Verunfalltes Google-Auto

20. August 2012 17:05; Akt: 21.08.2012 13:17 Print

«Die Bilder lösten auch Schadenfreude aus»

Wie lanciert man ein virales Video und führt die Internet-Welt an der Nase herum? Der Art Director von Wirz Werbung verrät Details zu einer Kampagne, die rund um den Globus für Wirbel sorgte.

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Diesen Sommer machte ein ungewöhnliches Filmdokument im Internet die Runde: Das bei YouTube veröffentlichte Video zeigt das Wrack eines angeblich in der Wüste Indiens gestrandeten Street-View-Autos. Gepostet wurde der Film von Gisela Treichler, Gründerin und Geschäftsführerin des Travel Book Shops in Zürich. Tatsächlich handelt es sich um eine geschickte Werbekampagne für den vor kurzem noch von der Schliessung bedrohten Reisebuchladen. Im Interview nimmt der Art Director von Wirz Werbung, Rob Hartmann, Stellung.

Wie ist Wirz Werbung zu diesem Auftrag gekommen?
Rob Hartmann: Der Travel Book Shop am Rindermarkt in Zürich ist ein kleiner, aber feiner Kunde, der wirtschaftlich vor dem Ende stand. Grösster Konkurrent für die auf Reiseliteratur spezialisierte Nischenbuchhandlung ist das Internet. Dies hat zur Idee der Agentur geführt, mit einer Aktion für den Travel Book Shop das Internet mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.

Wie beurteilen Sie den Erfolg der Kampagne?
Die Resonanz ist unerwartet stark ausgefallen, weltweit, aber auch in der Schweiz – das zeigte sich anhand der vielen Seitenaufrufe und Anfragen per Mail und Facebook.

Warum dieses grosse Interesse?
Ich führe das zu einem grossen Teil darauf zurück, dass es in der Welt der Internet-Virals noch nie ein Bild eines «gestrandeten» Street-View-Autos zu sehen gab. Das löste einerseits eine gewisse Schadenfreude aus, andererseits aber auch sehr lebhafte Diskussionen in der Web-Community über die Echtheit bzw. die Entstehung des Videos und der Fotos.

Was waren die grössten Herausforderungen?
Konzeptionell und technisch gesehen: Die Story und ihr Material so zu gestalten und zu perfektionieren, dass sie über einen möglichst langen Zeitraum glaubhaft bleibt. Strategisch und taktisch betrachtet, galt es das «Seeding» im Web so anzulegen, dass möglichst schnell möglichst grosses Aufsehen entsteht und die weltweit ausgelöste Diskussion auch in die Schweiz getragen wird.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Nach einer ausgeklügelten Strategie, die wir nicht im Detail verraten können. Als Ergebnis haben über 3000 Webportale rund um die Welt das Thema aufgegriffen und wiederum hunderttausende Views generiert.

Wie ist die Inhaberin des Reisebuchladens instruiert worden?
Die gebriefte Story lautete, Gisela Treichler hat das Video von einem Kunden via E-Mail erhalten und spontan gefunden: Der Film passt genau zu ihrer Philosophie, dass wahre Abenteuer dort beginnen, wo das Internet aufhört. Indem sie mit dem Hochladen des Materials selber eine Scheinwahrheit in Umlauf brachte, deckt sie gekonnt die Schwächen des zwar alles umfassenden, aber nicht ganz zweifelsfreien Internet-Contents auf.

Wie viele Leute wussten, dass es sich um einen Fake handelt?
Neben Gisela Treichler vom Travel Book Shop und dem Team von Wirz Werbung waren dies die Spezialisten von fluxif.com und die Fotoagentur scheffold.vizner.com.

Haben Sie Google vorgängig informiert?
Dazu bestand kein Anlass.

Warum das?
Wir sind überzeugt, dass auch einige Mitarbeiter bei Google über die Bilder und das Video gestolpert sind und wohl auch etwas schmunzeln mussten. Für Google Insider haben wir einen eindeutigen Beweis im Bild versteckt, dass es sich nicht um ein echtes Google Street View Auto handeln kann.

Was kostet eine Kampagne dieser Grössenordnung?
Der Gegenwert an medialer Resonanz ist schwer zu beziffern, dürfte aber in die Hunderttausende Franken gehen.

Wie viel hat Gisela Treichler für die Kampagne bezahlt?
Die Kampagnenkosten belaufen sich inklusive denn noch folgenden Plakaten auf rund 50 000 Franken. Wobei wir bereits jetzt einen Gegenwert an Medialeistung von mehreren hunderttausend Franken erreicht haben. Bilder und Viral-Movie entstanden auf Reisen des Fototeams und in enger Zusammenarbeit mit den Spezialisten der Bildbearbeitung.

Wer hat die Bilder in Indien gemacht Selbst die Bilder sind nicht in Indien aufgenommen, sondern in der Nähe von Las Vegas, beim Red Rock Canyon.

Muss bei einer solchen Kampagne auch mit negativen Folgen gerechnet werden?
Die Aktion ist vom Start weg auf so viel Zustimmung gestossen, dass eine negative Wirkung ausgeschlossen werden konnte. Zudem bietet die Etikette «David gegen Goliath» viel Sympathiepotenzial.

Wie geht es nun konkret weiter?
Die nächste Phase löst das Rätsel «Echt oder Fake?» auf und belegt dies mit Fotos und Videos zum Making-of. Parallel dazu werden Fotomotive in einer Print- und Posterkampagne für den Travel Book Shop eingesetzt.

«Viral» aus der Schweiz: Google-Car-Crash - Zürcher Jux verkohlt die Welt

(dsc)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chris am 21.08.2012 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Haha... wers glaubt...

    Und weil der Shop kurz vor der Schliessung stand, hat man 50000 Franken investiert... schlechter Witz...

  • Peter S. am 20.08.2012 19:02 Report Diesen Beitrag melden

    Milchmädchenrechnung

    Schon interessant, wie Werber rechnen. Ok - ich bin selbst Werber seit 18 Jahren mit eigener Agentur. Aber diese Milchmädchenrechnung geht nicht auf. 50'000 für die Kampagne in echtem Geld bezahlt. Gegenwert mehrere Hunderttausend virtuelle Medienresonanz-Fränkli. Würde der Buchladen diese Buchhaltung der Hausbank vorlagen würde der Kredithahn sofort zugedreht. Virtuelle Fränkli sind buchhalterisch keinen Rappen wert. Letztlich zählen Umsatz und Ertrag. Und Mehrertrag muss höher sein als die Kampagnenkosten, sonst war sie unternehmerisch ein Flopp. Für die Buchhandlung zumindest.

    einklappen einklappen
  • M.Gmür am 20.08.2012 22:42 Report Diesen Beitrag melden

    WERBER

    Hoffe die hatten wenigstens eine schöne Woche in Las Vegas! Aber von den 50'000.-- sollte ja noch was übrig geblieben sein.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kay N. Google am 21.08.2012 16:06 Report Diesen Beitrag melden

    90

    Das sind aber nicht wirklich viele Aufrufe. Und warum gerade ein Google-Auto ist mir auch nicht gerade schlüssig.

  • S. Schönenberger am 21.08.2012 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    Ist Geiz denn immer geil?

    Tolle Ideen kann man unmöglich immer mit Franken und Rappen aufwägen. Das ist der Grund, warum der Travel Book Store Probleme bekommen hat. Ich freue mich an der wunderbaren Story, die es ohne weitere Werbekosten in die Schlagzeilen geschafft hat. Und ausserdem lasse ich mich für Reisebücher gerne im Travelbookstore beraten.

  • Tina am 21.08.2012 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    Also das stinkt

    Einen auf "wirtschaftlich" vor dem Aus stehen machen aber dann Riesensummen für so einen Schwachsinn ausgeben?

  • Chris am 21.08.2012 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Haha... wers glaubt...

    Und weil der Shop kurz vor der Schliessung stand, hat man 50000 Franken investiert... schlechter Witz...

  • Kurt Wyss am 20.08.2012 23:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wirz

    Sollte das stimmen das die Werbeagentur Wirz für 50.000 Fr. den Auftrag übernommen hat, die Bilder ins Interner gestellt hat, haben sie sich strafbar gemacht. Es fehlt dann bei den Bildern ein bestimmter Untertitel.