Gläserner Arbeitnehmer

12. Juli 2017 11:30; Akt: 12.07.2017 13:25 Print

Kollegen entscheiden mit App über Karrieren

Öffentliche Kritik am faulen Peter, Lob für die kreative Pia. In Echtzeit, direkt aufs Handy. Sieht so die Zukunft der Arbeitswelt aus?

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Dalios Modell macht Schule: Die Kollegen bewerten sich gegenseitig, Transparenz steht über allem.(Symbolbild) (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

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Bewertet wird immer mehr: Kleider auf Zalando, Bücher auf Amazon, Fahrer auf Uber. Nun scheint diese Praxis vermehrt auch auf die Arbeitswelt überzugreifen. Der Chef des US-Hedgefonds Bridgewater Ray Dalio hat eine App entwickeln lassen, mit der sich die Mitarbeiter gegenseitig bewerten können, wie die «Handelszeitung» schreibt. Auf jedem Firmen-iPad ist die Software «Dots» installiert. Sie enthält eine Liste aller 1500 Kollegen, deren Leistung in 100 Disziplinen beurteilt werden können.

Die Einträge erfolgen im Gegensatz zu Zalando oder Amazon nicht anonym. Die Bewertung erscheint öffentlich, in Echtzeit und wird auf dem Handy angezeigt. Doch diese zwei Faktoren scheinen nicht abschreckend zu wirken: Die Mitarbeiter hätten bereits 11'000 Bewertungen abgegeben, so Bob Prince, ein hochrangiger Manager des Unternehmens. Dalio ist der Überzeugung, dass die App seine Mitarbeiter anspornt. Deshalb sehe er sie als mitverantwortlich für den grossen Erfolg seiner Firma.

Rating beeinflusst Glaubwürdigkeit

Die Idee basiert auf der von Dalio selbst verfassten und 320 Seiten umfassenden Firmen-«Bibel». In der Pflichtlektüre für alle Mitarbeiter ist laut der Handelszeitung der ehrliche Umgang mit den Kollegen als oberstes Gebot festgelegt, die Rede ist von «radikaler Transparenz» und «radikaler Wahrheit». «Wer hinter dem Rücken anderer tuschelt», schreibt Dalio in seinen «Principles», «den betrachte ich als schleimigen Betrüger.»

Die Bewertung spielt eine zentrale Rolle in der Gesamtbeurteilung des Arbeiters, schreibt Business Insider US. Aufgrund der Beurteilungen wird für jeden Mitarbeiter eine Art «Visitenkarte» ausgestellt. Diese entscheidet mit, wie glaubwürdig der Input eines Kollegen in einem Meeting eingeschätzt wird. Ein Streit mit dem Tischnachbarn könnte also möglicherweise gravierende Konsequenzen nach sich ziehen.

Wie die Zeitung berichtet, scheinen jedoch nicht alle Mitarbeiter Freude zu haben an Dalios Konzept der radikalen Transparenz. 30 Prozent der Mitarbeiter kündigen in den ersten zwei Jahren. Dennoch scheint die Idee Dalios Schule zu machen. Die Grossbank JP Morgan hat nun ihrerseits für die 240'000 Mitarbeiter das Programm Insight360 eingeführt, auf Wunsch der Angestellten. Ähnlich wie bei Bridgewater können sich damit die Mitarbeiter konstant gegenseitig bewerten, schreibt «Quartz». «In vielen Gesprächen haben wir erfahren, dass unsere Angestellten gern häufiger Feedback hätten», so der Personalchef der Bank, John Donnelly, in einer E-Mail an die Belegschaft.

(sep)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • V. Erständnislos am 12.07.2017 12:05 Report Diesen Beitrag melden

    Auswirkungen auch negativer Art

    Echt jetzt? Und dann wundern sich die Leute ... wenn wieder mal einer in der Firma Amok läuft!?

  • Peter Pan am 12.07.2017 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    "unangenehme" Jobs?

    und all' diejenigen, die einen Job mit Aufgaben haben, die von Anderen als "unangenehm" empfunden werden, haben das Nachsehen...

  • V.Spass am 12.07.2017 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    Viel Spass

    Die Menscheit erträgt das nicht!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Asterix am 13.07.2017 18:15 Report Diesen Beitrag melden

    Weiter machen

    Ich würde die App ignorieren. Sowohl die "Ergebnisse" als auch mit selber Bewertungen abgeben. Einfach meinen Job machen und auf die App pfeiffen.

  • Nikinio am 13.07.2017 15:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeit macht Frei motto????!

    Was ist mit Mobbingopfern? Was wenn der neue Arbeitgeber gerne Einblick hätte? Aus diesem und anderen Gründen fühlte ich mich noch nie wohl an einem Arbeitsplatz. Dauerndes verstellen und vorspielen und vorallem so tun als ob die Arbeit an erster Stelle stünde. Wieso definieren sich alle über Ihren Beruf. Ob man im Leben ein Versager oder Gewinner ist wird nur anhand des Bildungstandes und der Arbeit entnommen. Ich bin im Job ein kleiner Fisch und werde auch nie Karriere machen da mir andere Dinge wichtiger sind! Trotzdem sehe ich mich als Gewinner. Denn ich versuche Glücklich zu werden!

  • Realistin am 13.07.2017 12:39 Report Diesen Beitrag melden

    wird's in der Schweiz nicht geben

    Denn so ein Bewertungssystem widerspricht unseren Datenschutzgesetzen. Und die App wird es auch in Amerika wohl nicht lange geben, sobald mal jemand Anklage erhebt und ein paar Millionen Schadenersatz bekommt lupft's diese Firma eh..

  • Acidboy am 13.07.2017 10:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ist mir egal

    Solange man die chefs ehrlich bewerten darf...

    • Asterix am 13.07.2017 18:14 Report Diesen Beitrag melden

      Wer traut sich?

      Ist ja nicht anonym.

    einklappen einklappen
  • Ein Leser am 12.07.2017 21:21 Report Diesen Beitrag melden

    Was überlegen sich die Entwickler

    Was ich schlimm finde das es Leute gibt die sowas erfinden und das gut heissen. Was geht bei denen im Kopf vor. Ich vermute die haben selber irgendwie Probleme.