Visionär und Bombenopfer

06. September 2012 20:54; Akt: 07.09.2012 10:22 Print

Der Mann, der Apple fast besiegt hätte

von Daniel Schurter - Computerpionier, Bombenopfer und um ein Haar steinreich: Der 56-jährige Amerikaner David Gelernter hat Unglaubliches durchgemacht und nun vor Gericht einen weiteren Tiefschlag erlitten.

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Die kleine Firma Mirror Worlds warf Apple vor, drei ihrer Erfindungen gestohlen und in Mac-Computern sowie iPhones, iPods und iPads eingesetzt zu haben. (Bild: Archivbild Keystone)

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Selten hat das Bild vom kleinen David, der gegen einen übermächtigen Goliath kämpft, besser gepasst: David Gelernter, amerikanischer Computer-Guru und findiger Software-Entwickler, sollte von Apple ein Vermögen erhalten.

Der von ihm gegründeten Firma war 2010 nach einem langwierigen Patentstreit ein Schadenersatz von 625,5 Millionen US-Dollar zugesprochen worden. Doch das Blatt hat sich aus Gelernters Sicht brutal gewendet, heute steht er mit leeren Händen da. Ein Berufungsgericht in Washington hat sich – wie schon die Vorinstanz – auf die Seite Apples geschlagen. Anfang dieser Woche ist das Urteil veröffentlicht worden.

Cover Flow, Spotlight und Time Machine

Die kleine Firma Mirror Worlds warf Apple vor, drei ihrer Erfindungen gestohlen und in Mac-Computern sowie iPhones, iPods und iPads eingesetzt zu haben. Es geht um die Darstellungstechnik «Cover Flow», wo man Fotos oder CD-Cover visuell auf dem Bildschirm durchblättern kann, sowie um die Mac-Suche «Spotlight» und um das ebenfalls ins Betriebssystem integrierte Backup-Werkzeug «Time Machine».

Hinter Mirror Worlds steht Gelernter. Der US-Amerikaner mit deutschen Vorfahren war schon früher seiner Zeit voraus. Anfang der 1990er-Jahre veröffentlichte der Computer-Wissenschaftler, Künstler und Autor ein visionäres Buch zur Zukunft der Computertechnik. Darin sagte er das World Wide Web voraus. Doch dann schlug das Schicksal unerbittlich zu: 1993 wurde er Opfer eines technikfeindlichen Psychopathen, des Unabombers.

Der selbst deklarierte Anarchist Theodore Kaczynski terrorisierte mit seinen selbst gebauten Sprengsätzen über Jahrzehnte das Land. Von ihm erhielt Gelernter als damals 38-jähriger Professor an der Elite-Universität Yale eine Briefbombe. Beim Öffnen erlitt er schwere Verletzungen an Bauch, Brust, Gesicht und Händen. Gelernter musste um sein Leben kämpfen. Seit dem blutigen Anschlag ist er auf einem Auge sehbehindert und verdeckt die rechte Hand mit einem Handschuh.

Von Hedgefund gekauft

Die schweren Verletzungen bremsten ihn nicht. Gelernter verfolgte das Konzept des Cloud Computing, wonach die Nutzerdaten nicht lokal auf Computern gespeichert sind, sondern von Servern über das Internet zur Verfügung gestellt werden. Daraus ging die kommerzielle Software Scopeware hervor, die sich aber nicht durchsetzte auf dem Markt. 2004 schloss die Firma Mirror Worlds ihre Türen.

Als Apple ein Jahr später eine neue Version seines Mac-Betriebssystems veröffentlichte, sah sich Gelernter um die Früchte seiner Arbeit betrogen. Er war der Ansicht, dass die angeblich neuen Apple-Technologien Spotlight, Cover Flow und Time Machine auf seinen eigenen Entwicklungen basierten.

Die Firma Mirror Worlds, die mittlerweile einem Hedgefund gehörte, reichte im März 2008 Klage ein. Eine Jury entschied zuerst für das kleine Unternehmen und verdonnerte Apple zur Zahlung einer Wiedergutmachung von 208,5 Millionen Dollar in jedem einzelnen Punkt (20 Minuten Online berichtete). Während des Prozesses wurde auch eine E-Mail des 2011 verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs publik. Das firmeninterne Schreiben aus dem Jahr 2001 enthielt Jobs' Anweisung, die Software von Gelernter genauer anzuschauen und Apple wenn nötig eine Lizenz zu sichern ...

«Ich erkenne meine Ideen»

Doch es kam kein Deal zustande und Mirror Worlds klagte schliesslich wegen Patentverletzungen. Mit dem bekannten Ausgang. Im vergangenen Jahr hob ein texanischer Richter die ursprüngliche Entscheidung der Geschworenen auf. Nun ist auch die Berufung gescheitert.

Gelernter dürfe auch diesen Tiefschlag wegstecken - schon nach dem blutigen Anschlag hatte er sich nicht entmutigen lassen. Im November 2011 sagte er gegenüber der «New York Times», dass er nicht genau wisse, wie viel ihm aus der Apple-Klage zustehen würde. Geld spiele eine Rolle, doch wichtiger sei ihm die Anerkennung seiner Arbeit. «Ich erkenne meine Ideen - unsere Ideen -, wenn ich sie am Bildschirm sehe.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sean am 06.09.2012 23:04 Report Diesen Beitrag melden

    oh je

    leute leute leute .... glaubt ihr gleich alles was die Medien berichten? Wenn morgen in der Zeitung steht die Welt wurde nicht von Gott sondern von den Men in Blacks geschöpft glaubt ihr das dan auch? Erkundigt euch zuerst über Fakten und postet DANN gegen Apple!

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  • Pierre Lang am 06.09.2012 21:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Welt ist schlecht

    Apple kann schalten und walten und kriegt dank höriger Richter immer Recht. Sie können alles zusammenkopieren und werden nie bestraft. Wer das noch unterstützt, den begreife ich nicht.

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  • Frank Müller am 07.09.2012 10:39 Report Diesen Beitrag melden

    Apple bashing

    Was ist denn hier bei 20min. los? Hier werden Fakten verdreht, dazu noch eine Story geschrieben, dass man fast losheulen muss und andere Leute, welche nur diesen Artikel lesen eine schlechte Meinung von Apple bekommen. Sehr seltsam. Leute, lest den Artikel einfach nicht durch, der gute Herr Gelernter hat zu recht verloren, da andere Firmen Patente auf "seine" Erfindungen haben. Leider kann man Apple nicht verklagen dass sie Lizenzgebühren für die Benutzung gewisser features bezahlen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • theodor am 08.09.2012 12:09 Report Diesen Beitrag melden

    Hymne

    Die Appel Hymne wurde ja von den Prinzen bereits 1993 veröffentlicht. "Alles nur geklaut" und ist bis heute topaktuell .

  • heinz am 08.09.2012 12:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Apple ist wie bose

    früher tolle Produkte, heute überteuerter lifestyle. ein bosecube sieht schick aus aber ist billiger krach buum mist im Innern.weit entfernt von realer musik oder filmtonwiedergabe, aber ein gutes marketing hintendran.

  • Rolf am 08.09.2012 12:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schmarotzer

    Schon nur der Satz !ich erkenne meine Idee) sagt doch schon alles. Nur wieder einer der Absahnen will.

  • Tomtom am 08.09.2012 11:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Komischerweise...

    Reden plötzlich alle nur noch von Apple... Leute,sorry, aber JEDE Firma geht mit Patenten so um heute, sonst könnte sie zusammenpacken. Das ist bei Samsung, Microsoft,... you name it, nicht anders! Bei jeder sehr grossen Firma tauchen immer wieder plötzlich Leute aus der Versenkung auf, die Schaden wollen, weils halt was zu holen gibt! Ihm ginge es nicht ums Geld??? Muahahahaaaa!!! Wers glaubt wird selig!!

  • Paul Schmied am 07.09.2012 10:39 Report Diesen Beitrag melden

    Forumshopping

    Schon komisch. Apple in einem Prozess in den USA, das Gericht in der letzten Instanz entscheidet für Apple. Apple in einem Prozess ausserhalb der USA, Apple verliert... Ich denke, es wird Zeit einen internationalen, unabhängigen Patentgerichtshof einzuführen, wo solche Streitigkeiten unabhängig von den wirtschaftlichen Interessen eines Landes erledigt werden.