Geolocation-Dienst

17. Mai 2010 14:58; Akt: 20.02.2012 11:49 Print

«Das wäre mir zu einfach»

von Henning Steier - Dennis Crowley verliess Google im Zorn und gründete Foursquare. Im Interview mit 20 Minuten Online spricht er über Kunden in der Warteschlange, Datenschutzprobleme und Gratis-Kaffee für Bürgermeister.

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Foursquare.com setzt auf das Geschäft mit Geodaten.

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Dass bei Foursquare noch manches an die Gründerzeit erinnert, wurde zu Beginn des Telefon-Interviews deutlich. Gründer Dennis Crowley verbrachte nämlich geschlagene zwei Minuten damit, sich von einem Kollegen ein Headset auszuleihen. Ausserdem machte ihm der Regen in New York zu schaffen. «Ich bin seit vier Wochen krank», erzählte er, «deswegen musste ich kürzlich auch den Veranstaltern der Web-Konferenz next in Berlin absagen, die in diesem Jahr unter dem Motto «Game Changers» stand.» Und ein solcher ist Crowley ohne Zweifel, denn sein vor einem Jahr ins Netz gegangenes Start-up Foursquare.com lässt Mitglieder freiwillig ihren Standort über ihr Smartphone verraten und so genannte Bürgermeister jener Orte werden, die sie öfter als jeder andere aufgesucht haben. Was banal klingt, scheint vielen Spass zu machen. Denn der Dienst verzeichnet ein rasantes Wachstum.

Communities wie Foursquare sind aber auch attraktiv für Unternehmen, weil sie potenzielle Kunden dort erreichen können, wo sie gerade sind. Nutzer nehmen beispielsweise Werbung für günstige Cocktails in einer Bar nahe ihrer Arbeitsstätte als Serviceangebot statt als Belästigung wahr. Die Analysten von Jupiter Research sagten derartigen Diensten Anfang März für 2014 ein Marktvolumen von 12,7 Milliarden US-Dollar voraus. Doch Foursquare ist längst nicht mehr allein. Konkurrenten wie Gowalla, Brightkite und Booyaah tummeln sich im Markt.

Auch bekannte Web-Grössen wie Twitter, Facebook und Google wollen im Geschäft mit den Geodaten ihrer User mitmischen. Grund genug für 20 Minuten Online bei Dennis Crowley nachzufragen, wie sein Unternehmen überleben soll.

Wie viele Nutzer hat Foursquare in der Schweiz?
Ich habe keine Ahnung, denn wir haben keine Tools, mit denen wir sie länderweise erfassen könnten. Insgesamt haben wir 1,2 Millionen Mitglieder, von denen 40 Prozent nicht aus den USA kommen, 20 Prozent stammen aus Europa, fünf Prozent aus Asien. Kürzlich konnten wir 40 Millionen Check-ins verzeichnen, pro Tag kommen rund 500 000 dazu.

Das sind beeindruckende Zahlen, welche sicherlich auch grossen Webfirmen nicht entgangen sind. Carol Bartz gab sich kürzlich äusserst schmallippig, als sie von der Zeitung «Guardian» nach Übernahmeplänen gefragt wurde. Es soll um einen Kaufpreis von 100 Millionen US-Dollar gehen. Hat sich die Yahoo-Chefin schon bei Ihnen gemeldet?
Vorab: Es gibt viele Unternehmen, die sich für unser Geschäft interessieren. Zurzeit prüfen wir verschiedene Angebote. Wir haben auch schon mit Leuten von Yahoo gesprochen.

Stimmt es, dass Sie sich unlängst mit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg getroffen haben, wie TechCrunch berichtete?
Wie gesagt: Wir sprechen mit Mitarbeitern vieler Unternehmen. Zurzeit kümmern wir uns vor allem um eine weitere Risikokapitalspritze, denn unser Geld wird im Sommer verbraucht sein.

Die Community scheint Ihnen Konkurrenz machen zu wollen - mit einer Funktion, dank der man an Orten einchecken kann. Dies legt JavaScript-Code auf touch.facebook.com nahe. Zeit, noch schnell Kasse zu machen? Immerhin nähert sich Facebooks Nutzerzahl der 500-Millionen-Marke.
Auch Google und Twitter bieten es ihren Nutzern an, Geodaten anzugeben. Ausserdem haben wir zahlreiche direkte Konkurrenten wie Gowalla und Brightkite. Ich denke, dass der Markt gross genug für mehrere Anbieter sein wird. Am Ende liegt das attraktivste Angebot vorn. Attraktivität heisst für uns auch Freiheit von Werbebannern. Wir setzen stattdessen auf Kooperationen wie unsere aktuelle mit Starbucks. Bis zum 28. Juni erhalten Bürgermeister von US-Filialen der Kette jeweils einen Dollar Rabatt auf einen Frappucino.

Können Bürgermeister in Europa auch gratis Kaffee trinken?
Es gibt beispielsweise schon eine Kooperation mit der Restaurant-Kette Vapiano: Bürgermeister von deutschen Filialen bekommen einen Kaffee gratis. Zurzeit sind wir 20 Leute, im Herbst waren wir erst vier. Zwölf unserer Angestellten sind Entwickler, wir werden unser Business Development also noch aufstocken müssen. Denn wir haben zwar bereits rund 2500 kleine Geschäfte als Partner gewonnen, rund 10 000 stehen aber noch in der Schlange.

Wie lange müssen sie da noch bleiben?
Wir müssen sicher sein können, dass den Kunden die Geschäfte gehören, von denen sie angeben, dass sie ihre sind. Wir entwickeln gerade ein sprachgesteuertes Telefonangebot, über das man dies nachweisen kann. Das Ganze von Mitarbeitern händisch erledigen zu lassen, wäre viel zu teuer. Im Juni werden wir erste Tests durchführen.

Seit Sommer 2009 gab es Beschwerden von Nutzern, dass andere User das System ausgetrickst und sich unberechtigt zum Bürgermeister ihrer Lieblingsorte aufgeschwungen hätten. Warum haben Sie bis April gebraucht, um das Problem anzugehen?
Es waren nur Einzelne, die sich einen Spass daraus gemacht haben, Foursquare auszutricksen. Wer heute auf dem Sofa sitzt und uns vormachen möchte, dass er bei Starbucks ist, kann dies zwar tun, denn wir lassen ihn nach wie vor einchecken. Aber nun gleichen wir GPS-Koordinaten und Angaben des Nutzers ab. Falls wir auf Widersprüche stossen, erhält derjenige unter anderem keinen Bürgermeistertitel oder irgendwelche Specials. Falls sich jemand fälschlicherweise ausgeschlossen fühlt, kann er uns dies über ein eigenes eingerichtetes Web-Formular mitteilen.

Von wie vielen Orten sind Sie Bürgermeister?
Von einem, denn in New York ist es schwierig, weil wir so viele Nutzer haben und natürlich arbeite ich auch meistens zu lange. Immerhin hat es für eine Bar namens Scratcher gereicht - direkt gegenüber unserem Büro.

Foursquare wäre sicherlich auch eine gute Partnerbörse. Haben Sie solche Pläne?
Das wäre in der Tat interessant. Aber die Idee hatten schon andere, denen wie unsere API zur Verfügung stellen: die Macher von StreetSpark. Üb er die App kann man unterwegs nach passenden Partnern suchen. Lieblingsorte sagen sicherlich genauso viel über einen Menschen aus wie Musikgeschmack oder Wohnungseinrichtung. Etwas Ähnliches hatte ich übrigens mit meinem Unternehmen Dodgeball vor, das ich 2005 an Google verkaufte.

Dodgeball ging in Googles Dienst Latitude auf. Sie verliessen den weltgrössten Suchmaschinenanbieter und beschrieben es als «unglaublich frustrierend», dass Google nicht daran geglaubt zu haben schien. Ist Foursquare Ihre Rache?
Das wäre mir zu einfach.

Google und Facebook machen immer wieder Schlagzeilen mit Datenschutzproblemen, Foursquare bislang nicht. Warum?
Es ist ganz einfach, dies nicht zu tun, wenn man erkannt hat, was der Nutzer möchte. Mitglieder teilen ihren Aufenthaltsort nur mit anderen, wenn sie dies möchten. Es wird kompliziert, wenn man annimmt, der User wollte etwas mit anderen teilen, obwohl dies gegen seinen Willen ist - wie zum Start von Google Buzz geschehen. Facebook hatte bekanntlich bei seinen neuen Einstellungsmöglichkeiten zur Privatsphäre auch standardmässig vorgegeben, dass man seine Status Updates mit der Webwelt teilt.

Warum sind diesen ebenso grossen wie professionellen Unternehmen derartige Fehler passiert?

Das war doch kein Zufall. Wenn man Google ist und mit Buzz gegen Twitter antreten möchte, dann ist es ratsam, erst einmal jeden für alle aus Unternehmenssicht lohnenden Funktionen anzumelden.

Facebook ist die unangefochtene Nummer 1 bei sozialen Netzwerken...
Vielleicht geht man dort davon aus, dass man diese Position auf Dauer nur durch solche Manöver halten kann.