Konkurrenz für Evernote

25. Januar 2010 11:05; Akt: 25.01.2010 14:58 Print

«Das kann man besser lösen»

von Henning Steier - Informationen im Web zu finden, ist für viele Surfer kein Problem mehr. Doch wie kann man sie am besten ordnen und mit anderen teilen? Ein Zürcher Start-up bietet eine kostenlose Lösung und tritt gegen den Marktführer aus den USA an. Memonic-Chef Dorian Selz erzählt im Interview mit 20 Minuten Online, wie man sich durchsetzen und Geld verdienen möchte.

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Memonic: So sieht die eigene Kollektion aus.

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Seit Januar 2009 entwickeln Dorian Selz (39) und vier Mitarbeiter memonic.com. Mitte November ging eine erste Testversion der Seite ins Netz. Das Zürcher Start-up Nektoon, dessen Chef unter anderem die Schweizer Suchmaschine local.ch gründete, will es Nutzern ermöglichen, Informationen leichter zu sammeln, zu ordnen und mit anderen zu teilen. Wie das funktionieren soll und warum er auch im Erfolgsfall seine Zeit nicht in Cocktailbars verbringen möchte, erzählt Selz im Interview.

20 Minuten Online: Wie ist die Idee entstanden?
Dorian Selz: 2006 habe ich mit meiner Frau eine lange Australienreise gemacht und zuvor unter anderem die Route von Melbourne nach Adelaide, die Grand Ocean Road, recherchiert. Am Ende hatte ich drei Dutzend offene Firefox-Tabs. Die Informationen habe ich problemlos gefunden, sie aber mühsam per Copy & Paste in Word-Dokumente eingefügt, diese ausgedruckt und mitgenommen. Dann habe ich mir gedacht: Das kann man besser lösen.

Man könnte die Informationen doch wie Sie in einer Word- oder PDF-Datei ablegen und sie dann bei einem One-Click-Hoster wie RapidShare hochladen oder sich selbst als E-Mail-Anhang schicken.
Richtig, dann verliert man aber drei wichtige Informationen. Erstens bei reinem Copy & Paste die Internetadresse; wer das Dokument lokal auf dem Rechner abspeichert, hat es zweitens unterwegs nicht zur Verfügung. Drittens: Viele Leute haben kein besonders gutes Dateimanagement, finden also die entsprechenden Dokumente später schwer wieder.

Über den «Teilen»-Button kann man seine Memos bislang nur per E-Mail versenden, Freunden auf Facebook und Followern bei Twitter zur Verfügung stellen. Sollen weitere Kanäle dazukommen?
Unsere Website steht seit Mitte November im Netz. Wir haben bislang rund 2000 Nutzer gewonnen. Es gibt sowohl bei der User-Zahl als auch bei weiteren Funktionen noch viel Luft nach oben. Grob verkürzt, lässt sich unser Konzept in drei Schritten zusammenfassen: Capture, organize and use, also erfassen, ordnen und benutzen von eigenen Informationsschnipseln überall und jederzeit auf irgendeinem Computer oder Mobiltelefon. User können nicht nur Informationen aus Webseiten herausholen. Schon heute kann man eine E-Mail an post@memonic.com schicken und dann wird die Nachricht als Memo im Account abgelegt. Wir arbeiten gerade an einem Windows-Clipper, mit dem man von irgendeinem Ort des Rechners, beispielsweise aus einem Word-Dokument, Informationen per Copy & Paste in ein Memo einfügen kann.

Allerdings vergingen in unserem Test etwa anderthalb Minuten, bis die E-Mail als Memo im Account auftauchte. Zudem musste man die Schaltfläche «Aktualisieren» anklicken. Warum geht das nicht schneller und einfacher?
Auch das sind Dinge, an denen wir arbeiten. Es gibt einiges, das noch fehlt: Dazu zählt die Anzeige eines Profils, von Kontakten sowie eine Kollaborations-Funktionen. Wir sind nur fünf Leute und müssen daher Prioritäten setzen. Wichtiger war uns unter anderem eine kostenlose App fürs iPhone, die seit Mitte Januar verfügbar ist. Bislang kann man mit ihr aber nur Memos ansehen. Bald wird man welche übers Apple-Smartphone anlegen können, in denen sich auch iPhone-Fotos oder Notizen direkt ablegen lassen.

Wie soll der Nutzer den Überblick über seine Memos behalten?
Man kann so genannte Sets erstellen, also Sammlungen. Das geht, indem man ein Memo auswählt und es dann über den «Verschieben»-Button zu einem Set hinzufügt. Man kann dies aber auch per Drag & Drop tun.

Wie kann man Sets oder Memos nur ausgewählten Leuten zugänglich machen?
Dazu gibt es die Schaltfläche «Berechtigungen». «Privat» heisst, dass nur der Account-Inhaber den jeweiligen Inhalt sehen kann.

Wenn man ein Set oder Memo als «öffentlich» markiert, wird es dann von Suchmaschinen gefunden?
Wir haben damit begonnen, sie auffindbar zu machen. Als Standardeinstellung ist natürlich «privat» gewählt.

Ist Echtzeit-Suche für Memonic ein Thema? Hätte beispielsweise jemand aus Haiti das erste Memo mit aktuellen Informationen zum Erdbeben erstellt, wäre das sicherlich nicht nur für Journalisten sehr interessant gewesen.
Google und Microsofts Suchmaschine bing haben bekanntlich begonnen, Statusmeldungen von Facebook und Tweets von Twitter in ihren jeweiligen Index aufzunehmen, sind also in die Echtzeit-Suche eingestiegen. Wir werden dies vorerst nicht tun. Es wird also weiterhin eine gewisse Zeit vergehen, bis die Crawler neue öffentliche Sets und Memos finden und damit für Surfer verfügbar machen.

Was tut Memonic, um die Privatsphäre seiner Nutzer zu schützen?
Primär ist Memonic als privates online Notizbuch gedacht. Das heisst, wir stellen sicher, dass nur der berechtigte User auch wirklich sein Notizbuch einsehen kann. Will man zum Beispiel einen Hoteltipp mit jemandem teilen, muss nicht kompliziert die Berechtigung geändert werden, sondern kann stattdessen ein so genannter Guest Pass erstellt werdenen. Das ist ein HashCode-Link, den man verschickt und der nur vom Empfänger geöffnet werden kann.

Für wen ist Memonic gedacht?
Wir haben ein halbes Dutzend Zielgruppen definiert, konzentrieren uns am Anfang aber auf zwei: Leute, die sehr viel im Internet unterwegs sind und kleine Unternehmen, die sich keine aufwändigen Dokumentenmanagementsysteme leisten können oder wollen. Also beispielsweise eine Anwaltskanzlei, in der fünf, sechs Juristen an einem Fall arbeiten, und unsere Memos und Sets nutzen, um Informationen auszutauschen.

Wer soll für Ihr Angebot zahlen?
Wer beispielsweise den Export in Word- oder PDF-Dokumente, umfassenden Dokumenten-Upload und weitere Funktionen wie automatisch generierte, weiter führende Informationen zum Thema eines Memos haben möchte, dem sollte unser Angebot rund 50 Franken im Jahr wert sein. Studenten sollen nur die Hälfte zahlen. Firmen, die weitere kollaborative Funktionen – zum Beispiel geteilte und zusammen bearbeitete Sets oder Memos nutzen möchten, müssen dafür 300 bis 400 Franken jährlich zahlen.

Bislang ist memonic.com werbefrei. Soll das so bleiben?
Eigentlich ist auf unserer Benutzeroberfläche kein Platz für Anzeigen.

In Googles Gmail-Postfächern findet man auch kleine Text-Ads.
Ich bin davon überzeugt, dass unsere Nutzer solche Anzeigen kaum anklicken würden. Daher können wir sie uns und ihnen wohl ersparen.

Zum kollaborativen Arbeiten eignet sich auch das Anfang Oktober gestartete Tool Google Wave. Wie grenzt sich Memonic davon ab?
Über Jahrzehnte hat die Menschheit herausgefunden, welche Informationen sich wie am besten transportieren lassen. Brisantes soll man im persönlichen Gespräch diskutieren. Eine Zugverspätung lässt sich gut per SMS mitteilen, lange Dokument als E-Mail-Attachment verschicken. Google Wave drückt diese hierarchisierten Informationsschichten flach. Das heisst: Alles ist für das Tool gleich wichtig, so dass Nutzer schnell den Überblick verlieren. Wer verspätet zu einer Wave mit mehr als drei Teilnehmern und fünf Beitragen dazustösst, hat beim besten Willen keine Ahnung mehr, was relevant ist. Wir hingegen arbeiten an einer neuen Visualisierung, dank der man durch seine Memos blättern kann, als wären sie auf einem Rolodex angeordnet. Auch wollen wir mit einer zielführenden Suchfunktion aufwarten: Man wird zum Beispiel alle Memos vom vergangenen Herbst zu einem Thema finden können.

Ihr Angebot erinnert stark an das von Evernote. Die Webseite bietet aber auch Desktop-Tools an und liess sogar Google Notebook zum Flop werden. Haben Sie gegen das US-Unternehmen überhaupt eine Chance?
Evernote ist definitiv ein grosser Konkurrent. Als wir die Seite zum ersten Mal gesehen haben, dachten wir: Jetzt ist es vorbei mit unserer Idee, denn die machen das gut. Dann haben wir es trotzdem gemacht, denn in einigen Punkten kann man Evernote überholen. Es gibt bekanntlich auch nicht nur ein Betriebssystem. Natürlich ist Evernote einerseits im Gegensatz zu uns mit einer Android-App und Programmen für Windows und Mac OS X am Start. Wir wollen die Offline-Fähigkeit über eine HTML5-Edition anbieten und hoffen, so mit Evernote gleichziehen zu können. Das ist sehr wichtig, denn wer beispielsweise hierzulande viel Zug fährt, weiss, dass die Mobilfunknetzabdeckung noch ausbaufähig ist. Wirklich abgrenzen können wir uns bei der Benutzerfreundlichkeit: Wer bei Evernote beispielsweise versucht, fünf Ausschnitte aus Memos in ein Word-Dokument zu bringen, wird nicht viel Spass haben. Bei uns wird das binnen drei Monaten leicht möglich sein. Für kleine Teams werden wir Kollaborations-Funktionen anbieten: Gemeinsam geteilte und bearbeitbare Sets und Memos. Schneller werden sie eine Recherche für eine Team-Facharbeit oder einen Forschungsbericht noch nie gemacht haben.

Zurück zu aktuellen Memonic-Funktionen: Wer Memos oder Sets in den Paperkorb schieben möchte, bekommt immer wieder die Fehlermeldung «Hoppla, da ist etwas schief gelaufen» zu sehen. Die Daten lassen sich augenscheinlich nicht löschen. Warum?
Hoppla - der Demo-Effekt. Wie erwähnt, wir sind zu fünft und sind soweit gekommen, wie wir gekommen sind in diesem einen Jahr: Memonic ist heute voll einsetzbar und hat bereits einige Fans bis nach Korea und Japan. Aber klar: In der Beta-Phase gibt es noch die eine oder andere Holprigkeit.

Wie will Memonic Urheberrechtsverletzungen seiner User verhindern?
Zunächst einmal haben wir entsprechende Nutzungsbedingungen, denen jeder User zustimmen muss. Wer Memos und Sets nur für sich selbst erstellt, bekommt ohnehin keine Probleme. Kritisch wird es, wenn jemand geschützte Inhalte verwendet und diese in Dokumenten verwendet, die er für alle freigibt.

Nutzt Memonic Filter, welche nach Schlagworten suchen und so geschützte Inhalte aufspüren könnten?
Noch nicht. Ausserdem werden Nutzer Memos und Sets melden können, wie man das unter anderem von Videos auf YouTube kennt.

Wann soll Memonic profitabel sein?
Wir haben uns Zeit bis Juni 2011 gegeben, um das Tal der Tränen zu verlassen. Das heisst nicht, dass wir anschliessend unsere Zeit nur noch in Cocktailbars verbringen wollen, sondern dass wir dann entscheiden werden, ob es sich lohnt, weiterzumachen. Nutzer können aber unbesorgt sein. Eines der nächsten Features wird die Möglichkeit sein, alle Memos und Sets mit wenigen Klicks gratis zu exportieren und somit auf der eigenen Festplatte zu sichern. Somit können alle Memonic völlig risikolos ausprobieren und sich ihr eigenes universelles Online-Notizbuch anlegen.