Doodle statt Google

01. Februar 2012 15:40; Akt: 01.02.2012 16:27 Print

Warum die Schweiz kein Silicon Valley ist

von Oliver Wietlisbach - Zürich hat seit Erfindung des Computers mehrmals die Chance gehabt, einer der wichtigsten Tech-Standorte zu werden. Ein Besuch im Technopark zeigt, warum es nicht dazu kam.

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Die Schweiz ist kein Silicon Valley, aber Tech-Perlen gibts auch hier.

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Unangefochtener Platzhirsch unter den Tech-Standorten ist und bleibt das Silicon Valley: Die rund 7000 Technologie-Unternehmen des Tals – darunter Apple, Google und Facebook – haben südlich von San Francisco Arbeitsplätze für eine halbe Million Menschen geschaffen. In Europa sind es vor allem London und Berlin, die bekannte Jungunternehmen wie den Online-Telefonieanbieter Skype oder den Musik-Streaming-Dienst Spotify anziehen konnten.

Doch auch die Schweiz muss sich keineswegs verstecken: Auf der Liste der aktivsten Start-up-Regionen belegt sie Platz 6. Allein die Internet-Start-up-Szene in Zürich West zählt gut 200 Firmen, wo Jungunternehmen an Applikationen tüfteln, die später in Millionen von Mobiltelefonen und Tablets Verwendung finden.

«Infrastruktur, Lebensqualität und tiefe Steuern sind wichtige Standortvorteile»

Ein Beispiel: Handy-Nutzer, die viel über E-Mail und soziale Netzwerke kommunizieren, haben oft ein Chaos in ihrem Adressbuch, weil sie Kontakte aus Outlook, Gmail oder Facebook importieren. Duplikate und veraltete Einträge lassen viele kapitulieren – die Pflege des Kontaktbuchs wird irgendwann aufgegeben. Hier kommt der Start-up Connex.io ins Spiel: Der Adressbuch-Optimierer hat eine intelligente Synchronisation entwickelt, die das Adressbuch aktuell hält.

Connex.io löst das Adressbuch-Chaos

Quelle: Youtube/Connex.io

Eines anderen Problems aus dem Alltag nehmen sich die Jungunternehmer von Koubachi an: Eine Handvoll ETH-Absolventen entwickelt eine App für Smartphones, die Menschen ohne grünen Daumen warnt, bevor die teuren Zimmerpflanzen verdursten. Der Nutzer sagt der App zuerst, wie oft die Pflanze Wasser oder Dünger braucht und bekommt rechtzeitig eine Erinnerung. Künftig wird ein Messgerät im Pflanzenboden der App direkt melden, wann es Zeit zum Giessen ist (Informationen zum Beta-Test siehe Infobox).

Die Pflanzen-App in Aktion

Quelle: Youtube/Koubachi

Dass Zürich und die Genfersee-Region weltweit eine der höchsten Dichten an Tech-Start-ups aufweisen, ist kein Zufall: «Die Infrastruktur, Lebensqualität, effiziente Behörden und tiefe Steuern sind wichtige Standortvorteile», sagt Nicolas Berg von Redalpine. Die Risiko-Kapitalgesellschaft investiert in der schwierigen Frühphase in junge Tech-Unternehmen. Die Nähe zu Top-Universitäten in Zürich und Lausanne sowie qualifizierte Einwanderer sind laut dem Start-up-Förderer andere Bedingungen für eine prosperierende Tech-Branche.

Warnung vor Euphorie

Die Schweizer Internet-Start-ups der zweiten Generation profitieren von den erfolgreichen Pionieren, die in den 2000er-Jahren bewiesen haben, dass helvetische iStart-ups reüssieren können: Der Preisvergleichsdienst Comparis.ch und die Job-Suchmaschine Jobs.ch sind hierzulande fast jedem ein Begriff. Andere Grössen der heimischen Tech-Szene sind der Online-Terminfinder Doodle, die Suchmaschine Search.ch sowie der Internet-TV-Anbieter Zattoo (die drei Firmen gehören wie 20 Minuten Online zu Tamedia).

Die erfolgsversprechendsten Jungunternehmen werden häufig eiligst von internationalen Tech-Konzernen übernommen. Die Software-Schmiede Mediastreams oder der Landkarten-Spezialist Endoxon wurden in den letzten Jahren von Microsoft respektive Google geschluckt, die beide in Zürich Niederlassungen haben. Die Geodaten von Endoxon finden sich nun in Google Earth und Google Maps.

Trotz der vielversprechenden Voraussetzungen aber warnt der 27-jährige Connex.io-Geschäftsführer, Marcus Kuhn, vor Euphorie: «Eine erfolgreiche Start-up-Szene wird nicht Realität, weil einige Politiker mit lokalpatriotischen Absichtserklärungen von einem europäischen Silicon Valley fabulieren.» Dass Tech-Giganten wie Microsoft und Google in Zürich sind, löse für die hiesigen Start-ups keine Probleme. Im Gegenteil.

«Wir sind viel zu konservativ, um ein Silicon Valley aufzubauen»

Während die Grosskonzerne mühelos Informatik-Experten aus dem Nicht-EU-Raum rekrutieren können, sei dies für Kleinstfirmen heute fast unmöglich. «Da der turkmenische Mitgründer von Connex.io keine Arbeitsbewilligung in der Schweiz erhielt, erfolgt die Zusammenarbeit zwangsweise über das Internet und Skype», schildert Kuhn seine Misere. Als Konsequenz wird nun ein zweiter Firmenstandort in der Ukraine aufgebaut.

Der Schweiz blieb der Schritt zu einem zweiten Silicon Valley in der Vergangenheit auch deshalb verwehrt, weil die wichtige Maschinenindustrie in den 1970er-Jahren nichts von einem konkurrierenden Informatikstudium an der ETH wissen wollte. Als die Informatik 1981 zu einem vollwertigen Studiengang erhoben wurde, war der Zug in den USA längst abgefahren.

Es war ein Generationenkonflikt, der die Tech-Branche in der Schweiz ausbremste. Lange vor dem Siegeszug des PCs und Apple-Computern, wurden an der ETH erste Rechner entwickelt. Die Schweizer Wirtschaft nahm den Steilpass nicht auf. Den Unternehmern und den Banken als Kreditgebern fehlte der Mut, sich auf die neue Technologie einzulassen. «Wir sind viel zu konservativ, um ein Silicon Valley aufzubauen», sagte der ehemalige ETH-Informatikprofessor Carl August Zehnder Ende 2011 im «Tages-Anzeiger».

Die Geschichte wiederholt sich heute teilweise in der Social-Media-Branche. Ältere Semester bei den wichtigen Kapitalgebern verstehen oft gar nicht, welche neuen Bedürfnisse der Social-Media-Generation die Internet-Start-ups befriedigen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Der Kritiker am 01.02.2012 17:37 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Versagenskultur

    Das Problem ist, dass wir in der Schweiz viel zu grosse Angst vor dem Versagen haben. 20 Ideen gehn in die Hose, dafür schlägt die 21. so richtig ein. In der Schweiz geben wir uns jedoch bereits nach der 1. Panne geschlagen und sagen uns: Schuster, bleib bei Deinen Leisten. Das ist in den USA anders, und das haben sie uns voraus (und nur das!). Wichtig wäre ein Risikokapital-Fonds, mehr Wettbewerbe, Jungunternehmerförderung (ohne gleich damit das grosse Geld machen zu wollen). Die ETH ist übrigens ein Beispiel dafür, dass Jungunternehmerförderung erfolgreich betrieben wird.

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  • Marion am 01.02.2012 16:37 Report Diesen Beitrag melden

    Überreglmentiert

    Stimmt, die Schweiz ist leider zu konservativ. Initiave wird bestraft. Kleinstbetriebe werden auch von den Steuerbehörden ins Ausland getrieben. Das gilt für jede Branche. Es ist sehr schwierig in der Schweiz als Kleinstbetrieb selbständig zu sein. Die Schweiz hat zwar theoretisch eine Demokratie, aber wir sind ein klassisches Patrizierland und von einer kleinen Elite regiert.

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  • markart am 01.02.2012 17:41 Report Diesen Beitrag melden

    schlechte aussichten

    Wenn die Mieten fuer Immobilien weiterhin derart steigen, dann ist mit jeglicher Kreativitaet und Innovation sowiso Schluss und jeder kreative Geist laesst sich aus Existenzangst lieber in einer konservativen Firma einstellen statt Risiken einzugehen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Päde am 02.02.2012 06:51 Report Diesen Beitrag melden

    Solarindustrie

    Dasselbe geschah mit der Solartechnik. Führend anfang der 90er Jahr hat es die Schweiz in der Folge verpasst, diese Führung weiter auszubauen. Resultat: Deutschland, China und andere Länder geben Gas. Die Schweiz bleibt ein Follower - ist nicht nur schlecht, aber sie glaubt nicht lange an die Zukunft bei solchen Projekten. Wenn solche Projekte starten, muss man sich eine vernünftige Strategie ausdenke, investieren, Marketing betreiben und in die Welt hinaus gehen.

  • Denker am 01.02.2012 19:49 Report Diesen Beitrag melden

    Vergleich?!

    Social Media mit der Entwicklung des PCs zu vergleichen, ist meiner Meinung nach ein bisschen gewagt.

    • Päde am 02.02.2012 06:47 Report Diesen Beitrag melden

      Vergleich ist o.k.

      Es geht um den Mechanismus von konservativen Kapitalgebern und innovativen Jungunternehmer. Wer auf dem Geld sitzt, will es nicht riskieren, dass ein Projekt mal scheitern könnte.

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  • Doc PhilGood am 01.02.2012 19:15 Report Diesen Beitrag melden

    Chance bereits am verpassen

    Wenn wir jetzt nicht umfassend in alternative Energie-Erzeugung, Energiedistribution, fortgeschrittene Recycling-Technologien, usw. investieren und forschen wird die Möglichkeit eine gewinnbringende, Arbeitsplatz schaffende, zukunftsfähige Industrie aufzubauen die wirklich etwas nützliches herstellt verloren gehen. Andere werden dann das Geschäft machen und wir (nicht nur die Schweiz) werden dann das Nachsehen haben. Zur Erinnerung: Banken und Versicherungen stellen nichts her...

    • jcfrei am 01.02.2012 22:54 Report Diesen Beitrag melden

      not gonna happen

      Dazu wird es nie kommen. Auch wenn die schweizer banken risikofreudiger wären, so ist der absatzmarkt und arbeits- / absolventenmark viel zu klein um hierzulande ein vergleichbares silicon valley aufzubauen. zudem entstehen viele innovationen nebenbei - nämlich in den forschungslabors grosser konzerne (und von denen gibts es hierzulande zu wenige, zumindest ausserhalb pharma und nahrungsmittel)

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  • Robert am 01.02.2012 18:47 Report Diesen Beitrag melden

    Pflanzen App ?

    Eine App damit man nicht vergisst die Pflanzen zu giessen? Wie "weit" muss die Menschheit inzwischen sein, dass es eine App dazu braucht? Ja ok, manch exotische Pflanze wird vielleicht eine spezielle Behandlung brauchen, aber wer eine exotische Pflanze hat wird sich auch so halbwegs damit auskennen. Und wer keinen grünen Daumen hat, wird wohl eine 0815 Zimmerpflanze haben die mal mehr / mal weniger Wasser erträgt. Was kommt als nächstes? Die App wie man ein-/ausatmen muss? Die App die beim rausgehen ans Lichtlöschen erinnert? Die App die ans Händwaschen nach dem WC erinnert?

    • Hans B. Etter am 01.02.2012 23:20 Report Diesen Beitrag melden

      Wollen, nicht brauchen!

      Die Frage ist nicht, ob der Kunde etwas "braucht", sondern ob er etwas "will". Apple hat diese Philosophie auf geniale Art und Weise umgesetzt. Kein Mensch "braucht" ein Designer-Notebook oder ein Touchscreen-Handy. Aber unzählige "wollen" es!

    • gurd am 02.02.2012 00:11 Report Diesen Beitrag melden

      ETH?

      Und vor allem, wieso muss man für so was an der ETH studieren!?

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  • Oliver Kuhn am 01.02.2012 18:27 Report Diesen Beitrag melden

    Liebe Frauen

    Liebe Frauen. Kommt in die ICT. Gut bezahlte Stellen. Gute Entwicklungsmöglichkeiten. Nur das Wissen und die Kreativität zählt. Die ICT ist eine der realen Möglichkeiten wo inteligente Personen es bis ganz an die Spitze schaffen können. Informatik ist ein Kommunikationsjob.