25. März 2008 12:58; Akt: 26.03.2008 13:33 Print

Zeit statt GeldZeit statt Geld

Das Prinzip ist eigentlich immer gleich: Für eine Dienstleistung wird nicht mit Geld bezahlt, sondern mit Zeit. Arbeitstauschnetze haben in den letzten Jahren auch in der Schweiz Fuss gefasst. Und die Anhängerschaft wächst.

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Ob Pensionierte, Arbeitslose oder Leute, die sich einfach mal was gönnen wollen, wofür sie sonst kein Geld ausgeben würden - die Motivation, bei einem Tauschring mitzumachen, ist meist so unterschiedlich wie die Palette der Dienstleistungen, die angeboten werden. Für Walter Bruppacher, Präsident des 1998 gegründeten Luzerner Tauschnetzes, ist der Grundgedanke bedeutend: «Eine Stunde ist eine Stunde. Die Arbeit eines Rechtsanwalts hat hier den gleichen Wert wie die einer Putzfrau.» Und noch aus einem anderen Grund imponiert ihm das Modell von Tauschnetzen. Wer damit liebäugle, selbstständig zu werden, könne gefahrlos den Markt testen und ausprobieren, wie die eigene Dienstleistung ankomme.

Ursprünglich aus dem Arbeitslosentreff heraus entstanden, fand das Projekt in Luzern immer mehr Interessenten. Mittlerweile zählt das Tauschnetz rund 230 Mitglieder und gehört damit zu den grössten in der Schweiz. Etwa 1.700 Stunden werden pro Jahr umgesetzt. Mit dieser rasanten Entwicklung sind laut Bruppacher aber nicht alle glücklich. Einige Verantwortliche wünschten sich wieder einen kleineren Rahmen; auch wegen des organisatorischen Aufwands. Eine Lösung wäre für Bruppacher eine Internet-Plattform, die die lokalen Organisationen vernetzt und sie administrativ entlastet.

Dafür bräuchte es aus Sicht von Heidi Lehner vom MoneyMuseum in Zürich, das die Entwicklung der Tauschringe in der Schweiz beobachtet, einen einheitlichen Software-Standard. Bestrebungen in diese Richtung seien bereits in Gang, mit einem speziellen Programm aus den Niederlanden. Dennoch glaubt Lehner nicht, dass Tauschringe in der heutigen Form in grossem Stil Fuss fassen werden. «Ich sehe die Chance, dass sich Tauschringe längerfristig und in weiteren Bevölkerungsschichten etablieren könnten darin, dass bestehende Dienstleister wie Spitex, Pro Senectute, das Schweizerische Rote Kreuz, Gemeinschaftszentren oder auch Jugendorganisationen den Zeittausch nutzen.» Ähnliche Überlegungen hat auch Bundespräsident Pascal Couchepin angestellt. Sein Vorschlag sind Zeitgutscheine, die Rentner für Pflegearbeiten erhalten sollen und bei Bedarf später einlösen können. Beim Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) laufen derzeit Abklärungen für eine Machbarkeits- oder Konzeptstudie, wie es auf Anfrage hiess.

Nicht mit der Zeit als Tauscheinheit, sondern mit Talenten funktioniert der rund 250 Mitglieder zählende Verein Talent Schweiz. Die Höhe des Betrags verhandeln die Tauschpartner dabei selber. Die Organisation stützt sich auf die vom deutschen Kaufmann Silvio Gesell 1919 veröffentlichte Theorie der «natürlichen Wirtschaftsordnung», wonach Geld sich immer im Umlauf befinden und nicht gehortet werden sollte. Um dies zu garantieren, muss jemand, der viel Talent anhäuft, eine Gebühr bezahlen, wie Präsidentin Ursula Dold erklärt. Im Gegensatz zu anderen Tauschringen steht bei vielen Talent-Mitgliedern denn auch eine politische Motivation im Vordergrund. «Im Geld sind so viele Zinsen enthalten, die man sich sparen könnte», sagt Dold und zeigt sich überzeugt, «je mehr Menschen es im jetzigen Wirtschaftssystem schwer haben, desto beliebter werden regionale Tauschnetze.»

(dapd)