Hirnforschung

26. Oktober 2010 11:15; Akt: 22.11.2010 09:59 Print

«Leider regt sich darüber kaum jemand auf»

von Henning Steier - Das Internet schränkt unsere geistigen Fähigkeiten ein, behauptet Autor Nicholas Carr und verrät im Interview, warum er trotzdem nicht offline geht.

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Das Internet liefert zwar schnell Informationen, lässt aber wenig Zeit zum Nachdenken. Symbolbild: Colourbox

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Dass über ein Buch ein Wikipedia-Beitrag verfasst wird, ist nichts Besonderes, Zeitschriftenartikel erhalten hingegen relativ selten einen Eintrag in der freien Internet-Enzyklopädie. Als Nicholas Carr im Sommer 2008 für das US-Magazin «Atlantic Monthly» die Titelgeschichte «Macht Google uns dumm?» schrieb, dauerte es nicht lange, bis diese entsprechend gewürdigt wurde.

«Mich in ein Buch zu vertiefen war einmal so einfach», erinnerte sich der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift «Harvard Business Review», «mein Gehirn folgte gespannt einer Argumentation oder Handlung und ich vergass die Zeit. Das passiert heute nur noch selten. Meine Konzentration schwindet nach zwei oder drei Seiten und ich überlege mir, was ich sonst noch tun könnte.» Einst sei er Tiefseetaucher im Ozean der Wörter gewesen und nun rase er gleichsam mit einem Jetski über denselben. Für sein kürzlich auf Deutsch erschienenes Buch «The Shallows: What the Internet Is Doing to Our Brains» (siehe Infobox) griff der 51-Jährige seinen Google-Essay auf und erweiterte die Kernthese, dass die immer stärkere Nutzung des Internets das menschliche Gehirn verändert. Die Fähigkeit zur Reflexion gehe immer mehr verloren, schreibt Carr, an ihre Stelle trete oberflächliches Denken, weil der Mensch auf das Netz als Langzeitgedächtnis angewiesen sei.

20 Minuten Online: Wie ändert sich unser Denken durch die stetig zunehmende Nutzung des Netzes?
Nicholas Carr: Das Internet fördert pragmatisches Denken- beispielsweise: Wie kann man ein aktuelles Problem lösen? Dazu ist das Internet wirklich gut geeignet, weil es einem schnell Informationen liefert und man sie nahezu in Echtzeit mit anderen austauschen kann. Was dabei verloren geht, ist die dauerhafte Konzentration auf etwas, aber auch offenes Denken, das vielleicht erst einmal zu nichts führt. Konzeptionelle, strategische oder kritische Überlegungen brauchen Zeit und Musse. Unsere Web-Tools und Gadgets lenken uns oft zu stark ab.

In Ihrem Buch erwähnen Sie den niederländischen Psychologen Ap Dijksterhuis von der Universität Nijmegen, der herausgefunden haben will, dass solche Ablenkungen dem Unterbewusstsein Zeit geben, sich auf ein Problem einzustellen. So sollen Informationen und Denkprozesse ermöglicht werden, auf die man bewusst nicht gekommen wäre.
Seine Forschungen zeigen aber auch, dass unbewusste Prozesse im Gehirn erst anlaufen können, wenn wir ein Problem eindeutig und bewusst erkannt haben. Die stetige Zerstreuung, die das Internet bietet, sollte man nicht mit der zeitweiligen, absichtsvollen Abschweifung gleichsetzen, die unser Denken erfrischt. Grob verkürzt: Die Kakophonie der Reize schliesst bewusstes und unbewusstes Denken kurz. Wir können weder konzentriert noch kreativ sein.

Welche Auswirkungen hat dies auf unser Gedächtnis?
Wenn unser Kurzzeitgedächtnis ständig mit Daten überflutet wird, überträgt es diese nicht ins Langzeitgedächtnis. Nur wenn das funktioniert, werden alte mit neuen Informationen verknüpft, so dass wir unser Wissen erweitern können.

Sie zitieren viele Studien in ihrem Buch, die zwar kurzfristige Veränderungen der Fähigkeiten ihrer Teilnehmer liefern. Keine beweist allerdings, dass sich das Gehirn durch die dauerhafte Internetnutzung langfristig ändert.
Psychologie und Gehirnforschung haben ein Problem: Man kann die Hirne gesunder Menschen nicht aufschneiden, um sie zu analysieren. Was ich versucht habe, war mir alle wichtigen Studien zum Thema anzuschauen. Keine einzige Studie krempelt allein unser Weltbild um, aber alle zusammen geben ein paar Hinweise. So will Gary Small, Professor der Psychiatrie an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, nachgewiesen haben, dass sich das menschliche Gehirn durch die Internetnutzung verändert. Es wurden zwölf erfahrene Webnutzer und ebenso viele Gelegenheitssurfer untersucht, während sie mit Google im Web suchten.

Welche Ergebnisse erhielten die Forscher dabei?
Scans zeigten, dass die geübten Googler ein Netzwerk in der linken, vorderen Hirngegend, dem dorsolateralen, präfrontalen Kortex, nutzten. Die unerfahrenen Anwender zeigten in diesem Bereich fast keine Aktivität. Beim Lesen eines Buches zeigten sich zwischen den beiden Gruppen keine nennenswerten Unterschiede. Wir wissen nicht, ob die Veränderungen langfristig anhalten. Was aber klar ist: Kurzfristige Veränderungen enden nicht, wenn man den Rechner herunterfährt, sondern halten durchaus für gewisse Zeitspannen an.

Der Titel Ihres Buches suggeriert, dass uns das Internet langfristig dümmer machen könnte. Was sagen Sie zum Thema kollektive Intelligenz? Menschen können Dinge gemeinsam tun, die sie sonst nicht könnten - beispielsweise einen guten Wikipedia-Artikel erstellen
Das stimmt. Auch ich habe natürlich beim Schreiben meines Buches davon profitiert, was Einzelne ins Netz gestellt haben. Doch die Websuche führt dazu, dass im Web veröffentlichte Werke zerstückelt werden. Suchmaschinen lenken unsere Aufmerksamkeit auf ein paar Wörter, die für den Augenblick wichtig sein mögen. Der Anreiz, das jeweilige Werk ganz zu lesen, ist nicht gegeben.

Beneidenswert, wer die Zeit dazu hat. Wissenschaftliches Arbeiten ist doch heute ohne Google Books kaum noch denkbar.

Lassen Sie es mich so sagen: Wenn wir das Netz durchsuchen, sehen wir den Wald nicht. Wir sehen nicht einmal die Bäume, stattdessen nur Zweige und Blätter.

Das Internet besteht aber längst nicht mehr nur aus Texten, in denen Links den Nutzer ablenken und zum Ansteuern der nächsten Website verleiten könnten. Bilder, Videos und Sounddateien können helfen, etwas besser zu verstehen.
Das mag für pädagogisch wertvolle Websites gelten, aber die meisten sind nicht von Lehrern erstellt worden, so dass sie Informationen nicht in einem sorgfältig gewählten Verhältnis präsentieren, sondern in einer Mixtur, die es einem kaum möglich macht, sich zu konzentrieren.

Wenn man Ihnen zuhört, gewinnt man den Eindruck, sie sässen zuhause im Ohrensessel und trauerten der guten alten Zeit nach. Liegt auf dem Couchtisch ein eBook-Reader?
Nein, denn ein eBook ist so wenig ein Buch wie eine Nachrichtenseite eine Zeitung ist. Denn elektronische Bücher werden ständig erweitert, also beispielsweise mit Links und Multimedia-Elementen versehen. So schlägt man beispielsweise etwas zu einem Werk im Netz nach und schon hört man auf zu lesen, weil man sich in dessen Weiten verirrt.

Mussten Sie offline gehen, um Ihr Buch schreiben zu können?
Ganz ausklinken konnte ich mich natürlich nicht. Aber ich habe versucht, E-Mails und Instant Messages seltener zu beantworten und weniger Tweets zu lesen.

Sind Sie also am anfälligsten für Ablenkung durch Online-Kommunikation oder Surfen auf Websites?
Dank Facebook, Twitter und Co. entwickelt sich das Netz weg von Websites und hin zum Stream. Dadurch fällt es noch schwerer, sich zu konzentrieren.

Ihr Buch basiert auf Ihrem Artikel «Macht Google uns dumm?». Sie schreiben, dass Ihnen die Sicht der Google-Gründer aufs Gehirn nicht gefällt. Was meinen Sie damit?
Larry Page und Sergey Brin sehen es als Computer, den man immer effizienter arbeiten lassen muss. Es gibt keinerlei Raum für kontemplatives, offenes Denken, das nicht sofort ein Problem löst und daher nicht mit Effizienzkriterien gemessen werden kann. Das Ganze ist natürlich auch ein Geschäftsprinzip. Je häufiger wir etwas bei Google eingeben, desto mehr Anzeigen sehen wir, mit denen die Suchmaschinen das Gros ihres Umsatzes erzielt. Man denke nur mal an die Funktion Google Instant: Dank der Treffer während einer Eingabe kann Google mehr Werbung anzeigen.

Sie liefern in Ihrem Buch keine Tipps oder Lösungen für die von Ihnen beschriebenen Probleme. Warum?
Das war nicht mein Ziel. Ich wollte die Menschen auf negative Aspekte der Internetnutzung aufmerksam machen. Mit Ratschlägen ist man schnell bei der Hand: Das Geschäftshandy am Wochenende ausschalten und so weiter. Schwieriger ist es, die Gewohnheiten des Umfelds zu ändern. Falls alle ihr Leben über Twitter und Facebook organisieren, könnte man schnell isoliert werden. Es ist schlimm, dass vor allem im Job viele Leute keine Wahl haben. Es wird erwartet, dass sie ständig erreichbar sind. Früher bekam man Abwesenheitsnotizen, laut denen jemand im Urlaub sei und daher keinen Zugang zu seinen E-Mails hätte. Mittlerweile sehe ich immer öfter solche, laut denen Nachrichten nicht regelmässig gelesen würden. Leider regt sich darüber kaum jemand auf.


Schreiben Sie uns bitte Ihre Meinung im Talkback. Macht das Internet Ihr Leben leichter oder seine ausgiebigen Nutzer langfristig dümmer?

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Internet-User in Hell am 26.10.2010 14:39 Report Diesen Beitrag melden

    Er hat recht.

    Tatsächlich kann ich das bestätigen. Ich habe vor rund 2 Jahren mit massiven Konzentrationsschwächen, Motivationsverlust und Depressionen angefangen Hilfe zu suchen. Alles lief auf ein Burn-Out Syndrom hinaus, aber einige Sachen sind anders. Ich habe dieses Jahr ein paar Monate eine Auszeit genommen und über diese ganze Zeit aufgehört das Internet, ja sogar aufgehört ein Handy zu benutzen. Dies half wieder zu gewissen «Normalitäten» zurückzufinden. Das Problem ist aber nicht im Griff. Bei der Arbeit, wieder verdammt im Internet zu sein, sich täglich Informationen zusammen zu suchen...

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  • georg am 26.10.2010 17:40 Report Diesen Beitrag melden

    realität

    die zeiten ändern sich und nicht alles neue ist gut. ja schon in der schule fängt man an mit abwechslung zu lernen. es ist unsere freiheit wofür wir zahlen. auf uns prallen viele informationen und nicht nur die konzentration kann darunter leiden sondern auch die realität, weil man das findet, was man als gut empfindet, ob es stimmt oder nicht spielt keine rolle. die pisa studie zeigt, dass länder mit wenig hilfsmitteln und disziplin am besten sind.

  • Generation Computer am 26.10.2010 15:24 Report Diesen Beitrag melden

    Schuldzuweisung

    Immer das gleiche! Hat man ein Problem, sucht man sich einen Sündenbock. Diesmal hat's das Internet erwischt :D Ich habe jedenfalls keine Konzentrationsschwierigkeiten und nutze das Internet täglich seit Jahren.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Fürst am 04.11.2010 07:31 Report Diesen Beitrag melden

    Fraglich!

    Die aussage dieser These ist trotz allem mehr als nur fraglich, und wiederspricht sich im Grundsatz eigentlich gleich selbst, weil als Argument aufgeführt wurde dass man früher sein Wissen aus Büchern bezogen haben soll, heute hat man dazu wohl das Internet, nur hat sich dort ausser dem Medium eigentlich nichts geändert und man liest seine Informationen nach wie vor auf genau selbe Weise wie damals. Einziger Denkanstoss sollte bei allem sein dass man sich vor der Problemlösung vielleicht mal selbst ein wenig den Kopf zerbrchen sollte bevor man unüberlegt zum Internet oder Telefon greift!

  • georg am 26.10.2010 17:40 Report Diesen Beitrag melden

    realität

    die zeiten ändern sich und nicht alles neue ist gut. ja schon in der schule fängt man an mit abwechslung zu lernen. es ist unsere freiheit wofür wir zahlen. auf uns prallen viele informationen und nicht nur die konzentration kann darunter leiden sondern auch die realität, weil man das findet, was man als gut empfindet, ob es stimmt oder nicht spielt keine rolle. die pisa studie zeigt, dass länder mit wenig hilfsmitteln und disziplin am besten sind.

  • Generation Computer am 26.10.2010 15:24 Report Diesen Beitrag melden

    Schuldzuweisung

    Immer das gleiche! Hat man ein Problem, sucht man sich einen Sündenbock. Diesmal hat's das Internet erwischt :D Ich habe jedenfalls keine Konzentrationsschwierigkeiten und nutze das Internet täglich seit Jahren.

  • Internet-User in Hell am 26.10.2010 14:39 Report Diesen Beitrag melden

    Er hat recht.

    Tatsächlich kann ich das bestätigen. Ich habe vor rund 2 Jahren mit massiven Konzentrationsschwächen, Motivationsverlust und Depressionen angefangen Hilfe zu suchen. Alles lief auf ein Burn-Out Syndrom hinaus, aber einige Sachen sind anders. Ich habe dieses Jahr ein paar Monate eine Auszeit genommen und über diese ganze Zeit aufgehört das Internet, ja sogar aufgehört ein Handy zu benutzen. Dies half wieder zu gewissen «Normalitäten» zurückzufinden. Das Problem ist aber nicht im Griff. Bei der Arbeit, wieder verdammt im Internet zu sein, sich täglich Informationen zusammen zu suchen...

    • Peschä am 26.10.2010 16:47 Report Diesen Beitrag melden

      Und warum soll das Internet an Ihren

      Problemen schuld sein? Solche Schwierigkeiten können viele Ursachen haben, oft ist es eine unglückliche Kombination von zahlreichen Faktoren, die einzeln zwar durchaus zu bewältigen wären, wenn sie aber alle aufs Mal eintreten, läuft irgend wann gar nichts mehr. Ich wünsche Ihnen auf alle Fälle alles Gute. Genau so, wie solche Probleme auftreten können, können sie auch wieder verschwinden, sobald es wieder besser läuft.

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  • Gutest8910 am 26.10.2010 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Wiederspruch Teil 2

    Je nachdem, wann man angefangen hat Fern zu sehen sind diese Symptome stark oder weniger stark. Es ist wie wenn ihr einen langweiligen Film anschaut: was macht der Normalo? Genau, er wechselt zu einem Anderen Sender. Dieses Verhalten übernimmt dann auch mit der Zeit unser Gehrin. Man ist etwas am lesen, aber es wirkt nicht interessant, also denkt man an etwas anderes. Lieber mal etwas in diese Richtung forschen ;)