«Time out»

06. Mai 2011 13:20; Akt: 06.05.2011 13:46 Print

Der «Schweizer Riegel» als AllzweckwaffeDer «Schweizer Riegel» als Allzweckwaffe

von Klaus Zaugg, Kosice - Die Schweizer haben gegen ihre taktischen nordischen Brüder verloren. Das 2:3 gegen Norwegen ist mehr als eine Niederlage. Es ist eine Warnung über dieses Turnier hinaus.

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Die Finnen besiegelten ihren Triumph mit einem teilweise entfesselten Auftritt im Schlussdrittel. Niko Kapanen traf zum vorentscheidenden 3:1 in der 44. Minute. Dank an die Hockey-Götter: Finnland ist nach 1995 zum zweiten Mal im Hockey-Olymp angelangt. Schweden konnte sich wenig vorwerfen, spielte zumal zwei Drittel lang wie gewohnt stark. Torhüter Viktor Fasth wurde gar zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt. Tschechische Jubeltraube nach der Schlusssirene des kleinen Finals. Die Osteuropäer besiegten Russland mit 7:4 und holten Bronze. Freude bei Jaromir Jagr,... ... Enttäuschung bei Alexander Owetschkin & Co. Blau waren für einmal die Fans von Russlands Gegner Finnland. Der russische Anhang hatte ob dem enttäuschenden Auftritt seiner Mannschaft wenig zu lachen. Griesgram hoch drei. Starspieler Ilya Kovalchuk hatte seine Allüren nicht immer im Griff. In der Farbe vereint: Schwedische Spieler und ihre Fans. Schwedens Rickard Wallin beim Versuch, die Scheibe zu fangen. Kanada scheitert im Viertelfinal an Russland. Ilja Kowaltschuk schoss wieder einmal das entscheidende Tor. Lange Gesichter an der kanadischen Bande. Die slowakischen Fans waren offenbar auf der Seite der Kanadier. Finnische Fans feiern den Halbfinal-Einzug ihres Teams gegen Norwegen. Ein bisschen euphorischer, bitte! Ob diese Blaumänner überhaupt etwas gesehen haben? Die Norweger schicken die traurige Nachricht vom Aus nach Hause. Maskottchen Goooly unterhielt das Publikum mit einem gewagten Sprung. Deutschlands Torhüter Dennis Endras kann dem Puck nur noch hinterherkriechen. Hoch das Bein - der Schwede Louis Eriksson im Zweikampf mit dem Deutschen Frank Hordler. Diese Schwedin durfte sich freuen. Altmeister Jagr zeigt mit 3 Toren im 1/4-Final gegen die USA nochmals allen, wo der Jaromir den Most holt. Mit einem souveränen 4:0-Sieg gegen die US-Boys erreicht der Titelverteidiger als erstes Team das WM-Halbfinale. Der Schweizer Coach Sean Simpson wird an der Pressekonferenz von der Medienmeute regelrecht eingekesselt. Das letzte Tor der Schweizer an dieser WM, Gardner netzt gegen die USA zum 5:3 ins leere Tor ein. Die finnischen Samichläuse wissen ihre Feste zu feiern. US-Keeper Ai Montoya macht sich die Maske nass. Philippe Furrer (54) im Gleichschritt mit dem Amerikaner Tim Stapleton. Face-Off beim Spiel Schweiz gegen die USA. Fischauge beim Spiel Tschechien - Russland. Der doppelte Martin Havlat. Hoppla, Österreich fällt nicht nur hin, Österreich steigt ab. Da hilft auch Stockwerfen nichts mehr: Julien Sprunger kann den Schweden Backlund nicht am (technischen Tor) 2:0 hindern. Lettlands Goalie Edgars Masalskis braucht eine Abkühlung. Russlands Superstar Alexander Ovechkin hat die Zähne schön. Der deutsche Goalie Dennis Endras muss kapitulieren. Wäre doch nur die Plexiglasscheibe nicht im Weg. Hoffentlich behält der Schiedsrichter den Durchblick. Hoch das Bein: Marc Methot lässt US-Boy Kevin Shattenkirk durch die Luft fliegen... ... und drückt ihn dann unsanft zu Boden. Die Amerikaner mussten gegen die Kanadier einiges einstecken. Ein weitgereister finnischer Supporter. Die finnischen Fans sind besonders euphorisch. Zweikampf Stock an Stock, aber nur der Finne hat den Puck im Visier. Bedröppelte Schweizer nach der 2:3 Niederlage gegen Norwegen. Markus Peintner im «Kreuzverhör» von zwei Weissrussen. Erfrischung für Norwegens Teufelskerl von einem Torhüter, Lars Haugen. Der tschechische Superstar Jaromir Jagr macht es sich mal an der Bande gemütlich und schenkt seinem Trainer ein Ohr. Die Finnen wissen, wie man die Feste feiert. Der Assistenz-Schiedsrichter ist mittendrin statt nur dabei. Der lettische Jubel-Knäuel. Dieser weibliche Norwegen-Fan freut sich über das 5:0 gegen Österreich. Die Schweizer Fahne ist bei der WM hoch im Kurs. Auch das deutsche Team reitet auf der Erfolgswelle und ist bei den Fans sehr beliebt. US-Goalie Al Montoya mit feuchter Aussprache. Ein Schiedsrichter bringt sich vor einem Schuss in Sicherheit. Dieser weibliche Tschechien-Fan findet nur wenig Spass am Spiel. Es hat nicht viel gefehlt im Spiel gegen Kanada. Die Schweiz hat gegen das Mutterland des Eishockeys eine tolle Leistung gezeigt. Am Schluss bleibt aber nur die Enttäuschung: Kanada kann das Spiel gegen die Schweiz in der letzten Minute der Verlängerung für sich entscheiden. Blake Wheeler hat sich ein nettes Plätzchen für seine Schildkrötenübung ausgesucht. US-Goalie Al Montoya mit furchteinflössender Maske. Von hinten sieht die Maske lustiger aus. Nicht abgehoben: Die Norweger machten den US-Boys das Leben mehr als schwer. Zunge Raus - das kann bei einem Eishockeyspiel schon mal ins Auge gehen. A propos Auge. Frankreichs Fabrice Lhenry auf der Höhe des Geschehens. Sloweniens Ziga Jeglic mit blutender Nase. Und so kams dazu. Doch auch Russland hatte gegen Slowenien einen Verletzen zu beklagen: Alexei Tereshchenko im Stile eines Fussballspielers - aber tatsächlich verletzt. Bezina trifft im Spiel gegen Weissrussland zur erneuten Führung nach einer schönen Einzelleistung. Schweizer Fans zeigen sich gerne kreativ. Die Emotionen in der Partie zwischen der Slowakei und Deutschland kochen hoch. Der slowakische Torhüter bekennt Mühe und muss im zweiten Drittel drei Tore passieren lassen. Keine WM ohne Fan im Kuh-Kostüm. Aber es geht auch anders. Und wenns auf dem Eis nicht läuft, dann ist ein Kübel Popcorn noch immer ein guter Freund gewesen. Für die Norweger lief es aber: Sie besiegten im Startspiel Schweden mit 5:4 n.P.. Ein historischer Sieg. Weniger Glück hatte Radek Martinek der Tschechen. Da halfen auch der Schild auf der Brust und die tröstenden Worte von Captain Tomas Rolinek nichts. Und plötzlich war das Licht weg. Die Schweizer standen beim Eröffnungsspiel gegen Frankreich im Dunkeln. In der ganzen Stadt fiel der Strom aus. Nach einigen Minuten wurde es aber wieder hell und es konnte weitergehen. Im Auftaktspiel zwischen der Schweiz und Frankreich sind über weite Strecken vor allem die Franzosen zu Torchancen gekommen. Erst gegen Ende drehen die Schweizer auf und entscheiden die Partie in der Verlängerung noch für sich. Grosse Überraschung: Die Deutschen wurden von den Russen nicht platt gemacht. Im Gegenteil. Der Rekordweltmeister verlor sensationell mit 0:2. Eine feurige Darbietung sollte bei der Eröffnungsfeier in der Innenstadt von Kosice die Schweiz und Österreich symbolisieren. Gegenüber Auftaktgegner Frankreich zogen die Eisgenossen hier aber klar den Kürzeren. Noch spielen die Slowaken nicht, an den Bushaltstellen jubeln sie aber bereits von den Plakatwänden. Hunde, Schirme, Revolver, Hamburger, Messer und vieles andere kann man in der Steel Arena in Kosice nur illegal reinschmuggeln... Sogar Drogenhunde sind bei der Ankuft der Teams im Einsatz. In Bratislava und Kosice ist alles bereit für die 75. Eishockey-Weltmeisterschaften. Die Trikots sind bedruckt. Die Orange Arena ist frisch renoviert und fasst 10 000 Zuschauer. Im Hexenkessel wird eine Bombenstimmung herrschen. Hoffentlich nicht nur, wenn die Slowakei spielt.

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Das Viertelfinale ist immer noch möglich. Nicht ausgeschlossen, dass die Entscheidung erst im dritten und letzten Zwischenrundenspiel gegen die USA fällt.

Norwegen ist zwar im Vergleich zur Schweiz mit bloss knapp 6500 lizenzierten Spielern (Schweiz 25 000) ein Zwerg und nur die Nummer 11 der Weltranglsite (Schweiz 7.). Aber fast die Hälfte der WM-Helden von Kosice verdient ihr Geld in der höchsten schwedischen Liga.

Nationalcoach Roy Johansen sagte, das Beispiel der Schweizer habe auch die Norweger inspiriert. «Wir haben Spiel und Taktik und Entwicklung der Schweizer über Jahre hinweg verfolgt», verriet er 20 Minuten Online. Und so sind wir nun von den «nordischen Schweizern», von unseren taktischen Brüdern aus Norwegen schon wieder besiegt worden.

Sieg dank Schweizer Taktik

So wie die Norweger in den Gruppenspielen gegen Schweden (5:4 n.P.) und nun in der Zwischenrunde gegen uns gewonnen haben, so haben wir in den letzten Jahren die grossen Triumphe über die Titanen Russland, Kanada, Tschechien oder die USA gefeiert: Mit dem Rückhalt eines grossen Torhüters, einer aggressiv umgesetzten Betontaktik mit schnellen Gegenstössen und ein bisschen Glück. Die Norweger gemahnen im Wesen und Wirken an die Schweiz in den grossen WM- und Olympiapartien der letzten Jahre.

Damit sind wir bei der Warnung über dieses Turnier hinaus: Das Eishockey macht eine ähnliche Entwicklung durch wie der Fussball. Durch die Internationalisierung gibt es für die Grossen keine automatischen taktischen und physischen Vorteile mehr. Sie spielen ja nicht mehr unter sich. Inzwischen stehen in jeder Mannschaft Stars, die in den wichtigen Ligen der Welt, in Skandinavien, Nordamerika, in Russland oder der Schweiz eine wichtige Rolle spielen. Durch Härte lässt sich an einer WM keine Mannschaft mehr einschüchtern und die Spieler der vermeintlichen Operettenteams sind kräftig, robust, schnell und taktisch klug und diszipliniert genug, um mit ein wenig Glück zumindest in der ersten Turnierhälfte jeden Gegner ins Wanken zu bringen. Wir erleben das an dieser WM erneut. Auch die Norweger haben keine Angst mehr vor grossen Tieren: Sie haben uns nun zweimal hintereinander an der WM besiegt.

Schweizer spielten zu hektisch

Nationaltrainer Sean Simpson hatte im Interview mit 20 Minuten Online bereits vor der WM vor dieser Entwicklung gewarnt. Einerseits lobte er die Entwicklung unseres Hockeys, aber andererseits wies er darauf hin, dass eben auch unsere Gegner eine ähnliche Entwicklung durchlaufen.

Natürlich gäbe es nach diesem 2:3 gegen Norwegen Gründe zur Polemik. Torhüter Tobias Stephan trägt am ersten und zweiten Gegentreffer Mitschuld. Die Mannschaft war im ersten Drittel nicht bereit und die Norweger spielten leidenschaftlicher. Das Spiel der Schweizer war oft hektisch. Aber es war letztlich eines jener Spiele, die man zehnmal wiederholen könnte und dann achtmal gewinnen würde: Norwegen hatte das Startdrittel leicht dominiert (12:10 Torschüsse) – doch dann wurde es in den letzten 40 Minuten mehr oder weniger ein Sturmlauf auf ein Tor (31:13 Torschüsse), hin und wieder unterbrochen durch einen Konter der Norweger.

Die Kleinen haben von der Schweiz gelernt

Unsere Nationalmannschaft ist immer noch dabei, den letzten, entscheidenden Schritt ganz nach oben zu machen. Die guten Resultate der letzten 12 Jahre haben dazu geführt, dass wir inzwischen für Gegner wie Weissrussland, Frankreich, Lettland, Dänemark oder eben Norwegen eine grosse Hockeynation sind. Die vermeintlich Kleinen haben von uns gelernt. Im Zeitalter des Videos kopieren sie unsere Taktik.

Wir müssen lernen, Teams zu besiegen, die mit hässlichem, defensivem Hockey die Räume eng machen, die uns mit unseren eigenen taktischen Mitteln bekämpfen. Der von Ralph Krueger entwickelte «Schweizer Riegel» wird fleissig kopiert und ist nun die Allzweckwaffe des internationalen Mittelstandes geworden. Deutschland, Dänemark, Frankreich oder Norwegen spielen wie wir vor drei, vier Jahren.

Der Nati fehlt ein «game breaker»

Für uns ist es schwieriger als für die Russen, Schweden, Tschechen, Finnen, Kanadier oder Amerikaner, diesen «Schweizer Riegel» zu knacken. Weil wir von den grossen Grossen nach wie vor die einzigen sind, die keine Stürmer in der NHL haben. Uns fehlen die «game breaker», die Offensivspieler, die auf höchstem Niveau ein Spiel entscheiden können. Also müssen wir die gegnerischen Verteidigungen Stück für Stück abtragen, durch steten Druck zermürben. Fast ist es gegen Norwegen gelungen.

Wir dominierten einen defensiv gut organisierten, robusten Gegner im zweiten und dritten Drittel auf spektakuläre Art und Weise, wir sind spielerisch besser als in der «Ära Krueger». Aber erst wenn wir einmal fünf, sechs Stürmer haben, die in der NHL 20 Tore pro Saison erzielen können, werden wir bei jeder WM dazu in der Lage sein, auch dann Spiele gegen Teams wie Norwegen zu gewinnen, wenn der Puck nicht unseren Weg gehen will.

Nationaltrainer Sean Simpson hat in der Vorbereitung auf diese WM und im Verlaufe des Turniers noch keine Fehler gemacht, die Stoff für eine kernige Polemik liefern.

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  • Ueli Oertle am 06.05.2011 20:39 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn die Besten fehlen

    Nun dass war ja ein super peinlicher Auftritt. Aber was können wir anderes erwrten? Der Einzug ist noch möglich aber nur wen jeder den Finger aus dem Ar... zieht. Es gibt leider zuviele Spieler die an der WM dabei sind , die in der Saison schon totalausfälle waren. Und da wundert man sich warum nicht mehr Offensive vorhanden ist. Nun die einen sind verletzt haben keine Lust (was unter aller Sau ist) oder sie Spielen beim gelb blauen Klub. Von dem leider nur ein Spieler dabei ist. Die Best mögliche Nati ist dass aufjedenfall nicht. Nun die Hoffnung stirbt zuletzt.

  • aschwegler am 06.05.2011 18:00 Report Diesen Beitrag melden

    ch team am scheideweg

    ich bin der meinung unser hockey ist am limit angelangt. wir haben seit 1998 kaum fortschritte gemacht bezüglich platzierung. es gab zwar einzelne grosse erfolge in spielen (canada,tschechien). viele spieler, welche im moment dabei sind, stagnieren oder haben stark abgebaut. auch sind keine weiteren spieler in sicht, welche sich endlich in der nhl in den nächsten 5 jahren als top spieler etablieren könnten. unser ganzes hockey stagniert, im vergleich dazu haben norwegen, dänemark und vorallem die deutschen enorme fortschritte erzielt. es muss endlich etwas passieren, auf allen ebenen.

    • Shooter29 am 07.05.2011 11:41 Report Diesen Beitrag melden

      ...so ist es...

      Ich finde Du hast Recht. Seit Jahren zählt sich die Nati zu den besten 8 Nationalmannschaften der Welt. Es gibt meiner Meinung nach aber nicht die 8 Besten, sondern die 7 Besten plus die Schweiz. Ein Herausforderer, der sich im Viertelfinale gegen eine der 7 besten versuchen darf, aber in der Regel scheitert. Und warum? Weil Schweden, Finnland, Russland, Tschechien, Slowakei USA und Kanada einfach noch eine Klasse besser sind. Deshalb spricht bei einem Sieg über eine dieser Nationen auch heute noch jeder von einem Wunder. Schon diese Tatsache zeigt den Unterschied deutlich auf...

    einklappen einklappen
  • Martin am 06.05.2011 17:22 Report Diesen Beitrag melden

    Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt

    Die einen verteufelten Krüger wegen seines straffen Defensivkonzepts und glaubten, unter Simpson und einer weniger defensiven Ausrichtung würde dann alles besser. Fakt ist, dass die CH-Spieler wahrscheinlich eishockeymässig etwas weiter sind als vor einigen Jahren, und mit etwas Glück mehr aus ihren Offensivbemühungen herausholen. Genauso Fakt ist aber, dass dies international noch nicht langt, um zu reüssieren, wenn's mal etwas harzt. Und dass man seit je auf ausserordentliche Torhüterleistungen angewiesen ist, wird im allgemeinen Überschwang auch gerne vergessen.