«Handyverbote bringen nichts»
Der Zürcher Medienpsychologe Daniel Süss über Gewaltfilmer auf dem Pausenplatz, vermeintliche Lösungen, die schwierige Rolle der Medien und das Störende an Begriffen wie «Happy slapping» oder «Generation Youtube».


Teil 6: «Handyverbote bringen nichts»
Ob Prügelfilm, Schlampen-Video oder Lehrer-Mobbing, die multimediale Demütigung des Anderen ist laut verschiedenen Experten zum Volkssport geworden. Und immer mit dabei an der vordersten Erniedrigungsfront: Das Handy als Tatwaffe.
Polizisten, Statistiker und Psychologen machen inzwischen die permanente Reizüberflutung und die zunehmende Vermischung von virtueller Computerrealität und Wirklichkeit verantwortlich für den Besorgnis erregenden Anstieg an schwerer Jugendgewalt. Die zunehmende Brutalität wird mit der Verrohung durch die permanente Gewaltgewöhnung erklärt.
In einer Serie nimmt sich 20minuten.ch den verschiedenen Aspekten der neuen „Gewaltdimension“ an. Zur Sprache kommen jugendliche Filmer, - die meist gar nicht wissen, was sie tun, -, Psychologen werden zu Rate gezogen und Polizisten befragt. Die meist entweder völlig überforderten oder völlig ahnungslosen Eltern werden ebenso wenig vergessen, wie die Rolle der Medien. Die bewegen sich, je nach Situation, schnell auf dem schmalen Grad zwischen Aufklärern der Öffentlichkeit und Helfershelfern der Handy-Mobber.
Bereits publiziert:
Herr Süss, Ihr aktuelles Forschungsprojekt handelt von Kindern und Jugendlichen im sich wandelnden Medienumfeld. Wie wandelt es sich, das Medienumfeld?
Daniel Süss: Digitale Medien werden zu ständigen Begleitern der Heranwachsenden. Und viele Eltern sind verunsichert, wie sie den täglichen Gebrauch von Handys, Games, Internet und Fernsehen regulieren sollen.
Was hat dieses «zur Verfügung stehen» für Auswirkungen auf die Jugendlichen?
Pessimistische Medienpädagogen glauben, dass dadurch die Kindheit aufgehoben wird - weil die Jungen Zugang zu allen Medien haben und ein eigentlicher Jugendschutz immer schwieriger wird.
Liefern etwa Frauen verachtende Hiphop-Clips, die auf MTV und Viva laufen, die Regievorlagen für verfilmte Vergewaltigungsfälle wie zum Beispiel in Seebach oder Schmitten?
Das kann man so nicht sagen, aber aus der Erwachsenenforschung weiss man, dass regelmässiger, häufiger Pornografiekonsum dazu führen kann, dass etwa der so genannte Vergewaltigungsmythos für wahr gehalten wird. In der Vorstellung von Vergewaltigern geniesst die vergewaltigte Frau den Akt. Solche Stereotypen, die in vielen pornografischen Geschichten vorkommen, können also die Phantasien von Jugendlichen beeinflussen.
Und die Jugendlichen spielen dann das in den Medien Gesehene in der Wirklichkeit nach?
Nicht einfach so, aber es gibt Risikogruppen, wo der Medienkonsum problematische Wirkungen haben kann. Das betrifft vor allem Jugendliche, die sozial isoliert und im realen Leben wenig erfolgreich sind, in eine virtuelle Welt eintauchen, dort Achtung und Anerkennung erfahren, wie zum Beispiel in Computerspiel-Clans.
Hat das Internet die sexuelle Reizschwelle bis zur Skrupellosigkeit gesenkt?
In Kinder- und Jugendpsychiatrischen Berichten von vor fünfzig Jahren findet man auch schon Fälle, wo Jugendliche sexuelle Handlungen ausprobierten und dann in Behandlung kamen. Die Ereignisse selbst sind also kaum neu. Neu ist das Filmen und ins Internet stellen und untereinander verbreiten. Aber es ist kein Automatismus, dass jedes Kind, das so etwas sieht, das auch nachspielt.
Aber jedes Kind weiss inzwischen, dass es so etwas gibt.
Das wissen die Kinder auch ohne Internet. Ich erinnere mich an einen Fall, der in der medienpädagogischen Literatur vorkommt, wo Kinder eine Hinrichtung nachspielten. Im letzten Moment konnte man noch eingreifen. Dann stellte sich heraus, dass es eine Geschichte aus dem Biblischen Unterricht war. Eine solche Vorstellung kann also von überall kommen. Auch von einem Video-Pornoclip.
Dann ist ja alles gut?
Nein, die Gefahr, dass eine problematische Darstellung von einer Risikogruppe geschaut wird, nimmt durch die weltweite Verbreitung der Videos zu. Dadurch wird das Risiko auch grösser, dass etwas passieren kann. Aber für mich ist nicht die Verbotsstrategie im Vordergrund oder der Ruf nach Filtern. Sondern die Frage: Wie kann man Kinder oder Jugendliche unterstützen, über problematische Darstellungen kritisch nachzudenken und kompetent damit umzugehen.
Also: Was tun?
Es braucht medienpädagogischen Unterricht. Jeder wird heute zum Kameramann und Regisseur. Es geht dabei darum, den Jugendlichen die sozialen Konsequenzen des Mediengebrauchs und –missbrauchs zu erklären und sie zu einem kreativen statt destruktiven Medienumgang zu führen.
Ein Handyverbot ist also das falsche Mittel?
Das Verbot allein ist eine Massnahme, die konsequent erscheint, aber nichts bringt. Dass die Gesellschaft Richtlinien hat, finde ich schon wichtig. Frauenverachtende oder Gewalt verherrlichende Filme müssen verboten sein. Aber das Medium als ganzes verbieten, kann nicht der richtige Weg sein.
Aber wie soll ein Lehrer, der provoziert wird, mit dem umgehen? Kein Handyverbot?
Dieser Lehrperson würde ich als erstes einmal raten, das Verhältnis mit den Schülern zu verbessern. Für eine Phase kann es in solchen Fällen durchaus gut sein, das Handy zu verbannen, bis die Verständigung wieder funktioniert. Aber die Konflikte liegen nicht einfach beim Medium. Sondern das Medium wird benutzt, um sie auszutragen.
Dann würden Sie lieber YouTube und ähnliche Videoportale verbieten?
Nein. Solche Plattformen können kreative Leistungen anregen, aber Betreiber müssen auch eine Verantwortung übernehmen, dass menschenverachtender, pornografischer, gewalttätiger oder rassistischer Inhalt nicht darauf transportiert wird.
Sollen die Medien über das Gewaltphänomen überhaupt berichten, oder giessen sie damit erst recht Öl ins Feuer?
Spannende Frage. Das ist auf jeden Fall immer ein Grenzgang. Wenn man Gewalt auf Handys oder YouTube anprangert und trotzdem Artikel dazu zeigt, ist das ein Stück weit ein Beitrag dazu, dass die Jugendlichen auf das Thema aufmerksam werden. Ausserdem gibt man den Jugendlichen das Gefühl: Ich kann es auf YouTube platzieren und dann hab ich vielleicht noch das Glück, dass der Film auf 20minuten.ch landet und ich kann es den Kollegen sagen. Das hat noch einen Verstärkungseffekt.
Also totschweigen?
Nein, es ist heikel, aber das heisst nicht, man soll nicht darüber berichten. Der Journalismus muss sich aber selber Grenzen setzen. Wie zum Beispiel beim Thema Selbstmord, über das selten detailliert berichtet wird, um den Nachahmungseffekt nicht zu schüren.
Und was wäre eine gute Berichterstattung?
Eine gute Berichterstattung ist es dann, wenn es zu einer kritischen Auseinandersetzung anregt und nicht einfach voyeuristisch oder skandalisierend ist oder eine Zweitauswertung für Filme ist. Man soll es nur so weit darstellen, dass man nachvollziehen kann, um was es geht, muss dann aber vor allem auch eine differenzierte Kommentierung anbieten. Zudem muss man in der Wortwahl vorsichtig sein. Das ist zum Beispiel höchst ärgerlich beim Begriff «Happy Slapping». Der ist völlig verharmlosend. «Generation YouTube» nur mit Gewaltfilmen im Netz zu verbinden, könnte auch kontraproduktiv sein, weil es bei den rücksichtslosen Filmern Stolz auslösen kann.
Aber es gibt bei YouTube auch durchaus positive Aspekte. Es könnte eine unglaubliche Demokratisierung des Medienschaffens bedeuten.
Ja klar, man hat es in der Kriegsberichterstattung gesehen, als statt eingebetteter Journalisten auch Handyfilme für alternatives Quellenmaterial gesorgt haben.
Kann ein Kind unterscheiden, was reale Gewalt ist und was nicht? Wer ist Hollywoodschauspieler oder geplagter Schüler?
Die Fähigkeit, verschiedene Erlebniswelten sauber zu trennen, nimmt mit dem Alter laufend zu. Ab ca. 12 Jahren ist das Abstraktionsvermögen in der Regel so klar ausgeprägt wie bei Erwachsenen. Man kann sich in die Perspektive von anderen versetzen und Darstellungen im Zusammenhang von Situation und Medium bewerten.
Ist die Gesellschaft durch den Medienkonsum und Medienumgang brutaler geworden?
Die Schweiz ist eine sehr friedliche Gesellschaft. Man muss sich beispielsweise wenig fürchten, wenn man unterwegs ist, in eine gewalttätige Situation zu geraten. Aber natürlich haben sich mit dem Handy und den neuen Medien neue Möglichkeiten aufgetan, die auch missbraucht werden.
Müssen wir in fünf Jahren mehr Angst haben?
Das kommt sehr auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung drauf an. Wenn es der Gesellschaft gut geht, genügend Arbeitsplätze vorhanden sind, dann glaube ich nicht, dass wir Angst haben müssen. Aber je grösser die Kluft innerhalb einer Gesellschaft wird, und je mehr Feindbilder geschürt werden, desto eher kann es zu einer Eskalation kommen.
Und der Einfluss der Medien?
Wenn man die reine Kommerzialisierung der Medien zulässt und nur auf den Wettbewerb setzt, bei welchem die Leser- und Zuschauerzahlen allein zählen, dann ist das Risiko sicher höher, dass es mehr Sensations- und Skandalberichte gibt.
Herr Süss, wir danken für dieses Gespräch
Marius Egger, Hansi Voigt, 20minuten.ch
























