Selbstversuch

15. Dezember 2015 13:50; Akt: 15.12.2015 13:53 Print

Wer nach «Rütli» sucht, landet auf der Terrorliste

von Ph. Stirnemann - Der Computerlinguist Hernani Marques vom Chaos Computer Club in Zürich hat getestet, wie schnell man zum Terrorverdächtigen wird.

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Wer im Netz surft, kann schneller als gedacht zum Terrorverdächtigen werden. (Bild: Keystone/AP/Nigel Treblin)

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Vom unbescholtenen Bürger zum Terrorverdächtigen: Hernani Marques vom Chaos Computer Club Zürich (CCC) hat in einem Selbstversuch gezeigt, wie schnell normale Menschen zu Terrorverdächtigen werden, wenn man ihr Kommunikationsverhalten im Internet überwacht.

Dazu hat er sich selbst zur potenziellen Zielscheibe für den Nachrichtendienst (NDB) gemacht, indem er sich zehn Tage lang komplett beim ganz normalen Surfen überwachte. Es zeigte sich, dass von 700 übermittelten Inhalten 232 als verdächtig angezeigt wurden, wie der «Spiegel» schreibt.

Im Handumdrehen terrorverdächtig

Für den Selbstversuch hatte Marques ein den staatlichen Überwachungssystemen ähnliches Filtersystem entwickelt, das sein Surfverhalten nach Wörtern aus dem Jargon der extremen Linken wie auch der extremen Rechten, wie etwa «Solidarität», «revolutionär», «Rütli» oder «August» durchforstete. Während der Testphase änderte er nichts an seinem bisherigen Verhalten im Netz – und geriet dabei auf seine fiktive Terrorliste.

«Man gerät sehr leicht ins Visier der Behörden», sagt Marques zu 20 Minuten. Das liege daran, dass Selektoren, also Schlagwörter und Suchalgorithmen, nach denen Überwachungssysteme die Kommunikation der Bürger filtern, standardmässig mit einer gewissen Ungenauigkeit funktionierten. Dies, damit die Behörden bei der Suche nach Verdächtigen mehr Treffer erzielen und so ihre Ermittlungen erweitern könnten.

Somit müssten auch Leute, die sich in der Freizeit, amtlich oder wissenschaftlich etwa für das Thema «politischer Extremismus» interessierten, damit rechnen, «direkt, vollständig und persönlich überwacht zu werden», sagt Marques.

Zustände wie in den USA

Für den Computerlinguisten ist klar, dass Überwachungssysteme zur Durchforstung privater Daten dafür genutzt würden, Aktivisten, Datenschützer, Hacker, Systemadministratoren, aber auch diplomatische Vertretungen, Regierungschefs und Wirtschaftsunternehmen zu überwachen. Doch: «Was hat das mit Terrorismusbekämpfung zu tun?» fragt sich Hernandes. «Mit dem neuen Geheimdienstgesetz ist die Schweiz auf bestem Wege, NSA-ähnlich abzuheben», ist er überzeugt.

Anlass für Marques' Test war das neue Nachrichtendienstgesetz (NDG), das der Bund dieses Jahr gutgeheissen hat und gegen das Exponenten linker Parteien und Organisationen wie Grundrechte.ch das Referendum lanciert haben.

NDG: Fluch oder Segen?

Das neue NDG soll «die geltenden, nicht mehr den modernen Bedrohungen und Risiken entsprechenden Rechtsgrundlagen» gemäss VBS ablösen und «als eine moderne Gesetzesgrundlage alle nachrichtendienstlichen Tätigkeiten umfassend regeln».

Die Gegner kritisieren, dass der Nachrichtendienst (NDB) durch das neue NDG die Möglichkeit bekomme, ohne Verdacht auf eine Straftat in die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger einzudringen und deren Leben und Kommunikation zu überwachen.

Hernandi Marques' Test zeigt zudem, dass Nutzer jetzt schon durch ganz normales Surfen im Web schneller als geahnt auf einer Schwarzen Liste des Bundes landen könnten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • christian am 15.12.2015 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    und ich befürchte...

    ... dass viel mehr unschuldige näher angeschaut werden und die wirklich "unsauberen" weiterhin (beinahe) gänzlich unüberwacht bleiben...

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  • Ali Baba am 15.12.2015 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    Terror

    Im August auf dem Rütli durch Nationalisten mit Bombenstimmung. Sollte eigentlich reichen um jetzt auf einer Liste aufzutauchen :-))

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  • June am 15.12.2015 14:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Browserverlauf ist Interpretationssache

    Ich musste einmal für eine Seminararbeit recherchieren, wie es um den Tourismussektor im Irak steht. Fazit: Es gibt v.a. in den autonomen Kurdengebieten im Nordirak diverse Hotels und Shoppingmeilen, zudem ist die Landschaft mancherorts atemberaubend - das Gebiet hat also touristisches Potential, wenn nur die Sicherheitslage besser wäre. Nach einiger Zeit bekam ich extrem viel Werbung für Flüge nach Erbil und Hotels in Mosul xD ich möchte nicht wissen, auf was für Listen ich jetzt stehe.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Unsere Wenigkeit am 17.12.2015 09:10 Report Diesen Beitrag melden

    Nutzlos, nur teuer

    Es würde mich nur interessieren, was können die schnüffelheinis damit anfangen, wenn früher oder später jeder auf ihrer verdächtigenliste wegen der gleichen sache landet. Höchstens wird sich jemand eine goldene nase verdienen, indem er über jahre hinweg in staatlichem auftrag auf kosten des steuerzahlers auf dieser software rumbasteln wird, damit dann irgendwann bei seiner pensionierung das projekt für gescheitert erklärt werden kann.

  • TimoS am 16.12.2015 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    Alternative?

    Und was soll jetzt die Alternative sein? Nichts tun, gar keine Überwachung? Und dann jammern, wenn irgendwo etwas hochgeht? Kritik ja, aber dann bitte mit konkret umsetzbaren Lösungsvorschlägen.

    • Über Wachung am 17.12.2015 00:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Nicht so!

      Die Überwachung eines jeden einzelnen im Internet ist absolut übertrieben. Bestes Beispiel ist Frankreich: Dort hat die Regierung seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo praktisch den kopletten Zugriff auf alle Daten eines Jeden und dennoch konnte ein erneutes Attentat nicht verhindert werden. Der Vorwand der Überwachung zum Schutz vor Terrorismus ist einfach nur eine Angstmacherei. Wenn jemand tatsächlich einen Anschlag verüben möchte und bereit ist sein Leben dafür aufzugeben nutzt auch die beste Überwachung nichts. Aber hey: Eine Überwachung ist ja auch für Anderes geeignet...

    • Big Brother am 17.12.2015 13:14 Report Diesen Beitrag melden

      Grundkonzept

      Es muss ein unabhängiges (Finanziell und Organisatorisch) geben, welche die Überwachungen genehmigt und Stichprobenartig überprüft. Diese Genehmigung muss an Verdachtsmomente (nur für schwere Verbrechen) geknüpft werden und muss periodisch wiederholt werden und verfällt ansonsten. Die Daten dürfen maximal für eine bestimmte Zeit aufbewahrt werden und müssen danach AUTOMATISCH gelöscht werden. Zudem muss im Falle von einer Verfahrenseröffnung der Beschuldigte uneingeschränkten Zugriff auf die Bilder erhalten.

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  • Sebina am 16.12.2015 12:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kommunikation

    und jetzt habt ihr alle angst? dann lasst die finger vom internet und geniesst die natur und eure familie,freunde,kollegen und eure mitmenschen und kommuniziert wieder mit denen.

    • Snot Mc Booger am 16.12.2015 16:21 Report Diesen Beitrag melden

      Angst?

      Angst? Nein, Wut? Ja schon eher.

    • Zeroconf am 16.12.2015 19:33 Report Diesen Beitrag melden

      Alternativen nutzen!

      Vielleicht sollten Leute, die so unbedarfte Kommentare von sich geben auch das Internet in Ruhe lassen. Es gibt Alternativen! Enigmabox, Meganet von Kim Dotcom, Maidsafe, IPFS, GNUNet. Bei Tor würd ich aufpassen. Fingerprinting per Browser ist nicht allzuschwer.

    • Sloogy CKK am 19.12.2015 01:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Zeroconf

      Weitere Informationen finden Sie auf der nächsten kryproparty ;)

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  • EyeofLight am 16.12.2015 10:14 Report Diesen Beitrag melden

    Dezentral ist die Lösung!

    Die Statistiken belegen ganz klar, dass die Welt noch nie so wenige Anschläge hatte, wie die letzten Jahre. Was hier geschieht passiert nur um unsere Recht und Freiheit abzubauen und die Kontrolle über die Bürger zurückzuerlangen. Denn es brodelt heftig im Volke, beim Untertane. Er begehrt auf, sucht sich Alternativen, glaubt nicht mehr alles, was Spiegel und co. erzählen. Das ist gefährlich für die Mächtigen. Das, und nur das ist der wahre Grund der überwachung. Das Gitter wird zugeschlagen, während die hintersten in der Zelle bereits laut warnend schreien. Unterstützt dezentrale Netze!

    • Urs Vollenweider am 16.12.2015 12:32 Report Diesen Beitrag melden

      Richtig!

      Sehe ich genau so.

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  • hur dur am 16.12.2015 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    Auch filter gebaut

    Ich habe auch einen Filter ähnlich dem Nachrichtendienst gebaut. Anscheinend landet man schon bei Begriffen wie "Rösti" auf der schwarzen Liste, aufpassen. :O

    • Spitzenkoch am 16.12.2015 22:43 Report Diesen Beitrag melden

      Kochrezept

      Was soll ich dann nur machen, wenn ich im August auf dem Rütli eine Rösti zubereiten möchte?

    • hur dur am 17.12.2015 09:56 Report Diesen Beitrag melden

      Zurück ins nicht Digitale

      Da bleibt nur noch die Möglichkeit auf das gute alte Kochbuch zurückzugreifen. :-)

    • How care s? am 18.12.2015 10:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @hur dur

      Ist mir so was von egal ich bin schon wahrscheinlich auf der dunkelschwarzen Liste !

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