Lizenzkrieg

18. Juni 2014 12:08; Akt: 18.06.2014 14:16 Print

Youtube will Indie-Bands abschiessen

von T. Bolzern - Verschwinden Radiohead und The White Stripes von Youtube? Der Konzern will Songs von Indie-Bands blockieren, wenn deren Plattenfirmen nicht beim neuen Streaming-Dienst mitmachen.

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Auf der Videoplattform Youtube sind Schätzungen zufolge vier von zehn Aufrufen Musikclips. Das könnte sich schon bald ändern. Denn: Google, der Mutterkonzern von Youtube, hat die Verträge mit grossen Labels wie Universal, Sony und Warner neu verhandelt. Hintergrund ist die geplante Lancierung eines eigenen Musik-Streaming-Dienstes unter dem Namen «Youtube Music Pass», wie diverse US-Medien berichten. Damit will Youtube in Konkurrenz treten mit Spotify oder Pandora, aber auch mit Firmen wie Apple (Beats) und Amazon.

Videos von unabhängigen Labels könnten dadurch bereits «in den kommenden Tagen» auf Youtube blockiert werden, wenn die Labels den Bedingungen des neuen Angebotes nicht zustimmen, sagt Robert Kyncl, Vizepräsident von Youtube, in einem Gespräch mit der «Financial Times». Damit könnten unter anderem Clips von Bands wie Radiohead, Adele, The XX, Vampire Weekend oder Franz Ferdinand von der Plattform verschwinden.

«Ein Internet für Superstars»

Über Youtube-Kanäle wie Vevo, der von Sony betrieben wird, könnten die Videos zwar weiterhin verfügbar sein, doch Radiohead-Gitarrist Ed O'Brien fürchtet, dass mit dem neuen Service «ein Internet nur für die Superstars und grosse Unternehmen» erschaffen wird. Denn vielen Unabhängigen wurden für ihre Kanäle offenbar Verträge mit schlechteren Konditionen als den Majorlabels angeboten.

Laut der weltweiten Vereinigung von Indie-Labels (WIN) sollen die geplanten Lizenzbedingungen bei Youtube gar schlechter als bei Spotify sein.

Youtube nutzt das Monopol aus

«Es darf nicht sein, dass ein Stream eines Major-Künstlers finanziell mehr einspielt als ein Stream eines Independent Artists, das ist absolut absurd», sagt Andreas Ryser, Präsident von Indiesuisse, dem Schweizer Verband unabhängiger Musiklabels und -produzenten. In der Schweiz sei bisher aber noch kein Indie-Label direkt von Youtube angegangen worden. Das Geschäftsgebaren von Youtube sei aber albern: «Sie nutzen klar ihr Monopol aus, wenn sie damit drohen, Clips von denen zu sperren, die nicht spuren», sagt Ryser.

Falls das so umgesetzt werde, fürchtet er, dass 30 bis 40 Prozent der Inhalte auf Youtube verschwinden. Auf diese Zahl wird der Marktanteil von Indielabels weltweit geschätzt. «Für Youtube wäre das längerfristig wohl ein ziemliches Desaster», so Ryser. Independent Labels seien ja meist diejenigen, die neue Musik entdeckten und Künstler aufbauten. Er könne sich darum nicht vorstellen, dass die Plattform es sich leisten will, den ganzen «Coolness-Faktor» zu verlieren, indem Trends und Hypes einfach verbannt werden.

Auch für Schweizer Künstler sei Youtube ein bedeutendes Instrument: «Youtube ist das wichtigste Radio auf der Welt. Die meisten Leute konsumieren darüber ihre Lieblingsmusik», so Ryser. Lukrativ sei die Präsenz für die meisten Künstler aus der Schweiz hingegen nicht.

Youtube nennt keine Zahlen

Die Independent Music Companies Association (IMPALA), die Interessen von mehreren unabhängigen Labels, darunter auch vom Verband Indiesuisse, vertritt, hat nun bei der Europäischen Kommission angeklopft, um Hilfe im Kampf gegen Youtube zu erhalten.

Youtube will sich zu den Vertragsbedingungen nicht äussern. Wie ein Sprecher sagt, soll der geplante Service aber eine neue Einnahmequelle für die Musikindustrie generieren und hunderte Millionen Dollar pro Jahr abwerfen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, seien mehrere Hundert Labels schon mit an Bord. Mit «Youtube Music Pass» sollen Nutzer - gegen Bezahlung einer Abogebühr - ganze Alben ohne Werbung hören und Songs auch offline verfügbar machen können. Der neue Service soll voraussichtlich im Sommer lanciert werden.

Mit Milliarden Klicks zu Zaster

Wer bei Youtube Millionen Klicks generiert, kann heute mit Werbung einiges an Geld verdienen: «Ein grosses Publikum zu finden ist aber hart», sagt Courtney Holt, ehemalige Präsidentin von Myspace Music und heute Chefin der Maker Studios, die Youtube-Künstler vermarktet, gegenüber «Rolling Stone». Der südkoreanische Rapper Psy hat mit seinem Überhit «Gangnam Style» im letzten Jahr als erster die Marke von einer Milliarde Klicks geknackt. Laut Schätzungen verdiente er damit zwischen 800'000 und zwei Millionen Dollar. Mittlerweile ist sein Video über zwei Milliarden Mal angeschaut worden.

Durch das geplante Premium-Youtube sehen sich die Indie-Labels bedroht. Sie fürchten, dass so das kostenlose Angebot von Youtube drastisch verbessert wird und damit die Anzahl der Abos bei anderen Streaming-Diensten wie Spotify oder Deezer - und somit letztendlich die Einnahmen der Künstler - zurückgehen könnten, wie ein Label-Chef gegenüber der «Financial Times» sagt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tinu Ku am 18.06.2014 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Google do no evil?!

    Hey Google wie ging Euer Vorsatz nochmal? Do no evil?! Ich kenn ja die Hintergründe nicht...aber evtl. sollte sich google schon mal überlegen sein motto zu ändern... sowas wie "Google rule the world" oder "Google do whatever google want" oder so. Schade. wo's um Geld geht gehen Prinzipien flöten.

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  • patten am 18.06.2014 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Steter Abstieg

    Vor wenigen Jahren war YouTube unglaublich gut. Alles Mögliche war in grosser Vielfalt aufzufinden, von Musikvideos zu Anleitungen, von Webshows bis zu Best-of-Clips, ohne Anmeldung oder sonstigen Bedingungen. Jetzt braucht man zum Kommentieren Google+, zum Schauen eine gehörige Portion Geduld wegen der verfluchten Werbung, und bald kommt nun diese Geldmacherei dazu. Ein paar Jahre noch, dann wars das mit YouTube. Man bekommt den Eindruck, Google würde das Erfolgsrezept von Youtube nehmen, und es Stück für Stück ruinieren.

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  • Chris am 18.06.2014 12:34 Report Diesen Beitrag melden

    Keinen Rappen für ein MP3-Stream

    Vielleicht bin ich da etwas old-school, aber ich will meine Musik *besitzen* und zwar zumindest in CD-Qualität (44.1kHz/16-Bit lossless). Ich würde nie im Leben für die miese Soundqualität von YouTube oder irgendwelchen MP3-Streaming-Plattformen bezahlen. Da höre ich lieber Internet-Radio. Zum Glück gibt es Soundcloud. Da findet man das meiste, was auf YT ist (von Indie- oder Underground-Künstlern) auch.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Karl Atze am 19.06.2014 15:11 Report Diesen Beitrag melden

    "Indie", ja klar

    Musste schon bei der Kurzfassung am Anfang laut loslachen. Seit wann bitte haben Indie-Bands Plattenfirmen? Ich dachte immer, Indie steht für independent, also nicht von Plattenverträgen abhängig.

  • Leser am 18.06.2014 22:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hahahahaaaa!

    Es wird die Zeit kommen, da werden die allzu kommerziell-geilen Unternehmen abstürzen!!

  • User am 18.06.2014 22:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jajajaaa!

    Es gibt bereits Alternativen zu Youtube! Ich hoffe bloss, dass die Freiheit im Netz gewinnt!!! Youtube wurde immer schlechter...!

  • genervter am 18.06.2014 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    egal

    egal dann freut sich die konkurenz und lösst youtube ab. ist je länger je mehr nur noch ein werbebomber.

  • Blubber blub am 18.06.2014 20:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    youtube...

    früher, als youtube noch eine open source plattform war, keine werbungs hatte und nicht alles um geld ging, konnte man ja noch schauen. aber mittlerweile wurden die personen hinter youtube geizig. dieses "Es wird nie werbung auf youtube geben" wurde ja als erstes gebrochen, und jetzt werden diverse musiker bzw labels nicht wiedergegeben, weil sie youtube kein geld geben möchten. tut mir leid, youtube ist meiner meinung nach einfach schlecht geworden (und das liegt daran dass ich die hälfte dessen, was ich sehen will nicht auf dieser seite verfügbar ist, oder nicht in meinem land verfügbar ist. und natürlich daran dass ich bei jedem 3ten video nun werbung gezeigt bekomme)

    • David am 18.06.2014 22:16 Report Diesen Beitrag melden

      Wer ist daran Schuld?

      In meinen Augen Google. Werbung finde ich da grundsätzlich gar nicht so schlimm (Youtube zu betreiben kostet einen Haufen Geld - das muss irgendwo herkommen), aber bspw. der Google+ Zwang nervt einfach nur gewaltig und ist dazu völlig unnötig.

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