TV-Quoten

21. Oktober 2008 17:24; Akt: 24.10.2008 13:29 Print

Wie viele Leute schauen eigentlich zu?

von Henning Steier - Die Einschaltquoten der Schweizer Sender bilden nicht mehr die Sehgewohnheiten der Zuschauer ab. Denn die zurzeit genutzte Technik ist veraltet. Im Interview mit 20 Minuten Online erklärt ein Experte, weshalb die wahren Quoten erst nächstes Jahr gemessen werden können.

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Die Zeiten, in denen Sender vorgaben, wann man ihr Programm schaut, sind lange vorbei. Denn immer mehr Bürger gucken Serien mittlerweile im Netz oder hören Web-Radio. Das macht die genaue Messung von Einschaltquoten zunehmend schwierig. 20 Minuten Online hat bei Manuel Dähler, Direktor der Mediapulse AG nachgefragt, wie die Quotenmesser darauf reagieren.

Ab Juli 2009 soll in Deutschland das zeitversetzte Fernsehen erfasst werden. Ist das in der Schweiz auch geplant?

Ja, das wird kommen. Bislang messen wir nur die Nutzung von Videorecordern, also klassischen Bandgeräten. Aber nur 10 bis 15 Prozent der aufgenommenen Sendungen werden geguckt.

Wie viel Prozent der Sendungen werden aufgezeichnet?

Ein sehr kleiner Teil. Der Anteil der Videonutzung am TV-Konsum ist weit unter fünf Prozent, und davon sind drei Viertel nicht Eigenaufzeichnungen, sondern Kauf- oder Leihfilme. Wobei man diese Werte nicht auf die heutige Nutzung von Harddisks und DVD übertragen kann.

Heisst das, unter anderem Fernsehen mit dem PC und HD-Recordern wird noch nicht erfasst?

Das ist richtig. Denn bei den analogen Geräten wie Videorecordern kann das Messgerät Informationen mit abspeichern, die man dann beim Schauen auslesen kann. Bei den digitalen Geräten, vor allem wenn es um nicht offene, zum Beispiel vom Anbieter gestellte – wie Cablecom-Boxen – geht, ist das nicht möglich. Da müsste man den Dialog des Nutzers mit dem Gerät über den Bildschirm auslesen.

Wie weit sind Sie damit?

Wir sind dran. Schon heute können wir Live-TV erfassen. Die nächste Stufe, das Erfassen von Aufzeichnen und Abspielen, sollte im Laufe des kommenden Jahres abgeschlossen sein.

In anderen Ländern werden so genannte Mehrtageswertungen eingeführt: Die Nutzung von Sendungen wird zum Beispiel in Deutschland über einen Zeitraum von drei Tagen erfasst.

Für die Schweiz haben wir das noch nicht festgelegt. In Ländern wie Grossbritannien oder Holland werden bis zu sechs Tage erfasst. Das bedeutet: Es gibt am Tag nach der Sendung einen ersten Datensatz und dann am Ende der Frist einen zweiten. Wird zum Beispiel die Tagesschau aufgezeichnet und dann noch bis 0:00 Uhr geguckt, würde sie noch als live gesehen gezählt werden.

Wie werden Sie Sendungen zählen, die auf den Webseiten der Sender geschaut werden?

Es gibt verschiedene Ansätze. Das könnte auch von der Internet-Nutzungsforschung erfasst werden, also von der NET-Metrix AG. Man würde dann diese Zahlen mit unseren zusammenrechnen. 2009 wollen wir damit beginnen.

Was heisst das Ganze für die werbetreibende Industrie?

Einerseits werden künftig so Werbekontakte erfasst, die man heute nicht oder nicht genau kennt: Zum Beispiel entgeht der Radiokontrolluhr heute noch, wenn das Radio online gehört wird. Dabei tun dies unseren Befragungen zufolge heute sechs Prozent der Bürger mindestens einmal pro Woche. Das ist die gute Seite.

Und die schlechte?

Wenn man eine Aufzeichnung hat, kann bei der Werbung vorgespult werden, da gehen Werbekontakte schon mal verloren. Dabei wird die Scharnierwerbung - also ein Werbeblock, der zwischen zwei Sendungen liegt - wohl mehr Verluste erleiden als die Unterbrecherwerbung, die sich mitten im Spielfilm befindet.

Wie wollen Sie das Problem des Nicht-Erfassens von Web-Radio lösen?

Man könnte zum einen über die Internetforschung Streams auswerten. Eine andere Möglichkeit wäre es, die Radiouhr zu verbessern. Sie erfasst ohnehin nur Lautsignale, funktioniert daher auch nicht, wenn man über Kopfhörer arbeitet. Man könnte also Zusatzinformationen in den Audiostream einbetten, die dann von der Uhr ausgelesen werden können.

Das Problem, dass sie nur über Kopfhörer funktioniert, wäre damit noch nicht gelöst.

Richtig. Auch hier gibt es eine Lösung mit einem kleinen Zusatzgerät, aber das haben wir noch nicht getestet.