Illegales Filesharing

03. September 2009 12:24; Akt: 03.09.2009 17:47 Print

Der Sargnagel wird tiefer eingeschlagen

von Henning Steier - Das Gratis-Programm «Songbeat 360» ist eine an iTunes erinnernde PC-Jukebox, die 50 000 Hits für 15 Franken liefert. Hierzulande können Piraten sie ungestraft nutzen.

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Anfang Dezember 2008 berichtete 20 Minuten Online unter dem Titel «Der Sargnagel für die Musikindustrie» über ein kleines Programm namens «Songbeat», mit dem sich leicht und schnell Musik aus dem Internet herunterladen liess. Wer einmalig 30 Franken zahlte und sich nicht um Urheberrechte kümmerte, konnte sich unbehelligt die Festplatte füllen. Für Schweizer Piraten war das Tool besonders attraktiv, weil hierzulande der reine Download noch immer nicht unter Strafe gestellt ist. «Songbeat» erinnerte vom Design her an eine Jukebox. Wer einen Künstler oder einen Song in die Suchmaske eingab, bekam binnen Sekunden hunderte Treffer angezeigt. Mit einem Klick liessen sich dann die gewünschten Stücke herunterladen.

In der Schweiz passierte nichts, in Deutschland hingegen erwirkte die Plattenfirma Warner Musik eine einstweilige Verfügung gegen die Berliner Macher des Programms, Marco Rydmann und Philip Eggersglüss, sowie ihr Unternehmen Songbeat GmbH. Die Entwickler legten Berufung beim Oberlandesgericht der Hansestadt ein, entschieden wurde bislang nichts. Nun prescht allerdings ein neues Unternehmen, die Songbeat Distribution Ltd., vor. Geschäftsführer Claudio Fritz-Vietta erwarb den Markennamen und die Lizenz zum Vertrieb des Tools, welches seit zwei Tagen leicht verändert als «Songbeat 360» zum Download angeboten wird.

Jede Suche kostet einen Credit

Wichtigste Änderung im Geschäftsmodell: Wer vorher umgerechnet 30 Franken zahlte, konnte so viel Musik herunterladen wie er wollte. Nun erhalten Downloader des Programms einmalig 50 Gratis-Credits. Einer davon entspricht einer Suche, die bis zu 50 Treffer liefert. Erhält man mehr Songs eines Interpreten, kann man zwar herunterscrollen, wird dann aber einen weiteren Credit los, von denen 1000 bis zu 50 000 Songs liefern sollen - für umgerechnet etwa 15 Franken. Sind die Credits verbraucht, kann man neue erwerben. An der Benutzeroberfläche, die in der obigen Bilderstrecke zu sehen ist, hat sich nicht viel verändert.

Claudio Fritz-Vietta ficht das Hamburger Urteil nicht an: «Es erging gegen die GmbH und deren Gründer. Ausserdem können Rechteinhaber wie bei jeder Suchmaschine uns über einen Link den Missbrauch ihrer Songs mitteilen. Wir entfernen sie dann aus unserem Index», sagte er 20 Minuten Online. Die Limited ist auf den Kaimaninseln registriert, das Unternehmen arbeitet vorwiegend von Hongkong aus. Johannes Börker von IFPI Schweiz, dem Verband der Musikindustrie, sagte 20 Minuten Online, dass das ganze Konstrukt nicht überraschend sei, da sich solche Anbieter meistens Regionen aussuchten, in denen man ihnen nicht so leicht beikommen könne.

Verlorene Generation

Im Jahr 2008 wurden weltweit nach IFPI-Schätzungen 40 Milliarden Songs illegal ausgetauscht, legal erworben wurden hingegen nur 1,5 Milliarden. «Wir wollen die Kunden mit «Songbeat 360» wieder ans Bezahlen gewöhnen. Denn eine Generation ist für die Industrie bereits verloren, weil sie mit illegalem Filesharing aufgewachsen ist», sagte Fritz-Vietta gegenüber 20 Minuten Online. Laut Johannes Börker von IFPI Schweiz stimme man mit ihm überein, dass ein Teil der Kundschaft wieder daran gewöhnt werden muss, dass für Musik wie für jede andere Ware auch bezahlt werden muss, aber sein Geschäftsmodell habe man nicht ganz verstanden. «Unklar ist uns, wie Produzenten, Interpreten, Autoren und Musikverlage die ihnen von Gesetzes wegen zustehenden Einnahmen erhalten, wenn es bis zu 50 000 Songs für umgerechnet nur rund 15 Franken gibt. Wie die auf alle Berechtigten verteilt werden und wie gleichzeitig auch noch Songbeat Geld damit verdient, können wir uns nicht vorstellen», so Börker weiter. Ferner meine man verstanden zu haben, dass «Songbeat 360» auf Aufnahmen aus dem Internet zurückgreift, ohne dass es sich dabei notwendigerweise um solche handelt, die sich dort legalerweise befinden und für die man eine Lizenz hat.

IFPI Schweiz hat gemäss Börker die Macher von «Songbeat» nie kontaktiert, da sie von Deutschland aus tätig waren. Daniel Knöll, Sprecher des deutsche Bundesverbands Musikindustrie sagte gegenüber 20 Minuten Online: «Das Perfide an diesem Angebot ist, dass Nutzern suggeriert wird, weil sie zahlen, sei alles legal. Faktisch werden natürlich Urheberrechte verletzt.» Knöll kündigte an, dass die Branche auch gegen diese Version von «Songbeat» rechtlich vorgehen werde. Weil die Software erst seit fünf Tagen auf dem Markt sei, werde dies allerdings noch dauern.