Skala der Entrüstung

01. Mai 2012 12:39; Akt: 01.05.2012 12:40 Print

Bei Stufe 6 wütet der Shitstorm mit voller Wucht

von Daniel Schurter - Zwei Social-Media-Profis haben eine Methode entwickelt, mit der man die Intensität von «Empörungswellen» im Internet beurteilen kann. Die Skala reicht von harmlos bis bedrohlich.

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Der Umgang mit Facebook und anderen interaktiven Plattformen will gelernt sein. Sonst kann sich schnell ein Shitstorm zusammenbrauen. Gegen den geballten Zorn der Internet-Gemeinde ist kein Gras gewachsen. Doch nicht jedes Lüftchen wird zum Orkan. Die Social-Media-Experten Daniel Graf und Barbara Schwede haben die weltweit erste Shitstorm-Skala entwickelt. MIt ihr kann die Schwere einer Empörungswelle im Internet beurteilt werden. Bei Stufe 6 kommt es zu einem «ungebremsten Schneeballeffekt mit aufgepeitschtem Publikum». Shitstorms können in Null-Komma-Nichts entstehen. Als «Brandbeschleuniger» gelten soziale Netzwerke wie Facebook und Co. Der Internet-Protest kann Auswirkungen auf das reale Leben haben. Das weiss niemand besser als Karl-Theodor zu Guttenberg, der über eine Plagiatsaffäre stolperte. Die Schweizer Politologin Regula Stämpfli hat mit ihren umstrittenen Äusserungen zum Walliser Car-Drama einen veritablen Orkan ausgelöst im Internet. Weil sich der Bergsportartikel-Konzern Mammut 2011 zu einer umstrittenen Kampagne gegen das neue CO2-Gesetz bekannte, machten umweltbewusste Mitglieder auf der Facebook-Seite des Unternehmens mobil. «Wir entschuldigen uns bei allen Kritikern, die sich mit diesem Schritt vor den Kopf gestossen fühlten», schrieb Mammut und bedankte sich auch dafür, «eine weitere wichtige Lektion im Umgang mit Social Media» gelernt zu haben. Mitten in einen Shitstorm geriet letztes Jahr auch die FIFA. Schuld waren nicht etwa die anhaltenden Korruptionsvorwürfe, sondern Massentötungen von herrenlosen Hunden in der Ukraine und weiteren Oststaaten. Tierschützer hatten die Austragungsorte der EM 2012 ins Visier genommen. Mit dem Sunrise-Werbe-Tram lösten die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) einen Shitstorm aus. Die Reklame auf den öffentlichen Transportmitteln wurde in den Online-Portalen und sozialen Netzwerken kontrovers diskutiert, zahlreiche Medien berichteten. Der Zorn der Internet-Gemeinde ist eine mächtige Waffe. Das machen sich Aktivisten mit den unterschiedlichsten Anliegen zunutze. Greenpeace stellt mit einem an Star Wars angelehnten viralen Video den Autohersteller VW als Umweltsünder an den Pranger. Der Lebensmittel-Multi Nestle geriet 2010 wegen des umweltzerstörenden Verhaltens eines Palmöl-Zulieferers unter Druck. Die Proteste im Internet und auf der Strasse zeigten Wirkung. Viele Shitstorms gehen von Facebook aus. Das weltgrösste soziale Netzwerk ist aber selbst nicht vor den Empörungswellen sicher. Zuletzt sorgten der Kauf des Fotosharing-Dienstes Instagram sowie die Einführung der Chronik (Timeline) für Aufregung. United Airlines erlebte 2008 ein PR-Desaster. Musiker David Caroll schrieb und verfilmte einen Song, wie Angestellte der Fluggesellschaft seine Gitarre achtlos in den Rumpf eines Flugzeugs warfen und sie so kaputtgemacht haben. Der Clip wurde auf der Videoplattform Youtube innerhalb von sechs Wochen fünf Millionen Mal angeklickt. Welchen Shitstorm haben Sie schon erlebt?

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Ein unappetitliches Wort ist in aller Munde: Shitstorm. Selbst die «Neue Zürcher Zeitung» gab sich letzte Woche der Fäkalsprache hin. Die Wirtschafts-Professorin Miriam Meckel durfte in einem Gastbeitrag von den «scheissstürmischen Gefilden» schreiben, in denen wir lebten. Heute brauche es nur wenig Aufwand, um grosse Empörungswellen auszulösen.

Sprachwissenschaftler stellen fest: Der aus den englischen Wörtern «Shit» und «Storm» zusammengesetzte Begriff macht im deutschsprachigen Raum rasant Karriere. Im Februar ist er zum Anglizismus des Jahres 2011 gewählt worden. Die Fachjury begründete ihre Entscheidung damit, dass es keine passende Übersetzung für das vor allem im Internet gebräuchliche Wort gebe.

Wie bei der Windskala

Die Social-Media-Experten Daniel Graf und Barbara Schwede haben eine Skala entwickelt, mit der sich die Schwere eines Shitstorms beurteilen lässt. An einer Fachtagung zu Social Media in Zürich haben die beiden kürzlich ihre Kreation vorgestellt - und damit vor allem in ausländischen Medien ein beträchtliches Echo ausgelöst.

«Wir haben versucht, die Beaufort-Skala auf die Social-Media-Welt anzuwenden», erklären die Erfinder im Firmenblog. Die berühmte Windskala basiere ebenfalls auf Beobachtungen, argumentieren sie. Wenn Zweige von Bäumen brechen und hohe Wellenberge mit Schaumstreifen zu sehen seien, spreche man von stürmischem Wind der Stufe 8. Bei schwerem Sturm der Stufe 9 werden gar Bäume entwurzelt und es ist mit grösserem Schaden an Häusern zu rechnen.

So weit nach oben geht die Shitstorm-Skale nicht - sie endet bei Stufe 6. Aber diese Eskalations-Stufe genügt, damit es für die Betroffenen richtig ungemütlich wird. Laut Beschreibung kommt es dabei zu einem «ungebremsten Schneeballeffekt mit aufgepeitschtem Publikum». Dabei sei der Ton, den die Kommentarschreiber im Netz anschlagen, mehrheitlich aggressiv und beleidigend, oder gar bedrohend.

Es gibt keine Wunderwaffe

Die Stärke eines Shitstorms lasse sich mit ihrer Skala genauer beschreiben und analysieren, sagen die Erfinder. «Gleichzeitig liefert das grobe Raster ein Verständnis dafür, wie sich ein laues Lüftchen zu einem Orkan entwickeln kann.» Shitstorm-Analysen zu machen, sei keine exakte Wissenschaft, sondern vielmehr mit den Muotathaler Wetterschmöckern vergleichbar. Was zähle, seien persönliche Erfahrung und genaues Hinschauen. So ist auch die Shitstorm-Skala entstanden.

Aber wie überlebt man einen Shitstorm? Einfache Antwort der Social-Media-Profis: Ruhig bleiben und genau beobachten, wie sich die Situation entwickelt. Jeder weitere Schritt will gut überlegt sein. Eine Wunder-Gegenwaffe gebe es nicht.

Politiker und Grosskonzerne sind gleichermassen machtlos, wenn sich die geballte Wut der Internet-Nutzer endtlädt und ein Shitstorm losbricht. Die deutsche Bundeskanzlerin sagte kürzlich, man dürfe sich «nicht wegducken bei Massenbewegungen im Internet».

Die Empörungswellen rollen über Online-Foren, Blogs und soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook heran. Irgendwann ist das Interesse der Journalisten geweckt und die herkömmlichen Medien greifen das Thema auf.

Facebook und Co. als Brandbeschleuniger

Da der Ruf eines Unternehmens oder gar die Existenz auf dem Spiel steht, ist guter Rat teuer. Zahlreiche Social-Media-Agenturen bieten mittlerweile ihre Dienste an. Zu den Anti-Shitstorm-Dienstleistern gehört auch die Zürcher Werbeagentur Feinheit, die die Shitstorm-Skala veröffentlicht hat.

«Shitstorms gehören zum Internet wie der Wind zum Wetter», sagen die Fachleute. Die sozialen Netzwerke funktionierten als eigentliche Brandbeschleuniger. Den Betroffenen bleibt der Trost, dass jedem Sturm früher oder später die Luft ausgeht.

Mit Material der Nachrichtenagentur SDA

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • M. Jemolie am 01.05.2012 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    Don't feed the trolls

    Jaja das Internet, Tummelplatz für die Lünchjustiz... mein Rezept gegen aufkommende "Shitstorms": Tieffliegen, ja nichts persönlich nehmen und keine die Trolle füttern, so flaut das Lüftchen bald ab.

  • Manuel Sch. am 01.05.2012 18:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Shit Shitstorm 

    Um eines mal vorab zu nennen, viele dieser "Stürme" sind gerechtfertigt und absolut nachvollziehbar! Was mir aber immer mehr auffällt, ist diese Heulmentalität vieler Leute. Da wird wegen allem rumgeheult und gleich eine Mega-Protestwelle ausgelöst, die eine unglaubliche Dynamik entwickelt. Wenn du dann Tage, Wochen, Monate später einzelne nach der Ursache fragst, weiss keiner Bescheid. Ich würde den Begriff Shitstorm zu den Lemmingen zu ordnen. Einer heult... Alle Heulen!

  • CEO Storm am 01.05.2012 13:05 Report Diesen Beitrag melden

    Shitstorm Crop ltd

    Man könnte ein Unternehmen gründen welches sich auf das entfachen von Shitstorms konzentriert, wäre sicherlich eine Umsatzstarke Branche :D

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nick Matter am 01.05.2012 21:23 Report Diesen Beitrag melden

    Vollgas

    Je mehr Stürme es gibt, desto mehr verlieren sie ihre Wirkung und es braucht immer mehr Power und Gründe für berechtige Stürme... Daher Vollgas durch, damit bald nur noch echte Stürme "überleben"

  • Manuel Sch. am 01.05.2012 18:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Shit Shitstorm 

    Um eines mal vorab zu nennen, viele dieser "Stürme" sind gerechtfertigt und absolut nachvollziehbar! Was mir aber immer mehr auffällt, ist diese Heulmentalität vieler Leute. Da wird wegen allem rumgeheult und gleich eine Mega-Protestwelle ausgelöst, die eine unglaubliche Dynamik entwickelt. Wenn du dann Tage, Wochen, Monate später einzelne nach der Ursache fragst, weiss keiner Bescheid. Ich würde den Begriff Shitstorm zu den Lemmingen zu ordnen. Einer heult... Alle Heulen!

  • Peschä am 01.05.2012 15:56 Report Diesen Beitrag melden

    "Shitstorm"

    Manchmal ist doch Empörung auch gerechtfertigt und wird mit anständigen, seriösen Argumenten kommuniziert. Wird etwa für solche Fälle auch das negativ bewertende Wort "Shitstorm" benutzt?

    • Johnny am 01.05.2012 18:36 Report Diesen Beitrag melden

      Wer entscheidet?

      Wer entscheidet, ob die Empörung gerechtfertigt ist? Die Empörten selbst finden ihre Empörung ja immer gerechtfertigt, sonst hätten sie sie nicht. Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass bei Shitstorms mit seriösen Argumenten kommuniziert wurde, auch wenn das Grundanliegen dahinter durchaus "gut gemeint" war.

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  • Christian Mäder am 01.05.2012 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Christian Mäder

    Aktive Nutzer sind das wichtigste Qualitätsmerkmal einer Community. Daher ist ein Shitstorm nicht per se schlecht.

  • M. Jemolie am 01.05.2012 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    Don't feed the trolls

    Jaja das Internet, Tummelplatz für die Lünchjustiz... mein Rezept gegen aufkommende "Shitstorms": Tieffliegen, ja nichts persönlich nehmen und keine die Trolle füttern, so flaut das Lüftchen bald ab.