Pionierinnen

22. Mai 2018 10:51; Akt: 22.05.2018 14:34 Print

Frauen sind die wahren Heldinnen der IT-Branche

von Valérie Hug - Die Tech-Industrie ist eine Männerdomäne und war es schon immer. So die allgemeine Auffassung. Ein genauer Blick aber zeigt: Das stimmt so nicht.

Bildstrecke im Grossformat »
Meistens wird die Tatsache nicht berücksichtigt, dass die wichtigen Technik-Durchbrüche des 19. und 20. Jahrhunderts vor allem auf das Tun und Schaffen von Frauen zurückgeht. Begonnen hat alles mit (1815-1852), einer englischen Mathematikerin. Sie wird als erste Programmiererin der Welt bezeichnet und hat Mitte des 19. Jahrhunderts quasi das erste Computerprogramm geschrieben. Es konnte die äusserst komplexe Bernoulli-Zahlenreihe berechnen. Während des zweiten Weltkriegs waren zahlreiche Frauen an den verschiedensten technischen Ereignissen beteiligt. So zum Beispiel (1914-2000). Als Gegnerin des Nationalsozialismus entwickelte sie 1942 eine Funkfernsteuerung für Torpedos. Durch selbstständig wechselnde Frequenzen waren die Torpedos schwer zu orten und weitgehend störungssicher. Lamarrs Frequenzwechsel gilt als Vorreiter von Bluetooth und GSM. Die britischen Kryptoanalytikerinnen (1917-1996) haben die deutsche Rotorschlüsselmaschine Enigma geknackt. Die US-Informatikerin war während des zweiten Weltkriegs tätig. In einem Geheimlabor arbeitete sie am «Harvard Mark I», dem ersten programmierbaren Computer. Ende der 1940er-Jahre kam Hopper auf die Idee, Computerprogramme in einer verständlichen Sprache zu verfassen statt nur mit Einsen und Nullen. 1957 entwickelte sie FLOW-MATIC, ein Vorreiter der Programmiersprache COBOL. Ein weiteres Beispiel sind die fünf US-Programmiererinnen (1924-2011). Sie programmierten 1946 ENIAC, den Nachfolger des «Harvard Mark I» und der weltweit erste vollelektronische, programmierbare Computer. (Bild: rechts Marlyn Wescoff, links Ruth Teitelbaum) Und auch für das Gelingen zweier Raumfahrt-Projekte der Nasa waren Frauen verantwortlich. Es waren die drei Afroamerikanerinnen (1921-2005, Ingenieurin).Sie berechneten die Flugbahnen für das Mercury-Programm 1962 und die erste bemannte Mondlandung im Rahmen der Apollo-11-Mission 1969. Katherine Johnson (im Bild, 1966) wurde 2015 mit der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet. Für die On-Board-Flugsoftware der Nasa war dagegen die US-amerikanische Informatikerin und Mathematikerin (*1936) verantwortlich. Diese Software ist notwendig, um zum Mond hin und wieder zurück zu navigieren sowie auf dem Mond zu landen. 1969 verhinderte Hamiltons Team am MIT den Abbruch der Apollo-11-Mondlandung. Der Begriff «Programmierer» hatte zumindest bei Männern eine negative Konnotation als Frauenarbeit – ähnlich wie bei einer Telefonzentrale oder in einer Schreibstube. Im April 1967 erscheint der Artikel «The Computer Girls» in der «Cosmopolitan». Es zeigt eine Zeit, in der die Karrieremöglichkeiten für Frauen als Programmiererinnen weit verbreitet und die «Computer Girls» die dominierende Kraft in der Branche waren. Die Bilder im Artikel zeigen die IBM-Programmiererin . In der Folge stieg die Nachfrage und mit ihr auch das Gehalt. Es mussten immer mehr Stellen besetzt werden. Der gut bezahlte Job zog immer mehr Männer an. Mit der wachsenden Computer-Industrie und ihrem Eingang in den Mainstream (1984: Macintosh wurde erfunden) ging die Zahl der Frauen im Feld schnell zurück. 1968 wurde der erste PhD-Titel an eine Frau in den USA vergeben: An ). Letzteres ist eine Sammlung von Richtlinien zum Erstellen von Vererbungshierarchien. Den Beginn dieses Wandels und des zunehmenden Ausschlusses von Frauen aus dem Silicon Valley markiert ein Foto. Darauf: Lenna Sjööblom, auch bekannt als Lena Söderberg. Erstmals erschien es in der 1972-November-Ausgabe des «Playboy»-Magazins. Das Foto wurde 1973 an der University of Southern California dazu verwendet, um Algorithmen zu testen, die grosse Bilddateien von einem zum nächsten Gerät transportieren sollten. Sie waren die Vorreiter des heute weit verbreiteten Bildformats JPEG. Besonders geeignet sei Lena, weil das Bild sehr detailliert ist und verschiedene Strukturen aufweist. Daraus entstand der gängige Spruch: «If you want your algorithm perform well, it better performs well on Lena.» Das gefiel der Mathematik-Professorin ganz und gar nicht, als sie herausfand, dass Lena nicht nur ein hübsches Porträtbild, sondern ein Ganzkörper-Nacktbild ist. 2013 nutzte sie für einen Test statt des Fotos von Lena eines des männlichen italienischen Models Fabio Lanzoni und wollte es etablieren. Während dieses Wandels gab es aber weiterhin Frauen, die Herausragendes für die Technik leisteten. Die Sprachphilosophin ( 1935*-2007) entwickelte 1972 eine Formel, mit welcher der Wert eines Wortes berechnet werden konnte. Allerdings stiess die Formel erst 20 Jahre später auf Interesse. Heute wird die Formel in jeder Internet-Suchmaschine verwendet. (*1932), eine amerikanische Informatikerin und Pionierin der Compiler-Technik. Ein Compiler ist ein Computerprogramm, das von einer Programmiersprache in eine andere übersetzen kann. Sie war verantwortlich für die Entwicklung der Kryptoanalyse-Hochsprache Alpha für die NSA. Anfang der 1980er-Jahre war sie Teil einer Gruppe, die grundlegende Algorithmen und Techniken der Programmoptimierungen hervorbrachten, die in heutigen Compilern allgegenwärtig sind. 2006 erhielt sie als erste Frau den Turing Award. Die US-amerikanische Software-Entwicklerin und Netzwerktechnikerin (*1952) bekam in den 1980er-Jahren den Auftrag, eine Lösung zu finden, um mehrere isolierte Netzwerke miteinander zu koppeln. In weniger als einer Woche schrieb Perlamn den Spanning-Tree-Algorithmus. Dieser regelt den Datenverkehr über mehrere Netzwerke hinweg. Deshalb wird sie oft auch als «Mutter des Internets» bezeichnet. Durch die vielen Männer im Beruf formierte sich das Klischee des «Typical Nerd»: Ein junger Mittelklasse-Dude, weiss, trägt Kapuzenpulli und Trainerhosen, hat wenig Freunde, ist menschen- und aktivitätsscheu, interessiert sich mehr für Dinge als für Menschen. Die US-Journalistin Emily Changs berichtet in ihrem Buch «Brotopia – Breaking up the Boys Club of Silicon Valley» von der Rolle der Frau in der Tech-Industrie und dem Silicon Valley. Das Fazit: Es sieht alles andere als rosig aus. Erstmals erschienen ist es am 6. Februar 2018 im Penguin-Verlag. Bereits ein Jahr davor lief die Filmbiografie «Hidden Figures» von Regisseur Theodore Melfi im Kino. Er erzählt die Geschichte der drei afroamerikanischen Nasa-Frauen Katherine Johnson, Dorothy Vaughn und Mary Jackson. (Bild: Film-Still aus «Hidden Figures»)

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Brotopia – Breaking up the Boys' Club of Silicon Valley» heisst das kürzlich veröffentlichte erste Buch von Emily Chang. Darin spricht die US-Journalistin offen über Sexismus im Silicon Valley, deckt Missstände auf und zeigt, wie schwer es Programmiererinnen in der Tech-Industrie haben. Dabei waren es die Frauen, die diesen Bereich zuerst revolutioniert haben.

Umfrage
Wie sieht für dich der typische Programmierer aus?

Ein Blick in der Zeit zurück (siehe Bildstrecke) macht klar: die IT-Branche war einmal Pioniergebiet der Frauen. Mit der Zeit verschwanden aber die weiblichen Heldinnen immer mehr von der Bildfläche. Was ist passiert? Laut Emily Chang war der Ausschluss von Frauen aus der Technik keinesfalls unumgänglich: «Die Industrie sabotierte sich selbst und ihre eigene Pipeline weiblicher Talente. Das beeinflusste nicht nur die Art und Weise, wen Unternehmen einstellten, sondern auch, wer überhaupt Programmierer werden durfte.»

Mehr Innovation und Familienfreundlichkeit

Die Resultate sind mehr als deutlich. Heute ist nur noch ein winziger Bruchteil aller Beschäftigten in der IT-Branche weiblich.
Dabei wären gerade weibliche Vorbilder für junge Frauen enorm wichtig: «Denn so rückt ein Beruf als Möglichkeit für die eigene Berufswahl überhaupt erst in das Bewusstsein», erklärt Deborah Oliveira, Hilfsassistentin am Zentrum Gender Studies der Universität Basel.

Auch würden Berufe und Branchen mit einem überwiegenden Männeranteil auf viele Frauen abschreckend wirken. Wie kann dem entgegengewirkt werden? «Die MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) müssen innovativer werden und sich auf die Bedürfnisse der weiblichen Arbeitnehmerinnen und ganz allgemein der Generation Y einstellen und ihre Unternehmenskultur familienfreundlicher gestalten», erklärt Oliveira.

Von Unverständnis und Vorurteilen

Trotzdem gibt es sehr wohl Frauen, die sich für einen Beruf in der IT-Branche entscheiden. So zum Beispiel Franziska Ullrich. Sie hat Maschinenbau studiert und 2016 ihren Doktor in Medizinrobotik an der ETH abgeschlossen. «Es bereitet mir viel Freude, Technologien zu entwerfen, die einen Beitrag zur Modernisierung des Gesundheitssystems leisten und so potenziell vielen Menschen helfen können», sagt Ullrich. Zurzeit ist sie CEO bei Ophthorobotics, einem Start-up, das medizinische Injektionen ins Auge sicherer und effizienter gestalten will.

Vergangenes Jahr schaffte sie es sogar auf die «Forbes 30 under 30 Europe», einer Liste über die erfolgreichsten Personen aus Wirtschaft und Industrie. Trotzdem werde sie immer noch darauf hingewiesen, dass es ungewöhnlich sei, als Frau einen solchen Weg zu gehen. «Anders zu sein war für mich aber nie ein Grund, einer Leidenschaft nicht nachzugehen.» Deshalb versucht Ullrich auch, insbesondere junge Frauen zu motivieren, einen technischen Beruf zu ergreifen.

«Jeder soll seinen Traumberuf ergreifen können»

Auch auf Philomena Schwabs Berufswahl wurde komisch reagiert: «In der Schule wollte niemand so recht verstehen, was es damit auf sich hat», erzählt die erfolgreiche Game-Entwicklerin. Benachteiligt oder diskriminiert habe sie sich aber nie gefühlt, da es sehr viele Angebote gibt, die speziell Entwicklerinnen fördern. Trotzdem wünscht sich auch Schwab mehr Frauen im IT-Bereich. «Ich habe immer noch das Gefühl, dass sich Frauen manchmal nicht trauen, in diese Branche einzusteigen. Ich möchte, dass jede Person unabhängig von ihrem Geschlecht ihren Traumberuf ergreifen kann.»

Zwei Frauen, die sich in der Welt der Technik behauptet haben. Schaut man sich die Statistik an, wird klar: Ullrich und Schwab zählen zu den Ausnahmen.

Typisch Frau, typisch Mann

Liegt der Frauenanteil an universitären Hochschulen bei den technischen Wissenschaften noch bei knapp einem Drittel, so beläuft er sich bei Fachhochschulen im Bereich Technik und IT gerade mal auf 10 Prozent. Noch niedriger sind die Zahlen in der beruflichen Grundbildung: Lediglich 6,4 beziehungsweise 6,3 Prozent aller Schüler, die sich für eine Ausbildung in Ingenieurwesen/Technik oder in der Informatik entscheiden, sind weiblich.

Das Bundesamt für Statistik (BFS) spricht von einer markanten geschlechtsspezifischen Berufs- und Studienwahl. Von einer Gleichstellung kann also noch nicht die Rede sein. Positiv zu erwähnen ist an dieser Stelle, das laut BFS junge Frauen mittlerweile häufiger als in der Vergangenheit «männertypische» Bildungsfelder und Studiengänge wählen würden. Männer dagegen entscheiden sich nicht häufiger für «frauentypische» Berufe.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ed Indi am 22.05.2018 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hmm

    etwas männerfeidlicher Titel nicht?

    einklappen einklappen
  • Christian Rohrer am 22.05.2018 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    Ständig diese Geschlechter vergleiche

    Hört das eigentlich gar nicht mehr auf oder was? Was soll das eigentlich? Bei allem wird immer mehr quasi ein Geschlechterkampf angezettelt. Die Aussagen des Artikels stimme so auch nicht. Ich bin selber informatiker und ja diese Frauen haben viel geleistet und verdient grosse anerkennung aber es waren auch sehr viele Männer wo einiges entwickelt haben. WWW war ein man und nicht wie im Artikel beschrieben eine Frau aber das ist doch egal. Es waren IT-Experten und es ist völlig wurst ob Frau oder Mann. Es gibt auch viele Bereiche wo der Mann diskriminiert wird. ist fakt

    einklappen einklappen
  • t.t. am 22.05.2018 13:00 Report Diesen Beitrag melden

    Flascher Ansatz

    Ich arbeite in der IT und meiner Meinung nach sehe ich keinen Grund wieso man dieses Gebiet "attraktiver für Frauen" gestalten soll. Wenn sich eine Dame für dieses Gebiet interessiert, stehen ihnen genau die gleichen Möglichkeiten offen wie jedem anderen Mann auch, jedenfalls in meiner Firma. Falsch ist es, eine Person anderen Bewerbern vorzuziehen nur weil sie eine Frau ist, was bei uns schon häufiger der Fall war, da man damit die Diversität fördern wollte. Getaugt haben sie leider nicht viel...

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • René Stamer am 23.05.2018 13:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Etwas sehr reisserisch

    Wieso ist es eine ungleichstellung wenn sich die meisten Frauen nicht für diesen Berufszweig entscheiden? Also nach meiner Auffassung bedeutet eine ungleichstellung das Frauen einfach nicht die Möglichkeit haben, oder dabei besonders benachteiligt werden diesen Beruf zu wählen. Aber eine der beiden genannten Entwicklerinnen betont ja sogar dass es sehr viele Angebote speziell für Frauen gibt. Und dann ist es einfach mal Fakt, dass viele Frauen sich einfach nicht so für Technik interessieren wie Männer. Schaut doch mal in euerem Umfeld, welche Frauen sich für IT und Technik interessieren...

    • clayman am 23.05.2018 21:11 Report Diesen Beitrag melden

      Erziehung

      Weil die Eltern Stereotypen haben. Die Mädchen werden automatisch mit Barbies und rosa Kleider erzogen, wärend die Buben in den Fussballclub geschickt werden und ihnen Spielzeugautos schenkt... Kleine Knaben werden schon schräg angeschaut, wenn sie ein Bäbi haben...

    einklappen einklappen
  • kira am 23.05.2018 07:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frau in der IT

    Ich bin eine Frau in der IT. Ich arbeite seit fast zehn Jahren in diesem Bereich und ich kann mir nichts besseres als dieses innovative und spannende Umfeld vorstellen. Leider sehe ich immer wieder, wie Mädchen und junge Frauen eingestellt werden, damit die Firmen ihre vorzeige Frau haben, obwohl diese nicht immer talentiert für den Bereich wären. Ich fände es besser, wenn bereits in der Schule viel mehr Werbung für technische Berufe gemacht würde. Die Informatik Lehre ist wohl eine der anspruchsvollsten Lehren in der Schweiz. Ich würde sie jedem/r Schüler/in empfehlen, die Interesse an Technologie haben. Ob eine Person geeignet ist für den Beruf ist jedoch komplett vom Geschlecht entkoppelt. Denn am Ende zählt das Talent und die Leistung. Hört auf Frauen zu pushen, nur damit ihr Frauen habt, mich nervt das ungemein. Ich will für meine Ergebnisse und Resultate beachtet werden, nicht für mein Geschlecht.

  • Typhoeus am 23.05.2018 06:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo sind die CEOinnen,

    meist nur in Filmen?

  • Komposchti am 22.05.2018 20:16 Report Diesen Beitrag melden

    Systemtechnik

    Nun, ich habe mich schon manchmal gefragt, weshalb mir in der Systemtechnik in bald 3 Jahrzehnten nur so wenige Kolleginnen begegnet sind? Liegts an der Verantwortung? Am hohen Leistungsdruck? Belastbarkeit? An den langen Arbeitszeiten? Am Pikettdienst? An der ständigen Weiterbildungen und Rezertifizierungen?

  • orange am 22.05.2018 17:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Männliche Heldin

    Naja, ich habe noch sehr wenige männliche Heldinnen gesehen, also wird es wohl stimmen...

    • Eine Frau am 23.05.2018 10:36 Report Diesen Beitrag melden

      Die Heldinnen des Alltags

      Sind Frauen, die bei der Müllabfuhr oder auf dem Bau arbeiten.

    einklappen einklappen