IT-Sicherheitsexperte

08. August 2017 15:19; Akt: 08.08.2017 15:24 Print

«Das Darknet zu verbieten, hätte verheerende Folgen»

Drogen-, Waffen-, Menschenhandel: Ist das Darknet ein Sumpf des Verbrechens? Keinesfalls, wie IT-Sicherheitsexperte Marc Ruef erklärt.

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Die Kapo Aargau hat zwei Drogendealer geschnappt, die im Darknet tätig waren. Ein 30-jähriger Mann entführte im Juli ein Model und wollte es dann im Darknet versteigern. Das Darknet scheint ein Hort des Verbrechens zu sein. Marc Ruef, wieso gibt es das Darknet überhaupt?
Die Idee des Darknets ist, sich anonym und unkontrolliert austauschen zu können. Offensichtlich wird dies gut und gern auch von Kriminellen genutzt. Aber auch in Ländern mit umfangreicher staatlicher Kontrolle und harter Zensur spielt das Darknet eine wichtige Rolle. Ein technologisch ungehemmter Datenaustausch ist ein wichtiger Bestandteil einer modernen Demokratie.

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Welches sind die positiven Aspekte?
Im Rahmen des Arabischen Frühlings konnte in den betroffenen Regionen eine Zunahme der Kommunikation via TOR (siehe Box, die Red.) festgestellt werden. Das Darknet spielte also eine wichtige Rolle bei der Orchestrierung der Aufständischen. Ohne diesen Kanal hätten die Proteste nicht oder nur viel träger stattfinden können. Der Begriff Darknet bezeichnet gemeinhin einen Teil des Internets, in dem man sich konsequent mittels Verschlüsselung schützt und durch Proxys anonymisiert.

Ist das Darknet ein rechtsfreier Raum?
So etwas wie einen rechtsfreien Raum gibt es nicht. Viele der Verbrechen, die mithilfe des Darknets begangen werden, lassen sich durch bestehende Gesetze adressieren. Drogen werden angebaut, verkauft, verschickt, importiert und konsumiert. Dafür braucht es keine neuen Gesetze. Das gilt auch für Verbrechen im Bereich Cybercrime (z. B. Verkauf von gestohlenen Daten). Entsprechende Gesetze sind vorhanden, um diese ahnden zu können.

Wie gross ist das Problem mit dem Drogenhandel im Darknet in der Schweiz?
Dies ist schwierig abzuschätzen. Es zeichnet sich aber ab, dass auch hierzulande konsequent das Internet als Vertriebskanal erschlossen wird. Manche wittern eine gute Gelegenheit und wollen in ihrer Naivität auf den Zug aufspringen. Viele der Händler bringen aber wenig technisches Verständnis hierfür mit und sind sich dementsprechend nicht bewusst, wann und wo sie sich exponieren.

Haben Sie da bestimmte Erfahrungen bei Ihren Recherchen gemacht?
Wir bewegen uns für verschiedene Mandate in unterschiedlichen Bereichen des Darknets. In manchen Fällen geht es darum, konkrete Märkte zu infiltrieren, um Mechanismen und Akteure offenlegen zu können.

Müsste die Schweiz mehr Ressourcen für eine Überwachung im Darknet einsetzen?
Das Verständnis und dementsprechend die Ressourcen wurden in den letzten Jahren wie auch im umliegenden Ausland konsequent aufgestockt. Die Zunahme der Fahndungserfolge zeugt davon. Viele Verbrechen werden heute dank Computersystemen effizienter umgesetzt oder durch diese erst möglich. Eine zunehmende Fokussierung auf den Bereich Cybercrime ist also unausweichlich.

Ist es sinnvoll, das Darknet zu überwachen?
Absolut. Rechtlich legitimierte Überwachung und Ermittlung ist auch im Darknet erforderlich und wichtig.

Kann man das überhaupt?
Eine Ermittlung im Darknet muss genau gleich erfolgen wie anderswo auch. Zwar sieht man sich da eher mit technisch affinen Akteuren konfrontiert. Die damit zusammenhängenden Themen, wie zum Beispiel Verschlüsselung, sind aber mittlerweile auch im normalen Internet von Relevanz (z. B. Skype, Whatsapp).

Ist es nicht nur ein Tropfen auf den heissen Stein?
Jegliche Form der Verbrechensbekämpfung ist schlussendlich ein Kampf gegen Windmühlen. Das ist aber kein Grund, sich kampflos zu ergeben. Der Rechtsstaat muss präsent und aktiv sein, auch im Internet. Gerade im Bereich des Drogenhandels flammt im Zusammenhang mit dem Darknet die Diskussion der Legalisierung auf. Der ehemalige Administrator von Silk Road, dem damals grössten Drogenumschlagplatz im Darknet, führte in seiner Gerichtsverhandlung ins Feld, dass der Drogenhandel im Darknet sicherer sei als auf der Strasse.

Müsste man das Darknet nicht verbieten?
In diesem Fall müsste man zum Beispiel die Verschlüsselung verbieten. Dies wäre gesellschaftlich verheerend und würde wohl den Niedergang der Demokratie einläuten. Politiker, die solche Forderungen stellen, sind kritisch zu betrachten. Die Verbrecher werden zudem die einzigen sein, die sich nicht an ein Verbot halten werden. Das liegt in der Natur der Sache.

(tob)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beltran Leyva am 08.08.2017 15:48 Report Diesen Beitrag melden

    Überwachung ohne Konsequenzen!

    was bringt die Überwachung des Darknets,oder auch aller Terroristen wenns keine Konsequenzen gibt?Wikileaks hat ZigTausend Verbrechen von führenden Politikern,Staatsbeamten und Firmen aufgedeckt,und was ist passiert?Julien Assange(wikileaks-gründer) war der einzige der Angeklagt wurde...

    einklappen einklappen
  • Hans Meiser am 08.08.2017 15:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Guter Kommentar

    Dass ein Verbot zuerst die ehrlichen Leute trifft hört man viel zu wenig. Ein Verbot treibt oft nur die Preise im Schwarzmarkt nach oben, am Angebot oder gar der Nachfrage ändert es nichts.

  • Ueli dr Hecht am 08.08.2017 15:34 Report Diesen Beitrag melden

    Niedergang der Demokratie

    NSA Massenüberwachung, Staatstrojaner, BÜPF, Bargeldabschaffung, Whatsapp, Facebook..... Die Demokratie ist schon länger im Niedergang, sobald mal eine Partei in der Schweiz (oder anderswo) die absolute Mehrheit hat, wird dies auch dem letzten bewusst werden.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Gehtnet am 09.08.2017 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    Der manipulative Begriff Darknet

    Der Begriff Darknet wurde von den Geheimdiensten erfunden. Es handelt sich hierbei um ein dezentrales, verschlüsseltes Netz. Und die wird man nie verbieten können, denn sonst habt ihr die Tyrannei.

  • Polo am 09.08.2017 09:15 Report Diesen Beitrag melden

    Erst der Anfang

    Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, könnte das Heftli hier natürlich auch die Briefpost verbieten, weil Kriminelle sich damit auch schon kontaktiert haben. Autos, weil sie als Mordwaffe benutzt wurden, Flugzeuge, dito. So clever, Ihr Aufhänger zu Aufregung und Empörung...

  • Reto am 09.08.2017 09:13 Report Diesen Beitrag melden

    Geschwafel

    Ja, ja, das böse, böse Darknet... Was für ein lustiges Mode- und Schlagwort, um sich ein bisschen aufzuplustern und aus Mücken Elefanten zu machen. Dass Internetkriminalität per se verboten ist, dürfte ja auch ihren schlichteren Schreiberlingen klar sein.

  • Anonym am 09.08.2017 07:34 Report Diesen Beitrag melden

    Privatsphäre

    Ich surfe so anonym wie es geht,weil ich die Nase voll habe von der unendlichen Gier der Datensammler. Es ist allerdings schwierig wirklich anonym zu bleiben, das setzt Konsequenz und Wissen voraus. Macht man 1 Fehler, ist man nicht mehr anonym. Es dürfte also auch Heerscharen von Internet Usern geben, die nix Schlechtes im Sinn haben, sondern einfach ihre Privatsphäre wollen, das sollte man nicht vergessen. Und nein, der Satz wenn man nichts zu verbergen hat, ist völlig fehl am Platz!

  • Gabi Zürich am 08.08.2017 18:11 Report Diesen Beitrag melden

    Silkroad war nicht nur negativ!

    Dank dem Darknet wurde die Qualität der Drogen besser, es gibt weniger Verbrechen auf der Strasse, die mit Dealereien hervorgingen. Und vor allem schaden die Konsumenten niemandem ausser sich selbst! Eigentlich eine gute Sache das Darknet, nur die Polizei ist natürlich wieder ganz anderer Meinung! Mein Tipp versucht doch mehr Gewaltverbrechen oder Einbrüche im Real Life aufzuklären!