Angekündigter Selbstmord

05. August 2008 14:58; Akt: 28.08.2008 10:24 Print

Russische Cyber-Ganoven attackieren Spam-Jäger

von Adrian Müller - Tausende Schweizer erhielten heute ein fingiertes E-Mail, in dem ein Spam-Jäger aus Zürich seinen Selbstmord ankündigt. Doch der angeblich Lebensmüde ist wohlauf – allerdings ziemlich geschockt ob der dreisten Attacke. Hinter dem Angriff vermutet er die russische Internet-Mafia.

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Wallisellen, Dienstagmorgen um zwei Uhr in der Früh: Beamte der Kantonspolizei Zürich holen den angeblichen Selbstmörder Roman Hüssy in seiner Wohnung in Wallisellen ZH aus dem Bett. Dem verdutzten Informatiker erklären die Ordnungshüter, dass bei der Polizei zahlreiche Hinweise auf einen bevorstehenden Selbstmord Hüssys eingegangen seien.

Dass die Polizei darauf aufmerksam gemacht wurde, erstaunt nicht. An insgesamt 100 000 Schweizer E-Mail-Adressen wurde in der Nacht ein mysteriöses E-Mail verschickt, das den angeblichen Selbstmord von Hüssy ankündigt. Auch 20-Minuten-Online-User und Computer-Spezialist Maurizio Garofalo zeigte sich sehr besorgt, als er das E-Mail (siehe Infobox) in seinem Posteingang bemerkte – und alarmierte die Polizei. «Der Server, über welche die Mailadresse läuft, ist vor Spam geschützt. Darum hielt ich die Drohung für glaubwürdig.» Garofalo war nicht der Einzige: «Bei uns gingen wahnsinnig viele Mails von Betroffenen ein», erklärt ein Sprecher der Kantonspolizei Zürich.

Spam-Attacke trägt russische Handschrift

Der Betroffene selbst ist nicht nur wohlauf, er hatte auch nie irgendwelche Selbstmordabsichten. Für den Spam-Jäger Hüssy ist allerdings bereits klar, wer hinter der Attacke auf seine Person steckt: «Die so genannte Joe-Job-Attacke trägt die Signatur der russischen Internet-Mafia.» Diese ist sauer auf den Betreiber des «Swiss Security Blogs» www.abuse.ch: Auf seiner Webseite warnt Hüssy regelmässig vor Sicherheitslecks auf Internet-Seiten.

Kürzlich thematisierte er dort einen Trojaner-Virus, mit welchem sich russische Internet-Kriminelle Zugang zu Bankkonten verschafften. Durch den Warnhinweis verloren die Russen den Zugang zu den Konten – und damit viel Geld. Die fingierte Selbstmord-Drohung sieht Hüssy deshalb als Rache der Cyber-Gangster an. Bereits vergangenen Mittwoch seien seine Server lahmgelegt worden.

«Weiss nicht, wie es weiter geht»

Die Internet-Kriminellen greifen Hüssy frontal an: Im Mail ziehen sie sogar über seine Freundin her: «Als ich das Mail las, war ich schockiert. Darauf habe ich sofort meine Familie über die Fälschung informiert», erklärt Hüssy. Weiter erhielt er über 50 Anrufe und dutzende E-Mails – neben besorgten Freunden hätten sich sogar Seelsorger gemeldet.

Die Vorkommnisse treffen den Spam-Jäger schwer: «Nach dem Angriff muss ich überdenken, wie es weiter geht – ob ich auf dem richtigen Weg bin.» Momentan sieht man ohnehin nur schwarz: Als Sofortmassnahme hat Hüssy seine Webauftritte bis auf weiteres abgestellt - und Anzeige gegen Unbekannt erhoben.