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Schweizer Datenschützer
03. Oktober 2011 20:51; Akt: 03.10.2011 20:51 Print
«Man ist gläsern, und das ein Leben lang»
von Daniel Schurter - Hanspeter Thür kämpft gegen die Datensammelwut der US-Konzerne. Der Datenschützer erklärt, was er von der Initiative «Europe vs. Facebook» hält und warum der Bundesrat gefordert ist.
Der oberste Datenschützer des Landes steht an verschiedenen «Fronten» gleichzeitig im Einsatz. Google hat er erfolgreich vor Gericht gezerrt, weil bei Street View nicht alle abgebildeten Leute unkenntlich gemacht werden. Und nun rückt Facebook immer stärker ins Visier von Hanspeter Thür.
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Der Befürchtung, dass er als Schweizer David gegen die US-Riesen auf verlorenem Posten stehe, widerspricht der eidgenössische Datenschützer. «Natürlich kann man auf diesem Gebiet immer noch mehr machen.» Er sei aber kein Einzelkämpfer, betont der 62-jährige Jurist und verweist auf seine «qualifizierten Mitarbeiter» (29 Personen, fast 26 Vollzeitstellen).
Antwort per Smartphone
In einem Zeitungsinterview hat Thür kürzlich erklärt, dass sein Amt nicht die Datenschutzpolizei sei, die jeden Fall aufspüren müsse. Man greife vielmehr bei «grossen Fehlentwicklungen» ein. Thür, der neben seinem 60-Prozent-Pensum als Anwalt arbeitet, ist ein vielbeschäftigter Mann. Kurz vor einer Auslandreise nimmt er schriftlich zu den Fragen von 20 Minuten Online Stellung.
Die letzten Zusatzfragen beantwortet er früh am Morgen, als er am Flughafen Zürich auf den Abflug wartet. Diese Statements kommen in aller Kürze, gesendet mit seinem Smartphone ...
Herr Thür, was halten Sie von den jüngsten Neuerungen, die Facebook vorgestellt hat? Insbesondere von der Timeline-Funktion, die das gesamte Online-Leben der Nutzer abbilden soll?
Hanspeter Thür: Wer diesen Dienst in Anspruch nimmt, muss definitiv akzeptieren, dass er nicht nur für Facebook gläsern ist - und das ein Leben lang, ohne die Möglichkeit auszusteigen.
Sind Sie Mitglied bei Facebook?
Nein. Wir überlegen aber derzeit, in welcher Form wir mit unserer Botschaft auch über die sozialen Netzwerke präsent sein wollen.
Wenn Sie sich registrieren, müssen Sie die Geschäftsbedingungen des US-Konzerns akzeptieren.
Geschäftsbedingungen müssen Sie auch akzeptieren, wenn Sie eine Kreditkarte beantragen. Das heikle an den Facebook-AGB’s ist der Umstand, dass diese laufend zum Nachteil des Nutzers geändert werden. Facebook hat in den letzten Jahren die Grundeinstellungen für den Schutz der Privatsphäre verschlechtert: Heute ist bis hin zu den Fotos alles allen zugänglich, auch Nichtfreunden und Nichtnutzern. Wer das nicht will, muss sich mühsam durch einen Dschungel von Links durchklicken.
Stichwort Like-Button: Gibt es eine Weisung, dass der Button wegen seiner umstrittenen Funktionalität nicht auf Webseiten des Bundes eingebunden werden darf?
Bezüglich Like-Button und dessen Verwendung gibt es keine Weisungen. Ich rate, ihn nicht zu benützen. Das gilt auch für die Kantone und Gemeinden.
Facebook hat in der Schweiz keine Vertretung, Medienanfragen werden von einer deutschen PR-Firma beantwortet. Haben Sie einen direkten Draht zur Leitung des Unternehmens?
Nein. Facebooks Europasitz befindet sich in Irland. Die dortigen Behörden befassen sich derzeit mit einer grundsätzlichen Überprüfung der Datenbearbeitungen von Facebook. Wir sind mit diesen in Kontakt. Der Befund der Iren wird wegen der vergleichbaren Gesetzgebung dann auch für unser Land massgebend sein.
Welche Schritte unternehmen Sie?
Unsere Hauptanstrengung liegt in der permanenten Analyse der Plattform, namentlich, wenn Neuerungen wie die Timeline-Funktion aufgeschaltet werden. Darauf aufbauend versuchen wir, die Nutzer zu informieren und zu sensibilisieren. Zu diesem Zweck haben wir auf unserer Homepage zahlreiche Verhaltensanweisungen publiziert. Letztlich liegt es aber stets am Nutzer, sich zu informieren und seine Selbstverantwortung wahrzunehmen.
Was können die Nutzer tun?
Die Bürgerinnen und Bürger haben sehr wohl die Möglichkeit, ihre Rechte selber in die Hand zu nehmen. Das Beispiel der österreichischen Studenten ist zur Nachahmung empfohlen (gemeint ist die Initiative «Europe vs. Facebook», Anmerk. der Red.).
Sie haben wiederholt gefordert, die Schweiz müsse den Datenschutz im Internet stärken. Was ist konkret zu verbessern?
Unsere Hauptkritik besteht darin, dass das Gesetz nicht vorschreibt, dass Dienste und Produkte in ihren Grundeinstellungen den grösstmöglichen Persönlichkeitsschutz gewährleisten müssen. Dies sollte immer gelten, wenn die Privatsphäre tangiert ist.
Politiker buhlen auf Facebook um Wählerstimmen, doch die problematische Seite der sozialen Netzwerke wird nicht thematisiert.
Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass Politiker als öffentliche Personen, die um Wählerstimmen buhlen, ohnehin ein Interesse haben, dass möglichst viel öffentlich wird.
Neben dem Parlament ist auch der Bundesrat gefordert. Was soll die Landesregierung tun?
Es gibt parlamentarische Vorstösse, die angesichts der Entwicklung einen besseren Persönlichkeitsschutz fordern. Der Bundesrat hat letztes Jahr eine externe Überprüfung des Schweizer Datenschutzgesetzes in Auftrag gegeben. Die Resultate werden ihm in den nächsten Wochen unterbreitet. Der Befund ist klar, es braucht eine Verbesserung. Ich hoffe, dass der Bundesrat nun die Initiative ergreift.
Es scheint, Sie sind der Einzige, der sich hierzulande öffentlich gegen Konzerne wie Google oder Facebook auflehnt.
Es ist mein Auftrag, Datenbearbeitungen, die viele Menschen betreffen, kritisch zu überprüfen und einzuschreiten, wenn diese nicht gesetzeskonform sind. Diese Aufgabe nehme ich wahr.
Im Juni sind Sie als oberster Datenschützer im Amt bestätigt worden. Was wollen Sie in der neuen Amtszeit unbedingt erreichen?
Es gibt zahlreiche Baustellen, die ich in den nächsten Jahren bearbeiten will. Eine permanente Herausforderung wird die technische Entwicklung sein, die ich kritisch begleiten möchte, ohne deren Vorteile in Frage zu stellen.
Das betrifft nicht nur die US-Konzerne.
Im Gesundheitsbereich ist mit dem elektronischen Patientendossier und der elektronischen Übermittlung von Gesundheitsdaten eine gewaltige Umwälzung im Gange. Auch hier geht es darum, dass dies nicht auf Kosten des Persönlichkeitsschutzes geht.
Gegen Google haben Sie wegen des Street-View-Dienstes geklagt. Wann rechnen Sie mit dem Urteil des Bundesgerichts?
Keine Ahnung. Das Bundesgericht muss sich durch einen Wald von mehreren Hundert Seiten von Argumenten und Gegenargumenten hindurcharbeiten. Das wird seine Zeit brauchen.
Wird das Urteil auch im Ausland Folgen haben?
Sicher. Bereits jetzt sind erste Folgen sichtbar: Österreich beispielsweise will den Dienst nur zulassen, wenn Anforderungen erfüllt sind, die mit unserem vergleichbar sind.
Sie kämpfen für das «Recht am eigenen Bild», auch im Internet. Was raten Sie den Nutzern?
Gerade mit Blick auf die technische Entwicklung – Stichwort Gesichtserkennung, die immer perfekter wird – rate ich allen, möglichst wenig Bilder aufs Netz zu schalten bzw. wenn überhaupt, dann nur Personen zugänglich zu machen, die man persönlich kennt.
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»
Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.
«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»
Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.
«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»
Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)
Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?
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Alle 42 Kommentare

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Privatsphäre ist eine Illusion
Die Frage ist eigentlich nur: Wer hat Zugriff auf meine Daten? Ich selber auch? Kann ich meine gesammelte Daten vor Gericht verwenden, um meine Unschuld zu beweisen? Oder um jemanden zu belasten? Und steht mir eine Gewinnbeteiligung zu, wenn mit meinen Daten Geld gemacht wird? DIES sind die WIRKLICHEN Fragen. Privatsphäre ist der Jungfrauentraum der Mütter, der Jungmannentraum der Väter.
Selber schuld..
...wer zuviel von sich ins Netz stellt. Die Regel ist doch wirklich ganz einfach. Was mal ins Internet gestellt wird, bleibt da meist in irgendeiner Form auch erhalten. Leute die sich darüber beschweren, dass sie über eine simple Google-Recherche oder Facebook ausspioniert werden können haben die entsprechenden Daten in irgendeiner Form meist selber da reingestellt.
Selber schuld wer weiss was er tut...
Das Problem ist ja dass die Leute nicht mal wissen was sie tun. Hier kann unser Datenschützer schon helfen. Einfach nur die Verantwortung auf die User abschieben, die mit Technologie heillos überfordert sind und nicht abschätzen können, was es bedeutet, Daten online zu stellen, greift zu kurz. Der Staat muss auch hier seine Bürger schützen und das tut der Datenschützer.
Transparenz bringt auch Vorteile!
Wir brauchen mehr Transparenz, wenn sich jeder verstecken kann leidet die Sicherheit... Unser Staat sollte wesentlich mehr Daten sammeln...! Je mehr Bevölkerung desto wichtiger! Was haben wir zu verstecken?
welche Vorteile?
und für wen? was bedeutet "nichts zu verstecken"? wer legt das fest? Persönliche Dten können immer missbraucht werden, auch vom "Staat". Wer 100% Sicherheit will opfert seine Freiheit komplett
verstecken?
was haben wir zu verstecken? Nichts, darum muss der Staat auch gar nicht suchen oder registrieren!
Scheinheilig
Aber dann den eigenen Post unter einem Pseudonym verstecken?? Posten Sie doch hier mal all Ihre Daten, wenn Sie das so toll finden!
informationen sind gold wert
als werber würde ich das auch so sehen;) dann kann ich ihnen, auf ihr datenprofil abgestimmte werbung zusenden (das fängt bei gartenmöbel an und endet bei erotischen vorlieben...). evtl. hätten auch versicherer interesse, da sie von den ärzten fast keine informationen erhalten. man könnte noch einige andere interessengruppen nennen, die interesse an persönlichen daten haben, aber das würde wohl zu lang.
ziemlich Naiv
Wie kann man nur so einfältig sein. Das fällt sicher mal auf uns zurück