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16. Mai 2009 10:25; Akt: 22.05.2009 16:08 Print

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von Henning Steier - Eine Suchmaschine wie Wolfram Alpha gab es noch nie. Seit heute steht eine Vorversion im Netz. 20 Minuten Online hat ausprobiert, ob ernsthafte Konkurrenz für Google entstanden ist.

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Nach mehreren Jahren Entwicklungszeit und Millioneninvestitionen ist die lang erwartete Suchmaschine Wolfram Alpha verfügbar. Entwickelt wurde sie vom Unternehmen des britischen Physikers Stephen Wolfram, der mit seiner Software «Mathematica» reich und berühmt wurde. Das Programm übernimmt vor allem für Forscher rund um den Globus komplizierte Berechnungen. Zwar ist die Suchmaschine von jedem nutzbar, doch eine ähnliche Popularität wie Google dürfte sie zumindest in dieser Version nicht erreichen, wie ein Kurztest von 20 Minuten Online ergab. Das es sich um eine Vorversion handelt, lief die Webseite nicht immer stabil und hatte vor allem Probleme, wenn sie über Apples Browser Safari aufgerufen wurde. Es ist aber davon auszugehen, dass diese Kinderkrankheiten bald beseitigt werden, denn die jeweils neuesten Versionen von Firefox, Opera und Internet Explorer riefen Wolfram Alpha immer ohne Probleme auf.

Auf eigene Rechnung

Im Unterschied zu klassischen Suchmaschinen wie Google, Yahoo oder Microsofts Live Search hat Wolfram Mitarbeiter eingestellt, die jahrelang Daten gesammelt, aber auch Programme geschrieben haben, welche beispielsweise Informationen von Statistikbehörden ständig automatisiert abfragen und dem Nutzer dann so präsentieren wie er es wünschen könnte - als Zahl, Diagramm oder Bild zum Beispiel. Grundlage für das Erkennen der Nutzerinteressen ist der von Wolfram entwickelte Algorithmus. Ausserdem sollen die hinter der Webseite steckenden Computer auch selbstständig rechnen: Wenn man nach dem Namen eines Satelliten sucht, kalkuliert das System dessen Flugbahn sowie die Zeit der Anfrage und zeigt dem User, wo sich der Trabant befindet.

Wer reine Fakten wie diese sucht, wird von Wolframs Entwicklung gut bedient. Dies zeigt sich zum Beispiel, wenn man «New York» eingibt. Dann liefert die Suchmaschine auf einer übersichtlich strukturierten Seite unter anderem Informationen zu Bevölkerung, Wetter und Lage der US-Metropole. Bei Google bekommt man zwar auch umgehend eine Karte angezeigt, muss sich die anderen Daten aber beispielsweise aus dem oben angezeigten Wikipedia-Eintrag zusammensuchen. Nützlich allerdings: Der Suchmaschinenriese liefert auch gleich aktuelle Nachrichten aus Google News.

Vergleichbare Unternehmen

Ihre Stärken spielt die neue Suchmaschine aber beim Vergleich von Unternehmen aus. Trägt man «UBS» und «Credit Suisse» in die Maske ein, werden unter anderem Gewinne und Aktienkurse miteinander verglichen. In einem Pop-up-Fenster kann man sich die Quellen der Zahlen anzeigen lassen. Will man die beiden Schweizer Banken über Google miteinander in Beziehung setzen, schlägt einem die Seite zunächst «UBS Credit Suisse merger» also die Fusion der beiden - zumindest in der Eingabe - vor. Anschliessend bekommt der Nutzer mehrere Wochen alte Zeitungsartikel, aber auch aktuelle News präsentiert.

Einfache Rechenaufgaben bewältigt man mit Google und Wolfram Alpha gleichermassen intuitiv. Letztgenannte Webseite überzeugt aber auch bei schwierigen Formeln wie jenen von Einstein, die attraktiv grafisch aufbereitet werden. Mathematik-Muffeln dürfte dies das Leben zwar nicht leichter machen, für Kenner ist das aber sehr praktisch - wie in der Video-Präsentation von Stephen Wolfram zu sehen ist.

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Der heute 49-jährige Stephen Wolfram hat immer wieder betont, dass er die Webseite als «Antwortmaschine» wahrgenommen wissen möchte. Damit erfüllte sie den Wunsch vieler Webentwickler, die Lösungen liefern wollen, welche ihre Nutzer verstehen. Weil bislang nur englischsprachige Eingaben verstanden werden, testeten wir unter anderem Anfragen wie «GDP Switzerland», also das Schweizer Bruttoinlandsprodukt, die Summe aller hierzulande innerhalb eines Jahres produzierten Güter und Dienstleistungen. Tatsächlich liefert Wolframs Webseite direkt die richtige Antwort, während Google.ch wie so oft den Wikipedia-Beitrag zum Thema ganz oben präsentiert. Wie Ende April berichtet, hat der Suchmaschinenbetreiber allerdings in den USA bereits ein ähnliches Tool gelauncht. Es liefert den Nutzern unter anderem Grafiken und Zahlen zu den Themen Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsentwicklung. Hier ist also davon auszugehen, dass sich die beiden Anbieter ein Wettrennen darum liefern werden, wer die neueren und umfassenderen Fakten liefert und diese weltweit verfügbar macht. Im Unterschied zu Google versteht Wolfram Alpha aber richtige Fragen, also «What is the GDP of Switzerland?». Was für Menschen trivial ist, das ist für einen Computer immer noch eine grosse Leistung. Google liefert zwar auch hierzulande schon Treffer, welche die Frage beantworten, aber eben nicht direkt.

Die im Video gezeigten Möglichkeiten funktionierten auch im Test von 20 Minuten Online tadellos: Ob das Ergebnis gemischter Farben, Genetik-Fragen der Aufbau von Akkorden: Die Suchmaschine verstand unsere Anfragen und lieferte auch immer Ergebnisse oder Hinweise, an die wir selbst oftmals nicht gedacht hatten. Ernüchternd waren allerdings die Treffer zu Prominenten wie Britney Spears oder Peer Steinbrück, denn entweder kam die Meldung «Wolfram|Alpha isn't sure what to do with your input.» oder es wurde nur angezeigt, dass es beispielsweise um eine Sängerin handelt. Auch Anfragen zu Sport und Kunstthemen verstand die Webseite nicht in unserem Sinne. Hier liegt Google klar vorn.

Fazit

Allzu grosse Veränderungen hat es bei Suchmaschinen in den vergangenen Jahren nicht mehr gegeben. Der Nutzer gibt immer noch etwas ein, muss dabei auf geschickt kombinierte Begriffe achten und bekommt dann Treffer angezeigt, unter denen hoffentlich die gewünschten Informationen zu finden sind. Mit Googles schon in den USA nutzbaren Tools und Wolfram Alpha wird die Recherche im Netz auf eine neue Ebene gehoben, wenn man die Präsentation der Ergebnisse betrachtet. Wolfram Alpha hat Google - was das Verstehen der Nutzerwünsche angeht - noch einiges voraus. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Platzhirsch die besten Features schnell übernehmen wird. Dafür spricht auch, dass einer der Unternehmensgründer, Sergey Brin, zu Studienzeiten Praktikant in Wolframs Unternehmen war und die Neuentwicklung vor ihrem Start persönlich vorgestellt bekommen hat. Die hinter Wolfram Alpha steckende Technologie wäre sicherlich auch für andere Konkurrenten interessant. Sollte Wolfram nicht bald seine Datenbasis verbreitern und damit auch für populäre Anfragen wie jene nach Stars und Sportergebnissen interessant werden, könnte die neue Suchmaschine allerdings in ihrer Nische bleiben und vor allem für Naturwissenschaftler erste Wahl sein.