«Elektronisches Heroin»

20. August 2014 16:43; Akt: 20.08.2014 16:43 Print

Mit militärischem Drill gegen Internetsucht

Chinesische Jugendliche werden von ihren Eltern in Boot Camps geschickt, wo sie mittels harter Methoden von ihrer Game- und Internetsucht kuriert werden sollen.

Ein Bericht der New York Times Online zeigt die harten Bedingungen in den Boot Camps für Internetsüchtige. Quelle: Youtube.com
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Wenn sich Jugendliche exzessiv mit Internet und Gamen beschäftigen und an fast nichts mehr anderes denken können, machen sich Eltern schon mal Sorgen über eine eventuelle Sucht. Wenn gutes Zureden nicht mehr hilft, besteht in China die Möglichkeit, die Web-Junkies in eine Entziehungskur zu schicken. Für die Web-Austreibung bezahlen die Eltern rund 1000 US-Dollar.

Diese Boot Camps für Internetsüchtige sind allerdings kein Ferienlager, wie dies so manche Jugendliche vermutet haben, ehe sie dort eingetroffen sind. In einem CNN-Bericht erzählt ein junger Chinese, dass er glaubte, er werde von seinen Eltern in ein Freizeit-Sommercamp geschickt. Tatsächlich aber landete er mit vielen Leidensgenossen in einer Art Militärkaserne.

Drill, Sport und Ungewissheit

Wie Soldaten in der Ausbildung rennen die Jugendlichen in Kolonnen und im Gleichschritt im Kasernenhof, machen Liegestützen und müssen zwischendurch in die Gesprächstherapie. Nachts schlafen sie in Massenschlägen und werden eingesperrt. Ein solcher Lageraufenthalt kann drei oder vier Monate dauern. Doch viele der Insassen wissen gar nicht, wie lange sie noch ohne jeglichen Kontakt zur Aussenwelt in der Entziehungsanstalt verweilen müssen.

Gamen in Windeln

Weil sich die Jugendlichen nicht einmal für den Gang auf die Toilette von den Games lösen könnten, trügen sie in den Internetcafés Windeln, sagt der chinesische Suchtexperte Tao Ran in einem Bericht auf NYT.com. Der chinesische Wissenschaftler bezeichnet Internet und Gamen denn auch als «elektronisches Heroin». Gemäss seiner Definition gilt als internetsüchtig, wer täglich mehr als sechs Stunden im Netz verbringt – und sich dabei mit anderem als der Arbeit oder dem Studium beschäftigt.

China kategorisierte die Internetsucht bereits 2008 als Krankheit. Als Grund dafür wird unter anderem der Leistungsdruck in China angegeben. Um mehr über die Internetsucht herauszufinden, scannen die Wissenschaftler im Camp die Hirnströme der «Erkrankten» und befragen sie zu ihrem Verhalten.

Das Lagerleben der Internetsüchtigen ist bereits verfilmt worden. Der israelische Film «Web Junkie» zeigt Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren, die in solchen Institutionen leben. Drei Jugendliche werden von ihrer Ankunft in einem solchen Lager über die Behandlung bis hin zu ihrer Heimkehr nach drei Monaten begleitet.


Trailer des Films «Web Junkie». Quelle: Youtube.com

(ray)