Great Firewall

21. Februar 2011 14:54; Akt: 21.02.2011 19:03 Print

Chinas Chef-Zensor rechtfertig sich

Dr. Fang Binxing ist beim chinesischen Volk nicht sehr beliebt. Er kontrolliert den umstrittenen Great Firewall und plant die Zensurmassnahmen weiter zu verschärfen.

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Jasmin-Revolution: Der Funke der Volksaufstände im arabischen Raum ist am Wochenende nach China übersprungen. Beamte verhafteten in Shanghai und Beijing Demonstranten. (Bild: Carlos Barria)

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China zählt rund 450 Millionen Internetnutzer. Sie können sich allerdings nur beschränkt im World Wide Web bewegen, da der Staat rigoros den Zugang auf Inhalte sperrt, die dem Regime nicht genehm sind. So wird der Zugriff auf populäre Websites wie Facebook, YouTube, Twitter oder Wikileaks konsequent durch den Great Firewall blockiert. Die Angst ist zu gross, dass sich über diese Plattformen regierungskritische Kreise austauschen und organisieren könnten.

20minuten.ch temporär blockiert

Dass die Angst nicht unbegründet ist, zeigte sich über das vergangene Wochenende. In mehreren chinesischen Städten kam es zu Demonstrationen. Der Aufruf dazu verbreitete sich in Windeseile über das Internet. Das kommunistische Regime reagierte sofort mit massiver Polizeipräsenz, scharfer Zensur, Festnahmen und Hausarrest (20 Minuten Online berichtete). SMS-Kurznachrichten wurden zensiert und diverse Internetseiten gesperrt. Auch der Zugriff auf die Website von 20 Minuten Online war am Sonntag über zwölf Stunden blockiert, meldete ein in China wohnhafter Leser-Reporter der Redaktion. Offenbar gibt es eine Schwarze Liste mit ausländischen Nachrichtenportalen, die im Falle einer Zensur temporär blockiert werden.

Kontrolliert wird der Great Firewall durch Dr. Fang Binxing. Der 50-jährige ist der Präsident der «Peking University of Posts and Telecommunications». In einem der wenigen ins Englische übersetzten Interviews mit der staatlich kontrollierten «Global Times» rechtfertigt er seine Arbeit: «So viel ich weiss, überwachen rund 180 Nationen, dazu zählen auch Südkorea und die USA, das Internet auch. Es ist also ein weitverbreitetes Phänomen.»

Willkürliche Zensur

Binxings Zensur-Apparat filtert das Internet nach Schlüsselwörtern. Bleibt ein Wort hängen, wird die Website dahinter blockiert. Die Kriterien werden der Bevölkerung verschwiegen, es herrscht reine Willkür. Zur Funktionsweise des Firewalls wollte er im Interview keine Details verraten: «Das ist vertraulich.» Zudem stehen im Auftrag der chinesischen Regierung Tausende von Spitzeln im Einsatz. Sie müssen pro Monat für einen Lohn von 16 Franken mindestens 50 Websites melden, die gegen die Zensurvorgaben verstossen.

Der Kopf hinter dem Great Firewall ist im Volk nicht beliebt, das bekam Binxing im vergangenen Dezember deutlich zu spüren. Ein von ihm veröffentlichter Microblog löste innerhalb weniger Stunden Tausende von kritischen Kommentaren aus. Binxing wurde als Lakaie der Regierung beschimpft. Daraufhin verschwand der Microblog wieder vom Netz - und mit ihm auch die wenig schmeichelhaften Kommentare, schreibt das IT-Newsportal heise.de.

«Great Firewall muss verbessert werden»

Laut Binxing ist der Firewall noch nicht ganz ausgereift. So lässt sich der Zensur-Apparat nach wie vor mit Hilfe eines Virtual Private Networks (VPN) umgehen. Damit erhält man am offiziellen Netz vorbei Zugriff auf das Netz seiner Wahl. «Ich habe selber sechs VPNs auf meinem Computer installiert. Aber ich benutze sie nur, um zu testen, welche Seite gewinnt: Der Great Firewall oder das Virtual Private Network. Bis jetzt hinkt der Firewall hinterher, er muss noch verbessert werden», so Binxing.

Seit die Web-Zensur 2003 in China eingeführt wurde, werden Wege gesucht und gefunden, um diese zu umgehen. So haben sich Hacker aus aller Welt mit der chinesischen Bevölkerung verbrüdert und stellen Tools zum Hacken der Regierungs-Firewalls zur Verfügung. Technisches Know-how ist dafür nicht immer nötig. Wird beispielsweise auf chinesischen Microblogging-Diensten nach 8x8 gesucht, findet der User Informationen zu dem seitens des Regimes konsequent totgeschwiegenen Tian’anmen-Massaker, schreibt cnn.com. Die blutige Beendung des Volksaufstandes fand am 4.6.1989 statt. 8x8 ergibt 64, die Sechs steht für Juni, die Vier für den vierten Tag des Monats.

(mbu)