SenseTime

12. April 2018 20:32; Akt: 12.04.2018 20:32 Print

«Der feuchte Traum aller Überwachungs-Anhänger»

Mit künstlicher Intelligenz und Gesichtserkennung will China jeden überall und jederzeit überwachen. Ein Pekinger Start-up spielt eine zentrale Rolle.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

SenseTime ist im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) das zurzeit wertvollste Start-up der Welt. Der Wert der chinesischen Firma hat sich innerhalb von drei Jahren auf drei Milliarden US-Dollar erhöht, wie das Wirtschaftsmagazin «Bloomberg» berichtet.

Umfrage
Sind Sie für Videoüberwachung?

Die Software der Firma läuft auf mehr als 100 Millionen chinesischen Smartphones. Weiter betreibt das Start-up einen Supercomputer, der mit mehr als 8000 Grafikkarten bestückt ist. Nach Angaben der Firma sei man führend bei KI-Plattformen und Algorithmen. SenseTime steuert auch zum chinesischen Überwachungsapparat bei, wie es im Artikel von Bloomberg weiter heisst.

Eine Zentrale für die Überwachung

Unter dem Codenamen Viper wird ein System entwickelt, mit dem in Zukunft Live-Feeds gesammelt werden. So sollen Daten von Büros, Kameras an Bankomaten und Verkehrskameras zentral zusammenlaufen. Ziel sei es, 100'000 Feeds zur gleichen Zeit zu analysieren, zu verarbeiten und abzulegen. Behörden sollen das System nutzen können, um Verdächtige zu finden, aber auch um Unfälle automatisch zu erkennen. Eine Zusammenarbeit mit mehr als 40 lokalen Behörden sei aufgegleist, heisst es.


SenseTime demonstriert an einer Konferenz in Tokio Anfang April 2018, wie die Gesichtserkennung funktioniert. (Foto: Kiyoshi Ota/Bloomberg via Getty Images)

Bereits wurden Vorwürfe laut, weil das System missbraucht werden könnte. Li Xu, CEO von SenseTime, winkt ab: «Es wird die Privatsphäre nicht beeinträchtigen, da nur autorisierte Personen zugreifen können», sagt er. Diese Auffassung teilen nicht alle. Auf Twitter spricht der deutsche Unternehmer Kim Dotcom Tacheles: «Die Gesichtserkennung mit KI ist der feuchte Traum von Massenüberwachungs-Aficionados.»

Interview mit Hernâni Marques, Vorstandsmitglied des Chaos Computer Club Schweiz.

Wieso setzt China so stark auf Gesichtserkennung?
Mittels Gesichtserkennung durch Videoüberwachung an jeder Ecke, durch jedes Mobilgerät hindurch, mit Videobrillen für Polizisten und Drohnen für wenig besiedelte Gebiete kann jeder überall im Land durch Abgleich mit einer zentralen Datenbank identifiziert werden. China will die gewünschten Normen und die Realität eins werden lassen: Die lückenlose Totalüberwachung ist nötig, um Bürger und damit die Gesellschaft als Ganzes zentral zu steuern.

Die Polizei der Zukunft ist in China schon auf Streife

Ist ein zentralisiertes System zur Massenüberwachung auch in Europa denkbar?
Absolut. Schon vor den Snowden-Enthüllungen wurde in der EU im Rahmen des 7. Forschungsrahmenprogramms (FP-7) am Projekt Indect gearbeitet: Dieses sieht vor, alle Kommunikation und alle Daten von Videoüberwachungsanlagen auf einer zentralen Plattform zusammenzuführen.

Welche Auswirkungen hätte es, wenn China Weltmarktführer im KI-Bereich wäre?
Da praktisch unsere gesamte Hardware in China gefertigt wird, bedeutet eine Weltmarktführung von China auch eine prinzipielle Kontrollmöglichkeit aller Geräte durch die Volksrepublik. Die Gefahren liegen auf der Hand: China wird in Zukunft nicht nur die chinesische, sondern auch andere Gesellschaften überwachen können. Die Kontrolle anderer Völker erfolgt in Zukunft nicht über militärische Vorherrschaft, sondern über jene im digitalen Raum. Diesem Einfluss kann nur entkommen werden, wenn die EU und die Schweiz endlich aufwachen und merken, dass wir unsere Informations- und Kommunikationstechnik-Grundlagen in den Griff kriegen müssen: Dafür müssen Systeme her, deren Funktionsweise bekannt sind – offene Hardware und freie Software.

(tob)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mätte33 am 12.04.2018 21:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geht gar nicht!

    Finde ich völlig schlecht. Sowas wie Freiheit und Privatsphäre werden somit völlig unterdrückt. Ich verstehe ja, dass es in Supermärkten, Banken etc Kameras gibt, um Täter zu identifizieren und um zu ermitteln. Aber jede Person jederzeit und überall zu überwache, finde ich masslos übertrieben!

  • TJ am 12.04.2018 22:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Prophezeiung

    Ich sage nur; Der Anfang vom Ende

  • Alex Vorburger am 12.04.2018 22:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Autorisiert = integer????

    ...Es wird die Privatsphäre nicht beeinträchtigen, da nur autorisierte Personen zugreifen können..., sagt der CEO der Überwachungsfirma, der eigentlich um die hinlänglich bekannten Missbrauchsmöglichkeiten solcher Systeme - und Menschen - am besten wissen sollte. Noch klarer hätte man das Gegenteil dieser Aussage nicht beweisen können.

Die neusten Leser-Kommentare

  • TJ am 12.04.2018 22:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Prophezeiung

    Ich sage nur; Der Anfang vom Ende

  • Alex Vorburger am 12.04.2018 22:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Autorisiert = integer????

    ...Es wird die Privatsphäre nicht beeinträchtigen, da nur autorisierte Personen zugreifen können..., sagt der CEO der Überwachungsfirma, der eigentlich um die hinlänglich bekannten Missbrauchsmöglichkeiten solcher Systeme - und Menschen - am besten wissen sollte. Noch klarer hätte man das Gegenteil dieser Aussage nicht beweisen können.

  • Lukas M. am 12.04.2018 22:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortung

    Wir gewöhnen uns immer mehr an eine totale Kontrolle und Diktatur, je mehr Überwachung wir zulassen. Wir alle haben da eine grosse Verantwortung.

  • Der Irre mit dem Smartphone am 12.04.2018 21:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Illusionen

    Wie alles, hat auch Kontrolle ihre Grenzen. Das wird das chinesische Regime auf die unangenehme Art lernen müssen.

  • Mätte33 am 12.04.2018 21:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geht gar nicht!

    Finde ich völlig schlecht. Sowas wie Freiheit und Privatsphäre werden somit völlig unterdrückt. Ich verstehe ja, dass es in Supermärkten, Banken etc Kameras gibt, um Täter zu identifizieren und um zu ermitteln. Aber jede Person jederzeit und überall zu überwache, finde ich masslos übertrieben!