Die ersten Bilder

28. Februar 2012 20:49; Akt: 28.02.2012 21:47 Print

Das taugt Nokias Megapixel-Monster

von Oliver Wietlisbach - Sind 41 Megapixel für ein Handy sinnvoll? Die Skepsis unter Foto-Fans ist gross. Erste Bilder des Nokia 808 PureView zeigen nun, was die Pixel-Maschine wirklich auf dem Kasten hat.

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Genüsslich präsentierte Peter Chou, Geschäftsführer des taiwanesischen Smartphone-Herstellers HTC, den Journalisten am Mobile World Congress Fotos, die mit dem neuen HTC One geschossen wurden. Der Grund für Chous gute Laute: Neben den HTC-Bildern gingen die unterbelichteten Vergleichsbilder von Apples iPhone hoffnungslos unter. Die Freude des HTC-Chefs hielt aber nur kurz: Bereits am Montag konterte Nokia mit seiner Wunderwaffe: Die Finnen enthüllten das Nokia 808 PureView mit einer 41-Megapixel-Kamera – weit mehr, als die meisten Spiegelreflexkameras zu bieten haben.

Kamera-Sensation oder Marketing-Gag?

41 Megapixel für eine Handy-Kamera? Haben die Finnen eine Schraube locker? «Völlig sinnlos», schrien die Hobby-Fotografen nach der Enthüllung im Chor auf. Recht haben sie. Selbst für eine Kompaktkamera reichen zehn Megapixel vollkommen aus. Der Verdacht liegt nahe, dass Nokia die Kunden hier mit einer extrem hohen Auflösung ködern will, so wie man es von den Kamera-Herstellern seit Jahren mit sinnlosen Megapixel-Rekorden gewohnt ist. Oder ist diesmal etwa alles anders?

Auf den ersten Blick bekommen die Skeptiker recht. Extrem hohe Auflösungen machen bei kleinen Handy- und Kompaktkameras keinen Sinn, da die Bildqualität immer durch den kleinen Sensor begrenzt wird. Digitale Spiegelreflexkameras haben grosse Bildsensoren, die viel Licht einfangen. In Smartphones fehlt der Platz für genügend grosse Sensoren.

Entscheidend für die Fotoqualität sind nicht primär die Megapixel, sondern die Grösse der einzelnen Pixel. Die Pixelgrösse ergibt sich aus dem Verhältnis der Sensorgrösse zur Auflösung. Vereinfacht gesagt: Ist die Auflösung hoch, aber der Sensor zu klein, entstehen Bildfehler oder das Foto wirkt körnig.

Nokias neuer Ansatz

Ist die 41-Megapixel-Kamera von Nokia also ein Schuss in den Ofen? «Dieses Smartphone mit Kamera erscheint auf den ersten Blick als überflüssige Protzerei», sagt Stefan Keller, Professor an der Hochschule für Technik in Rapperswil. Die neuartige Idee sei aber, dass das Bild noch in der Kamera zu einem «normal» aufgelösten Foto reduziert werde. Dies geschieht entweder automatisch oder aber neu unter Kontrolle des Benutzers. «Es scheint, dass die Kamera tatsächlich eine neue Generation bedeutet und es wäre in der sich rasch wandelnden Technologie nicht das erste Mal, wo genügend Quantität auch eine neue Qualität bedeuten würde», sagt Keller.

Der Blick ins Datenblatt gibt Aufschluss

Nokia scheint mit dem Nokia 808 PureView im Mai als erster Handy-Hersteller eine Kamera für ambitionierte Hobby-Fotografen zu bringen. Die gigantische Auflösung dient nicht zum Knipsen übergrosser Fotos, die 41 Megapixel werden gebraucht, um Bildausschnitte verlustfrei zu vergrössern und das typische Rauschen bei Handy-Bildern herauszurechnen. Nokia empfiehlt Aufnahmen mit 3,5 bis 8 Megapixeln. Dank der zusätzlichen Megapixel lassen sich die Fotos bis zu 4-fach zoomen, ohne die sonst üblichen Qualitätsverluste beim Digitalzoom.

Dass die Nokia-Kamera mehr als ein Marketing-Gag sein könnte, verrät ein Blick in das Datenblatt. Mit einer Diagonale von 1/1,2 Zoll ist der Sensor im Nokia 808 deutlich grösser als bei den meisten derzeit erhältlichen Kompaktkameras. Bei der unglaublich hohen Zahl von 41 Megapixel wird ein einzelner Pixel 1,4 Mikron gross. Damit bewegt sich die Handy-Kamera in der Liga der Kompaktkameras, die mit rund 12 Megapixel, aber kleineren Sensoren, ähnlich gute Bilder abliefern. Mit digitalen Spiegelreflexkameras, die einzelne Pixel von fünf und mehr Mikron ausgeben, kann die Handy-Kamera erwartungsgemäss nicht mithalten.

20 Minuten Online konnte das Nokia 808 PureView nur kurz antesten am derzeit laufenden Mobile World Congress in Barcelona, sodass sich nichts Abschliessendes über die «Wunder-Kamera» sagen lässt. Das Symbian-Handy ist an der Stelle, wo die Kamera verbaut ist relativ dick, liegt aber gut in der Hand. Das Reinzoomen in die Aufnahme ist beeindruckend.

Kein Ersatz für die Kompaktkamera

Die Finnen haben inzwischen mit dem 808 PureView geschossene Originalaufnahmen im Internet veröffentlicht, die von Handy-Kamera Gewohntes weit übertrumpfen. Die angeblich unbearbeiteten Fotos geben einen ersten Eindruck, was künftig von Smartphone-Fotos zu erwarten ist. Ob es sich wirklich um Originale direkt von der Kamera handelt, kann natürlich nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Selbst wenn Nokia ein Coup gelungen sein sollte, werden Kompaktkameras nicht so rasch zum alten Eisen gehören, da mechanische Teile wie der Sensor oder das Objektiv, die für die Qualität der Fotos entscheidend sind, nur schwer mit den immer dünneren Smartphones in Einklang gebracht werden können.