die unter anderem keine Offline-Angebote haben. Spotify hingegen ist ein guter Ansatz – das muss man neidlos anerkennen. Allerdings muss man eine Software herunterladen, unser Angebot funktioniert auch vollständig im Browser. Ausserdem werden wir erwähnt die Möglichkeit bieten, eigene Musik hochzuladen, die dann auf allen Plattformen verfügbar sind. Nicht zuletzt sind Pandora und Spotify erst in wenigen Ländern verfügbar, so dass wir auch dadurch einen Vorteil ihnen gegenüber haben könnten, weil wir schon viele Nutzer haben, wenn diese Anbieter jemals auf den Markt kommen.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal wäre die Möglichkeit, hochgeladene Songs mit anderen teilen zu können.
Vor rund zwei Jahren sind wir mit der ersten Version von Simfy mit genau dieser Funktion in Deutschland auf den Markt gegangen. Allerdings wurde das von den Nutzern nicht angenommen, so dass wir von August 2009 bis Mai 2010 offline gehen mussten. Es war einfach zu umständlich, alle Titel selbst hochladen zu müssen. Nun hat man Zugriff auf alle Titel und kann diese Funktion als Ergänzung sehen.

Apple hat Lala gekauft und könnte einen Streaming-Dienst über iTunes anbieten. Könnten dieser Ihnen das Geschäft zerstören?
Wenn überhaupt, wird Apple wahrscheinlich einen Dienst starten, mit dem man seine eigene Musik in die Cloud bringen und über iTunes streamen kann. Strategisch dürfte es für Apple schwierig sein, einen Dienst wie unseren anzubieten. Denn bekanntlich sind viele Labels nicht glücklich darüber, wie dieser Anbieter die Preise im Markt diktiert. Das Unternehmen würde mit einem solchen Angebot auch den eigenen iTunes Store zu stark kannibalisieren.