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23. September 2009 13:41; Akt: 12.08.2010 12:04 Print

«Mittlerweile für Hacker attraktiv»

von Henning Steier - Heute vor sieben Jahren, am 23. September 2002, erschien mit Phoenix 0.1 ein erster lauffähiger Browser des Mozilla-Projekts, aus dem später der Firefox wurde. Chefentwickler Mike Beltzner (33) hat mit 20 Minuten Online über die Zukunft des Feuerfuchses gesprochen, aber auch Stellung zu Startproblemen und Sicherheitslücken genommen.

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Studenten der Oregon State University versahen 2006 zum Start des Firefox 2.0 ein Feld nahe der US-Stadt Amity mit diesem Kornkreis.

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20 Minuten Online: Wie wird man Firefox-Chef?
Mike Beltzner: Im Jahr 2005 arbeitete ich noch bei IBM Kanada. Schon damals war ich mit Mike Shaver befreundet, der heute Vice President Engineering bei der Mozilla ist, und der mir immer wieder von der «Mozilla Suite» erzählte. Ich habe sie aber selten benutzt, denn sie war gross und langsam. Dann brachte mich ein anderer Freund auf «Phoenix». Ich installierte ihn und dachte sofort: So sollte ein Browser sein - schnell und leicht zu nutzen.

Welchen Browser haben sie davor verwendet?
Ich nutzte den Internet Explorer von Microsoft

Diese Antwort überrascht nicht. Wie ging es für Sie und Mozilla weiter?
Ich begann ehrenamtlich für Mozilla zu arbeiten, indem ich beispielsweise Kommentare zur Benutzeroberfläche schrieb und Fehler suchte. 2005 hörte ich von Mike Shaver, dass Mozilla einen User Experience Designer suchte. Also habe ich mich beworben und bekam den Job.

Wie viele Leute arbeiten bei Mozilla am Firefox?
Heutzutage beschäftigen wir etwa 80 Entwickler. Natürlich gibt es noch die zahlreichen Freiwilligen, die unter anderem dafür gesorgt haben, dass man den Firefox in der Schweiz auch auf Rätoromanisch nutzen kann. Am Firefox 3.5, der aktuellen Version, haben rund 1200 Nutzer ehrenamtlich mitgearbeitet, also zum Beispiel ein paar Zeilen Code geschrieben oder Fehler korrigiert. Wir hatten fast eine Million Beta-Tester. Mehrere Zehntausend probieren überdies immer unsere so genannten «Nightly Builds» aus, also Browserversionen, die durch tägliche Updates entstehen. Das ist sehr wichtig, um Fehler oder Lücken schnell beseitigen zu können.

Phoenix 0.1 hatte noch nicht die Google Search Bar, sie wurde in Phoenix 1.0 eingeführt. Ist sie noch immer die wichtigste Erlösquelle?
Man konnte auch schon in der ersten Version eine Google-Suche über die Adresszeile starten, indem man die Suchanfrage mitsamt einem kurzen Befehl eingab. Das war natürlich unkomfortabel. Es gab von Anfang an die Idee, Google einzubauen, denn diese Suchmaschine lieferte die besten Treffer in der kürzesten Zeit. Ich würde nicht sagen, dass wir von Google bezahlt werden; das Unternehmen teilt Erlöse mit uns. Wenngleich wir unser Geld nicht nur von Google bekommen, sondern auch von Yahoo und Yandex in Russland. Wobei Google unser wichtigster Partner ist, was den Umsatz angeht. Wer mag, kann die vorgeschlagenen Suchmaschinen und Webseiten übrigens mit einem Klick entfernen.

Das Mozilla-Projekt hat unlängst angekündigt, WebGL in eigene Software zu integrieren. Damit wird der Firefox 3D-Inhalte ohne Zusatzsoftware anzeigen können. Warum ist das wichtig?
Browser werden zur Applikationsplattform. Viele neue Anwendungen werden als Webanwendungen entwickelt, was unter anderem den Vorteil hat, dass man sie von überall und mit allen Geräten nutzen kann. Wer heute 3D-Spiele und –Zeichenprogramme online nutzt, braucht Plugins wie Java oder Flash. Nehmen wir Flickr – eine gute Fotoseite, aber eine leistungsfähige Bildbearbeitungssoftware für den Browser gab es bislang nicht für sie, das hat sich mit Firefox 3.5. geändert: Viele Leute haben wegen seiner besseren und schnelleren JavaScript-Verarbeitung angefangen, solche Tools zu entwickeln.

Mozilla warnte kürzlich vor Adobe Flash-Versionen, die ein Update nötig hatten. Soll das Schule machen?

Die Warnung vor veralteten Flash-Versionen, welche wegen Lücken ein Sicherheitsrisiko darstellen können, ist erst der Anfang. Wir entwickeln zurzeit eine Webseite, auf der unsere Anwender all ihre Plugins überprüfen können. Sie soll mit dem Start von Firefox 3.6 ins Netz gehen.

Gutes Stichwort: Was können User in der nächsten Version des Browsers erwarten, die für November 2009 angekündigt ist?
Er soll besser mit Windows 7 und Snow Leopard zusammenarbeiten. Ausserdem wird das Add-on Personas integriert. Dank dem Tool kann man dem Firefox ein individuelles Aussehen verpassen. Ob WebGL in 3.6 kommen wird, ist noch nicht bekannt.

Wie sieht es mit Firefox 3.7 aus?
Nach jetziger Planung soll er im März 2010 zum Download bereit gestellt werden. Wichtigste Neuerung: Plugins sollen separat laufen. Wenn zum Beispiel Flash abstürzt, soll man nicht mehr den Browser neu starten müssen.

Hauptkritikpunkte vieler User sind die lange Startzeit und der Arbeitsspeicherverbrauch des Firefox. Was wird Mozilla dagegen tun?
Natürlich wird Firefox 3.6 schneller starten als die aktuelle Version.

Und wie steht es um das RAM-Problem?
Es ist uns bekannt und wir arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung. Zurzeit führen wir immer wieder einen Test namens membuster durch. In diesem werden 30 verschiedene Tabs geöffnet und geschlossen - insgesamt etwa 200 Mal. Anschliessend schliessen wir alle bis auf eine Registerkarte, damit der Browser Arbeitsspeicher freigibt. Firefox 3.5 nutzt unseren Messungen zufolge 80 Megabyte beim Start, im Laufe des zuvor beschriebenen Surfens etwa 200 und am Ende 90 Megabyte.

Welche neuen Funktionen soll Firefox 4, dessen Start für November 2010 geplant ist, mitbringen?
Diese Version wird mit einer neuen Benutzeroberfläche kommen. Wir werden beispielsweise sicherlich Elemente des Add-ons Ubiquity integrieren, mit dem durch Eingabe von kurzen Textbefehlen Aufgaben erledigt werden können. Wenn man zum Beispiel «Treffen Tanja 3 Uhr, 12. Mai eingibt», wird der Termin direkt im Kalender eingetragen. Zu diesem Thema passt auch, dass Weave an Bord sein soll, welches die Synchronisation von Daten wie besuchten Seiten auf diversen Geräten erleichtert.

Der Mozilla-Browser hat mittlerweile weltweit 25 Prozent Marktanteil. Wird die Grösse des Projekts nicht irgendwann gefährlich?
Natürlich ist die Software mittlerweile für Hacker attraktiv und es gibt daher immer wieder Angriffe. Binnen 72 Stunden haben wir bisher aber dank unserer riesigen Community bislang alle kritischen Lücken geschlossen – schneller als jeder andere Anbieter der klassischen Softwareindustrie. Phoenix und Firefox haben Browser insgesamt attraktiver gemacht und die Konkurrenz gezwungen stetig nachzubessern. Das Wichtigste ist für mich, dass es nie ein Monopol mit einem trägen Riesen geben wird, der Sicherheitslücken nur unzureichend oder spät schliesst. Oder wie Mozilla-Chef John Lilly es einmal formulierte: «Wenn man ins Software-Geschäft einsteigt, will man nicht Microsoft, Google und Apple als Konkurrenten haben.» Für uns ist zentral, dass die Surfer eine Wahl haben.

Welche Add-ons sind Ihre privaten Favoriten?
Zum einen Weave: Bookmarks, Browserchronik, Einstellungen, Passwörter lassen sich für diverse Geräte übertragen. Das Add-on Fission erweitert die Adresszeile des Firefox um die Inhalte aus der Statuszeile. So kann man oben sehen, wie weit der Ladevorgang ist. Ausserdem werden die URLs der Links die Sie mit der Maus berühren, in der Adresszeile angezeigt. Nicht zu vergessen ist das Add-on Test Pilot: Man kann uns Feedback durch seine Browsernutzung geben. So kann man zum Beispiel anonymisiert mitteilen, dass man während 80 Prozent der Zeit neun Tabs geöffnet hatte. Daher wissen wir dann, nachdem wir anonymisiert tausende Datensätze ausgewertet haben, wie viele Registerkarten unsere User im Durchschnitt öffnen.