Facebook-Mitarbeiter

16. Dezember 2016 13:44; Akt: 16.12.2016 14:54 Print

«Was ich sah, lässt mich an Menschheit zweifeln»

Sie sichten für das soziale Netzwerk Inhalte über Folter, Mord und Kindsmissbrauch: Die Mitarbeiter einer Berliner Firma enthüllen ihre Arbeitsbedingungen.

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Damit sie nicht umgangen werden können, hält Facebook seine Zensurregeln unter Verschluss: Hauptquartier von Facebook in Menlo Park, Kalifornien. (Archivbild) (Bild: Keystone/AP Photo/Paul Sakuma)

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Weltweit melden Facebook-Nutzer pro Tag mehr als eine Million Beiträge als unzulässig. Die Angestellten der Berliner Firma Arvato, die für das soziale Netzwerk solche Inhalte sichten, enthüllen gegenüber zwei Journalisten der «Süddeutschen Zeitung» ihre problematischen Arbeitsbedingungen und die streng geheimen Löschregeln.

Rund 600 Angestellte arbeiten seit Herbst 2015 in Berlin bei Arvato für Facebook. Die Firma, die zum Medienkonzern Bertelsmann gehört, betreibt auch Callcenter, Vielfliegerprogramme und Versandzentren.

Die Mitarbeiter kommen aus verschiedenen Ländern und arbeiten in nach Sprachen unterteilten Teams für Arabisch, Türkisch, Italienisch, Französisch. Mit Journalisten zu sprechen, ist verboten, die Arbeitsverträge enthalten Geheimhaltungsklauseln.

2000 Beiträge pro Tag

Weil sie sich gegen problematische Arbeitsbedingungen wehren wollen, sprechen noch angestellte und ehemalige Mitarbeiter dennoch mit den Journalisten der «Süddeutschen Zeitung». Sie berichten von einem hohen Arbeitspensum und ungenügender psychologischer Betreuung.

«Es ist eine zufällige Bildauswahl, was so aus der Warteschlange kommt. Tierquälerei, Hakenkreuz, Penisse», erzählt einer.

Bei 40 Arbeitsstunden pro Woche verdienen sie 1500 Euro pro Monat. Bis zu 2000 Beiträge pro Tag müssen sie sichten; Mitarbeiter, die Videos bearbeiten, haben im Schnitt nur acht Sekunden Zeit um zu entscheiden, ob es gelöscht werden muss oder nicht.

«Gleichzeitig wäre es unmöglich, alle Videos wirklich duchzuschauen und zu prüfen. Sie sind so brutal, dass man einfach wegschalten will, obwohl man das nicht darf», wird ein anderer zitiert.

«Lässt mich am Guten zweifeln»

Viele leiden unter Symptomen, die ein Universitätsprofessor als klassische Merkmale einer posttraumatischen Belastungsstörung einordnet: Wiederkehrende Albträume, Schmerzen, die sich nicht körperlich erklären lassen, sozialer Rückzug, Erschöpfung und abgestumpfte Verhaltensweisen, Verlust des sexuellen Interesses.

«Ich habe Sachen gesehen, die mich ernsthaft am Guten im Menschen zweifeln lassen. Folter und Sex mit Tieren», sagt einer der Arvato-Mitarbeiter. «Irgendwann kamen Enthauptungen, Terror, ganz viel Nacktheit. Ein Schwanz nach dem anderen», erzählt ein anderer.

Auf eine Anfrage der SZ antwortet Facebook, jeder Mitarbeiter könne psychologische Betreuung in Anspruch nehmen, wenn er das wünsche. Arvato selber kommentiert Anfragen der Journalisten nicht. Der Auftraggeber Facebook bearbeite alle Presseanfragen selber. Facebook Deutschland schreibt zu den meisten Fragen: «Dazu machen wir keine Angaben».

Die geheimen Löschregeln

Die sogenannten Gemeinschaftsstandards werden von Facebook unter Verschluss gehalten – nicht einmal Behörden erhalten Einblick in die Zensur-Regeln – angeblich damit diese nicht umgangen werden können. Das Regelwerk ist komplex und wird ständig angepasst. Die SZ listet einige Beispiele dafür auf, was gelöscht wird und was nicht: Das Bild eines Mädchens neben dem Foto eines Schimpansen mit ähnlichem Gesichtsausdruck muss beispielsweise gelöscht werden, weil der eindeutige Vergleich eines Menschen mit einem Tier eine herabwürdigende Bildbearbeitung sei.

Ein Video in dem ein Mensch gequält wird, muss nur gelöscht werden, wenn darunter etwas steht wie: «Mir gefällt es, zu sehen, wie viel Schmerz er da erleidet.»

Umgang mit extremer Gewalt

Nicht gelöscht wird das Foto eines Erhängten mit dem Kommentar «Hängt diesen Hurensohn». Begründet wird dies mit der erlaubten Befürwortung der Todesstrafe. Gelöscht werden müsste es, wenn eine «geschützte Personengruppe» erwähnt wird, also beispielsweise «Hängt diesen Schwulen auf».

Zum Umgang mit extremer Gewalt heisst es: «Wir erlauben nicht, wenn Menschen Bilder oder Videos teilen, in denen Menschen oder Tiere sterben oder schwer verletzt werden, wenn diese Form der Gewalt dabei zusätzlich bejubelt wird.» Kommentiert jemand das Foto eines Sterbenden mit «Seht euch das an – so cool» oder «Fuck yeah» dann muss das Bild gelöscht werden. Videos, die den Tod von Menschen zeigen, seien verstörend, könnten aber Bewusstsein schaffen für selbstverletzendes Verhalten, psychische Erkrankungen, Kriegsverbrechen oder andere wichtige Themen, heisst es in den Facebook-Dokumenten, die den SZ-Journalisten vorliegen.

(ij)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • MArtin am 16.12.2016 14:20 Report Diesen Beitrag melden

    Normale Ausbeuter Betriebe

    klar kann man eine psychologische Betreuung in Anspruch nehmen. Nur dann wird man gekündigt, weil man "nicht belastbar" ist. Als Grund steht dann natürlich was von "Wirtschaftlich schlechter Lage" in der Kündigung. 10 Minuten später sitzt der nächste am PC

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  • Daniel am 16.12.2016 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Facebook eben

    Hauptsache der Gewinn stimmt, alles andere ist für Facebook lästige Nebensache.

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  • ach die Armen.... am 16.12.2016 14:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gruppe Bertelsmann...

    ....das sagt schon alles. Diese ist mit verantwortlich für die politische Zensur die aktiv auf FB betrieben wird.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kritiker am 17.12.2016 11:08 Report Diesen Beitrag melden

    Medien ohne Gewaltdarstellungen

    Manche Zeitungsinhalte sind aber manchmal auch schlimm. Man kann auch über etwas Schreckliches berichten, ohne dass dazu noch Fotos mit möglichst viel Blut abgebildet werden. Mal ehrlich: Welcher halbwegs normale Mensch will so was sehen? Zum Beispiel dort wo eines der ersten IS-Attentate in England war (mit Beil) war der Täter mit blutigen Händen auf der Titelseite von mehreren Zeitungen abgebildet. Ich fand das sehr verstörend, unnötig und auch belästigend. Darum hätte ich auch nichts dagegen wenn Facebook und co. wie auch alle anderen Medien auf Gewaltdarstellungen verzichten würden.

  • Igel am 17.12.2016 09:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bessere Zeiten

    Ich weiss schon warum Ich meinen Acount dort gelöscht habe. Sowas brauche ich nicht mehr. Seither kann ich ruhiger schlafen und habe mehr Zeit für wichtigere Angelegenheiten. Dieses Glänzen und Zurschaustellen, Einiger habe ich nicht nötig. Es herrscht auch dort eine Art Gruppendruck.

  • Peter am 17.12.2016 07:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Problemlösung

    Einfach zu lösendes Problem: Einfach FB Account löschen, fertig!

  • Mike am 17.12.2016 01:42 Report Diesen Beitrag melden

    Kein wirklicher Schutz!

    Jede Art von Gewalt sollte sofort eingestellt werden ohne wenn und aber! Nicht Kohle verdienen mit jedem Mist, sondern Schutz der Jugend und Bevölkerung steht im Vordergrund!

  • warum so problematisch am 16.12.2016 21:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Menschlich

    Facebook zweifelt an der Menschheit.. Na klar, aber um ein Profil eines verstorbenen Menschen zu löschen braucht Facebook hunderte Bescheinigungen und und und.