Morddrohungen und Sexismus

19. Oktober 2014 17:15; Akt: 19.10.2014 21:37 Print

Gesinnungskrieg erschüttert Gameszene

von Ill-FiL - Die Gamer-Gemeinde wird durch eine heftige Kontroverse erschüttert. Gibt es «den Gamer» überhaupt noch, oder hat es ihn gar nie gegeben?

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Fast schon barbarische Zustände herrschen derzeit innerhalb der Gamerszene. Eine Diskussion über Ethik im Spiele-Journalismus ist ausser Kontrolle geraten. (Bild: Keystone/AP/Martin Meissner)

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Sexismus, Korruption, Boykotte, Morddrohungen. Was im August als normale Diskussion über Ethik im Game-Journalismus innerhalb der Game-Community begann, ist mittlerweile zum emotionalen Gesinnungskrieg geworden. In dessen Verlauf sind vor allem weibliche Exponenten der Szene massiven Bedrohungen im Internet ausgesetzt.

Auslöser für die bislang wohl grösste und am emotionalsten geführte Kontroverse innerhalb der Gamer-Szene waren Gerüchte, welche die Objektivität des Kotaku-Journalisten Nathan Grayson infrage stellten. Der Vorwurf der Gamergate-Anhänger, die sich für eine Ethikreform im Videospieljournalismus starkmachen: Er habe mit der Indie-Game-Entwicklerin Zoe Quinn Sex gegen gute Berichterstattung über ihr Spiel «Depression Quest» getauscht. Es folgten persönliche Angriffe von Seiten der Community gegen Zoe Quinn, die in Morddrohungen gegen die Entwicklerin gipfelten und sie zwangen, ihre Wohnung zu verlassen.

Die sogenannte Gamergate-Kontroverse zog immer grössere Kreise, wobei neben Verschwörungstheorien vor allem eine hitzige Diskussion über Sexismus in Videospielen entbrannte. In deren Verlauf wiederum meldeten sich namhafte Game-Journalisten wie Dan Goulding, Kotaku- und Gamasutra-Redaktorin Leigh Alexander oder die feministische Medienkritikerin Anita Sarkeesian zu Wort – und zogen den Hass der Befürworter der Gamergate-Bewegung auf sich.

Eine Affäre, Sexismus und Morddrohungen

Mittlerweile liefern sich die verschiedenen Vertreter der Game-Community (Hardcore-Gamer, Medienschaffende, Blogger, Entwickler) einen regelrechten Online-Krieg, allerdings wird es zunehmend schwieriger, die Fronten klar auseinanderzuhalten. So musste die Bostoner Entwicklerin Brianna Wu am vergangenen Wochenende nach Morddrohungen in Sicherheit gebracht werden. Allerdings distanzierten sich Anhänger der Gamergate-Bewegung von den Morddrohungen. Wu hatte sich darüber lustig gemacht, dass Gamergate vordergründig Korruption kritisiere, tatsächlich aber vor allem sexistische Belästigungen von Frauen aus der Spieleszene nach sich ziehe. Wer tatsächlich hinter den Morddrohungen gegen die Entwicklerin steckt, ist nicht klar.


Die am Anfang von Gamergate stehenden Spekulationen über Kotaku-Redaktor Grayson und Entwicklerin Zoe Quinn konnten übrigens nicht belegt werden. Fest steht, dass Grayson nie ein Game seiner Ex-Affäre besprochen hat. Erhoben hatte die Vorwürfe übrigens Quinns Exfreund Eron Gjoni, wie das Wirtschaftsmagazin «Forbes» schreibt.

Tod einer Identität?

Ist Gamergate also lediglich eine auf der Eifersucht des Ex-Partners einer Indie-Entwicklerin gründende, emotional überladene Luftblase? Dagegen spricht, dass sich zu viele Protagonisten in die Diskussionen eingeschaltet haben. Emotionalität und Vielschichtigkeit, mit der die Kontroverse geführt wird, zeigen zudem, dass sich der Umgang mit Computer- und Videogames in den letzten Jahren stark verändert hat. Gaming ist, nicht zuletzt durch den Erfolg von Mobile-Games, zur Massenunterhaltung geworden, die längst nicht mehr nur Entwicklern den Lebensunterhalt finanziert.

Und dass Massenunterhaltung definitiv nicht nur auf junge, männliche, weisse Heteros abzielt, wie Dan Goulding in «The End of Gamers» feststellt, sollte ausser Diskussion stehen. Ob das «neue» Massenmedium Games aber tatsächlich für den Tod der Gamer-Identität verantwortlich ist, wie Goulding und Alexander postulieren, ist fraglich. Gab es überhaupt je die eine Gamer-Identität? – Dies zu behaupten wäre in etwa dasselbe wie die Thrash-Metal-Band Slayer im Musikantenstadl mit der Begründung auftreten zu lassen, es käme nicht darauf an, was gespielt würde; das Publikum wolle einfach Musik hören.

«FIFA»-Spieler sind keine Shooter-Fans. Das war schon immer so. Wenn es je eine einzige «Gamer-Community» gab, dann zu der Zeit, als ein paar wenige Jugendliche ihre Freizeit in Arcade-Spielhallen verbrachten. Das ist allerdings beinahe 40 Jahre her.

Was ist Ihre Meinung zum Thema «Gamergate»? Gibt es überhaupt noch «Gamer», oder sind wir alle nur noch «Spieler»? Diskutieren Sie im Talkback mit!



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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • kurt am 19.10.2014 20:11 Report Diesen Beitrag melden

    mit gamern hat das nichts zu tun

    die ganze diskussion hat rein garnichts mit echten "gamern" zu tun sondern nur mit selbstdarstellern die auf facebook oder in ihren blogs ihre 5min ruhm haben wollen. und wir alle wissen ja längst das diese platformen hauptsächlich von "kranken" und "gestörten" genutzt werden um sich aufzuspielen. wer echte gamer treffen will und deren meinung hören will geht auf teamspeak oder in clan-foren. alles andere sind nur gelegenheitsspieler.

  • Pixelfreund am 20.10.2014 01:45 Report Diesen Beitrag melden

    Gegenfrage

    Gibt es Filmfans oder vieleicht Bücherleser als homogene Gruppe? Games sind ein weiteres Medium. Wenn sich nicht mal Metaller und Hip Hopper darauf einigen können was ihre jeweilige Gruppe ausmacht, wieso sollten es ausgerechnet Gamer können? Womit ist ein FPS-Fan aufgewachsen? Doom, Unreal und Half-Life, oder doch eher Wolfenstein, Duke Nukem, Quake? Ist doch alles Blödsinn. Echte Gamer sind wie echte Schweizer, nichts anderes als ein Hirngespinst von Narzisten, welche sich krampfhaft über den Rest heben wollen. Also diejenigen, die alle nerven und den Menschen das Leben komplizierter machen.

  • andi am 20.10.2014 01:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gamer für mich

    Ein Gamer ist für mich die Person die genau die spiele spielt die sie mag. Egal ob Pc oder Konsole.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Doppel T zum Frühstück am 20.10.2014 21:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Absolut richtig

    Gamer sind diejenigen die aus freude am Spiel spielen.

  • Thomas P. am 20.10.2014 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Ach herje

    Der echte Gamer spielt und hat keine Zeit für solche Sinn befreiten Diskussionen von irgendwelchen Selbstdarstellern. Grob unterteilt unterscheidet man eigentlich in der Branche zwischen Gelegenheitsspieler (Casual Gamer), Core Gamer (meisten Konsolenspieler) und Hardcore Gamer (meisten PC Spieler). Daneben gibt es wie bei Musik und Film verschiedene Genres und da sind die Geschmäcker so verschieden wie die Menschen.

  • Frau am 20.10.2014 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Massentauglichkeit ist problematisch

    Vorweg: Es soll jeder gamen was er mag! Männlein, Weiblein, jung, alt - wer will, der soll. Problem ist, dass besonders Frauen es total cool finden auf "seht mich an ich bin eine weibliche Gamerin" zu machen. Dafür ernten sie massenhaft Aufmerksamkeit auf den Social-Media-Plattformen. Wenn jemand viele Anhänger hat, hat er auch einfluss. Nun gibt es einige die das nutzen um Sexismus-Debatten loszutreten die keinem Mensch helfen. Ich bin selber weiblich und habe noch in jedem Game (vorwiegend männliche) Gamer gefunden die mich völlig normal und anständig behandelt haben. Diskriminierung? Nein.

  • Dario am 20.10.2014 13:29 Report Diesen Beitrag melden

    komische Diskussionen

    Game ist Game. Was bitteschln hat das damit zu tun ob es auf einer Konsole, oder einem PC gespielt wird? Ich gehöre wirklich zur alten Generation, und hatte meine ersten Games auf C64, anschliessenPC Plattformen. Ich finde Konsolen haben Ihre Vor- und Nachteile, sowie der PC diese auch hat. Ich zocke auf dem PC weil ich nicht noch mehr Elektroschrott in der Hütte möchte, und bleibe darum auch beim PC. Aber finde es trotzdem gut das es Konsolen gibt. Konkurrenz belebt die Innovationen und die Qualität.

  • lukas h am 20.10.2014 13:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gamer

    ja, ich bezeichne mich als gamer. es spielt dabei keine rolle ob pc oder konsole, ob mann oder frau, ob alt oder jung, schwarz oder weiss, hetero oder homo. ein gamer spielt die spiele die er mag, auf systemen die er hat und mag, in dem pensum das er kann oder mag. auch ich sehe sozialmedia-games wie browserspiele oder appgames nicht als richtige games an, dass gilt aber nur für mich und kann jeder selbst entscheiden. ein gamer spielt aus leidenschaft, spass und als hobby oder zum zeitvertreib, nicht wegen titel oder reputation.