«Amber Alert»

16. April 2013 10:34; Akt: 07.05.2013 15:12 Print

Schweiz schwänzt neues System bei Entführungen

von Daniel Schurter - Eine neue, europaweite Plattform soll die Suche nach verschleppten Minderjährigen verbessern. Ob die Schweiz bei dem Alarmsystem mitmacht, ist alles andere als sicher.

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Ziel von AMBER Alert Europe ist es, die Kinder in den ersten Stunden nach ihrer Entführung oder nachdem sie zum Opfer von Menschenhändlern wurden, zu retten. Die Initianten wollen mit Unterstützung der EU ein grenzübergreifendes Alarmsystem schaffen. Die Schweiz verfügt bereits ein nationales Alarmsystem. Entführte Kinder können via Radio, Fernsehen, Online-Medien, SMS, Autobahn-Anzeigetafeln sowie Durchsagen an Bahnhöfen und Flughäfen gesucht werden. Bis heute wurde das System nicht eingesetzt. Den Anstoss für die Forderung nach einem nationalen Alarmystem gab die Entführung und Ermordung der fünfjährigen Ylenia im Sommer 2007. Erst nach massivem politischem Druck, unter anderem durch den damaligen Nationalrat Didier Burkhalter, wurde das System auf den 1. Januar 2010 eingeführt. Die Kompetenz, einen Entführungsalarm auszulösen, liegt bei der zuständigen Kantonspolizei. Es müsssen genügend gesicherte Informationen vorliegen, um Opfer und Täter lokalisieren zu können. Die Schweizer Bevölkerung kann sich via SMS über Entführungsfälle informieren lassen. Dazu gilt es sich auf www.entfuehrungsalarm.ch mit Handynummer und Postleitzahl anzumelden. Vorbild für das europäische AMBER-Alert-System sind die USA. Dort sind dank der rasch verbreiteten staatlichen Suchmeldungen bereits über 600 Kinder gerettet worden. Der Name Amber geht auf ein neunjähriges Mädchen zurück, das 1996 entführt und ermordet wurde. Wie beim Schweizer Alarmsystem werden auch in den USA Hinweise auf Autobahntafeln geschaltet. Dank AMBER-Alert-System werden auch immer wieder Verbrecher gefasst. US-amerikanische Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass in 76 Prozent der Mordfälle nach Kindesentführungen das Opfer innerhalb von drei Stunden nach der Entführung tot war.

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Tun wir genug, um die verletzlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft zu schützen? «Wenn ein Kind entführt wird, dürfen wir keine Sekunde verlieren», sagt der Holländer Frank Hoen. Mit jeder Stunde sinke die Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang. Hoen ist Gründer von Amber Alert Europe, der ersten europaweiten Plattform zur Rettung verschleppter Kinder und Jugendlichen. Das EU-Pilotprojekt sieht vor, alle Menschen in einer bestimmten Region in Alarmbereitschaft versetzen zu können – über die Landes- und Sprachgrenzen hinweg.

Dafür ist kürzlich www.amberalert.eu aufgeschaltet worden. Über die Website werden Suchmeldungen innert Minuten verbreitet – in Massenmedien, Internet und in der realen Welt. «Wenn das nächste Mal ein Kind verschwindet, sollten alle sofort ein Bild des Kindes sehen: Bürger, Medien, Polizeikräfte und Grenzbeamte», so Hoen Wird ein Kind in Grenznähe entführt, sollte umgehend auch auf der anderen Seite der Grenze Alarm geschlagen werden.

Und die Schweiz?

Die europäische Initiative will alle bestehenden nationalen Kinderrettungssysteme miteinander verknüpfen. Die Schweiz verfügt seit 2010 über ein eigenes Alarmsystem, die Federführung liegt bei den Kantonen. Wird ein Kind entführt, kann die Polizei alarmieren. Die Meldung wird sofort via Radio, Fernsehen und Online-Medien (auch via 20min.ch) verbreitet. Daneben gibt es Hinweise auf Autobahn-Anzeigetafeln und Durchsagen an Bahnhöfen und Flughäfen. Ausserdem sollen die Bürger via Gratis-SMS zur Wachsamkeit aufgerufen werden (siehe Box).

Mitten in Europa gelegen, wäre die Schweiz ein idealer Partner für Amber Alert. Doch der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Entführungsalarm, Philipp Maier, winkt ab. Der Schaffhauser Kriminalpolizeichef sieht «im Moment keinen Bedarf nach einer Ausweitung, da von Anfang an nur die Einrichtung eines landesweiten Entführungsalarmsystems geplant war». Es sei im gegenteiligen Fall auch nicht vorgesehen, ausländische Entführungsfälle auf dem Weg des Schweizer Entführungsalarms zu publizieren.

Fragwürdiger Alleingang

Dafür hat CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer kein Verständnis. «Die internationale Zusammenarbeit muss gefördert und forciert werden», sagt die Zürcher Familienpolitikerin. Sie hatte sich schon für die Einführung des landesweiten Alarmsystems eingesetzt.

Dieses System wurde erst auf massiven politischem Druck hin eingeführt. Obwohl nach der Ermordung von Ylenia 2007 breiter Konsens herrschte, dass etwas getan werden muss. Die Tötung des Aupair-Mädchens Lucie Trezzini 2009 nahm Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf zum Anlass, um auf die kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren einzuwirken. Das Alarmsystem startete am 1. Januar 2010.

Noch nie ausgelöst

Bis heute ist der Schweizer Entführungsalarm noch nie ausgelöst worden. Das ist auch auf die strengen Kriterien zurückzuführen. Nur wenn konkrete Hinweise auf eine Entführung einer minderjährigen Person vorliegen, kommt ein öffentlicher Aufruf infrage. Nur wenn angenommen werden muss, dass die entführte Person an Leib und Leben bedroht ist, wird alarmiert. Es soll nicht für die Suche von ausgebüxten Jugendlichen benützt werden.

Suchmeldungen können auch aus dem Ruder laufen, wenn die Bevölkerung nach einem entführten Kind Ausschau hält. Sollte der Täter den Alarm mitbekommen, muss mit einer Kurzschlussreaktion gerechnet werden. Die Polizei kann aus taktischen Gründen auf einen Alarm verzichten. Dies war zuletzt in Murten der Fall: Anfang Jahr wurde ein zweijähriges Mädchen von seinem Vater nach Deutschland verschleppt. Dank eines internationalen Haftbefehls konnte der Mann verhaftet werden. Das kleine Mädchen war wohlauf.

Bewährte Technologie

Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Entführungsalarm weist auf bestehende Kontakte zu ausländischen Polizeibehörden hin. Bei Alarm würden auch solche Verbindungen genutzt. Auch ohne Entführungsalarm stehe es der fallführenden Polizei frei, weitere Massnahmen einzuleiten, so Maier. Die Polizei kann auf eigene Faust einen Aufruf in den Massenmedien lancieren.

Amber Alert basiert auf einer Technologie, die seit 2008 in den Niederlanden eingesetzt wird. Dort werden die Suchmeldungen 1,2 Millionen Abonnenten zugestellt. Das System gilt als erfolgreichste Bürgerinitiative des 17-Millionen-Einwohner-Landes. Neben iPhone-App und SMS-Versand werden die Meldungen automatisch über Twitter und Facebook veröffentlicht. Pro Jahr erlässt die holländische Polizei im Schnitt vier Suchmeldungen, die Erfolgsquote liegt bei 64 Prozent.

Tag der vermissten Kinder

Am 25. Mai wird rund um den Globus der Tag der vermissten Kinder begangen und auch in der Schweiz die Menschen bewegen. Spätestens dann stellt sich erneut die Frage, ob wir wirklich gerüstet sind für das Schlimmste.

Die Stiftung Sarah Oberson spricht sich schon heute für die Erweiterung des nationalen Alarmsystems und die Kooperation mit AMBER Alert Europe aus. Die gemeinnützige Organisation wurde im Wallis gegründet, um betroffenen Familien beizustehen und die öffentliche Diskussion zu beleben. Die fünfjährige Sarah verschwand am 28. September 1985 spurlos. Die Stiftung bewahrt ihr Andenken und unterstützt alle Versuche, die Spur wieder aufzunehmen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chris von Swiss am 16.04.2013 15:15 Report Diesen Beitrag melden

    Pro AMBER

    Die Schweiz verfügt über ein nationales System, aber es wurde noch nie benutzt? Ausserdem nützt ein nationales System heute nichts mehr mit all den offenen Grenzen in Europa ... da muss die Schweiz bei AMBER mitmachen, zwingend! Ansonsten ist es ein reiner Witz.

  • allan am 16.04.2013 19:03 Report Diesen Beitrag melden

    unsinn

    amber alert basiert doch nicht auf dem niederländischen vorbild. das vorbild dafür sind die USA, als der entführungsfall der kleinen amber für hohes aufsehen sorgte.

  • Max Frisch am 16.04.2013 14:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schande!

    Eine Schande! Es würde mich interessieren ob dieser herzlose Mensch auch noch solchen Blödsinn verzapfen würde, eenn seine Kinder verschwinden... Das es überhaupt so lange ging bis wir ein nationales System hatten ist schon peinlich...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Andreas Jordi am 17.04.2013 15:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Besten der Besten

    Die Schweiz kann ja dann mit Nord-Korea und dem Vatikan ein Suchsystem bilden. Da wir ja in der Schweiz die Besten der Besten haben, würden wir ja das noch besser hinkriegen.

  • Dehz am 17.04.2013 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    Nur in der Schweiz

    Wir machen eben nur da mit wo Geld beim Bürger geholt werden kann. Geht es aber um Menschenleben ist uns das so ziemlich egal. Traurig, eigentlich.

  • Bs am 16.04.2013 23:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mitmachen bitte

    Kaum dass diese im die Schweiz flüchten. Also muss die Schweiz dringend mitmachen. Auch da ist der Alleingang fehl am Platz. Der Kriminalität darf kein Platz gelassen werden.

  • Europol am 16.04.2013 23:46 Report Diesen Beitrag melden

    Kriminalitätsbekämpfung nur gemeinsam

    Internationale Banden agieren bestens organisiert über Landesgrenzen hinweg. Nur gemeinsam mit der EU können wir uns wehren. er daran auch nur den geringsten Zweifel haben sollte, kann sich gerne Geschichte von Bonnie & Clyde googlen. 14 Polizisten und unschuldige Menschen starben durch Bonnie & Clyde, weil in den USA die einzelnen Bundestaaten nicht zusammenarbeiten wollten oder konnten. Erst Federal Marschals konnten das Morden beenden.

  • Jean DuPeux am 16.04.2013 20:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    AMBER-Alert seit 1096 in den USA

    AMBER bedeutet: A=American M=Missing B=Broadcasting E=Emergency R=Response Wieso nicht ein Europäisches Akronym?

    • Hanfred am 17.04.2013 09:01 Report Diesen Beitrag melden

      Sie sagen es...

      Weil es um "Aktionismus" (ist Wahljahr) geht und nicht um Schutzbedürftige! Ausserdem hinterfragt eh keiner die Bedeutung oder Ausgestaltung, wenn es um dem "Schutz" von Kindern geht. Da wird einfach mal gehandelt und jeder, der kritische Anmerkungen macht als potentieller Krimineller, Verschwörungstheoretiker oder Unmensch bezeichnet. Die Kommentare zeigen es ja, es wird von Grenzüberschreitender Kriminaltiät fabuliert, Bonny&Clyde als Vergleich hinzugezogen (war wohl jemand im Kino...) und und und...Blinder Aktionismus auf Kosten potentieller Opfer halt, denn wir sind ja die Guten...

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