Island skurril

23. April 2013 10:50; Akt: 07.05.2013 15:11 Print

Vor dem Sex unbedingt diese App starten

von Jenna Gottlieb und Jill Lawless, AP - Nur 320'000 Isländer leben auf der Atlantikinsel und fast alle stammen von einer Handvoll Wikinger ab. Nun sollen Liebeshungrige auf Knopfdruck vor Inzest-Beziehungen gewarnt werden.

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«Lasst eure Smartphones aufeinandertreffen, bevor ihr im Bett aufeinander trefft»: So lautet der griffige Slogan zur isländischen Smartphone-App. (Bild: EPA/Diego Azubel)

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Es funkt, knistert und kribbelt - hier in den Kneipen in Island ist es nicht anders als überall sonst auf der Welt, nur sind es hier vielleicht eher Vulkane als Schmetterlinge im Bauch. Wie gehts, wie heisst du, kommst du öfter hierher, sind wir vielleicht verwandt?

Verwandt? Die Frage ist nicht unrealistisch im Inselstaat mit nur 320'000 Einwohnern. Über mehrere Ecken ist hier fast jeder mit jedem verwandt, und die Gefahr, ohne inzestuöse Hintergedanken Cousin oder Base zu küssen oder noch weiter zu gehen droht in Island durchaus bei jedem Flirt.

Willkommene Lösung

Kein Wunder also, dass im äussersten Nordwesten Europas eine App für Smartphones entwickelt wurde, die vor Verwandten warnt. Die bei Google Play verfügbare App heisst so viel wie «Aufeinandertreffen», und der griffige Slogan wirbt: «Lasst eure Smartphones aufeinandertreffen, bevor ihr im Bett aufeinander trefft». Viele Isländer halten das für eine sehr willkommene technische Lösung eines oft sehr peinlichen Problems.

«Fast jeder hier kennt die Geschichte: Du gehst auf ein Familientreffen und triffst dort ein Mädchen, mit dem du mal kurz was vor ein paar Jahren hattest», erzählt Einar Magnússon, ein Grafiker aus Islands Hauptstadt. «Wenn du dann erfährst, dass du mit ihr zweiten Grades verwandt bist, ist das nicht immer wirklich klasse.»

Wichtige Stammbäume

Isländer stammen mehrheitlich von einer Handvoll Wikinger ab, die die Vulkaninsel im 9. Jahrhundert nach Christus besiedelten. Ihre weitgehende genetische Abgeschiedenheit fasziniert seit jeher Biologen. Noch dazu seien die Geschichten der ersten Siedler in den Sagas aktenkundig, dem literarischen Langzeitgedächtnis der Isländer, sagt Kári Stefánsson. Er ist Gründer und Chef der biotechnologischen Firma deCODE Genetics. «Vor rund tausend Jahren begannen die Sagas mit Stammbäumen. Der einfache Mensch hat so seine Abstammung dokumentiert», sagt der Wissenschaftler, der die Datenbank zusammengetragen hat, auf die die neue App zurückgreift.

Seit 1997 trägt deCODE Genetics Daten von Isländern aus Volkszählungen, Kirchenbüchern, Familienarchiven und anderen historischen Quellen zum «Buch der Isländer» zusammen. Die Firma will die Daten von 95 Prozent aller Isländer kennen, die in den vergangenen 300 Jahren auf der Atlantikinsel lebten oder leben.

Eng verwandt?

Drei Informatikstudenten der Universität von Island haben nun das «Buch der Isländer» mit einer eher praktischen Herangehensweise für Jungverliebte ausgewertet. Arnar Freyr Adalsteinsson, einer der drei Entwickler, erklärt, dass die App auf Knopfdruck den Nutzern zeigt, wie eng ihre Besitzer verwandt sind. «Man stellt das Smartphone auf 'Inzest-Alarm' und schon kriegt man eine Warnung, wenn man mit jemandem verwandt ist, den man gerade trifft», sagt Adalsteinsson.

Die Gratis-App ist bisher nur fürs Betriebssystem Android verfügbar und schon über 5000 Mal heruntergeladen worden. Auf dem Markt ist sie erst seit Anfang April. Die Entwickler hoffen, bald auch eine Version für das iPhone programmieren zu können.

«Kein Produkt von Inzucht»

Stefánsson von deCODE Genetics hält die App für wichtig, aber nicht wegen der Verhinderung von Inzest. Sie unterstütze das Interesse der Isländer für Abstammungsfragen und mache sie im medialen Raum des 21. Jahrhunderts attraktiv. Im Übrigen hoffe er, dass die App keinen falschen Eindruck von Island vermittle. «Das isländische Volk ist kein Produkt von Inzucht», sagt er. «Die App hat was, sie fördert das Interesse an Abstammungsdaten. Dass sie inzestuöse Hochzeiten verhindert, ist eher ein Gespinst der Presse als ein Abbild der Realität.» In der Tat warnt die App nur vor gemeinsamen Grosseltern, und selbst in Island kennen die meisten Menschen ihre Cousins und Cousinen ersten Grades.