Keine Selfies und wenige Stars

09. Mai 2018 05:48; Akt: 09.05.2018 05:48 Print

Das Cannes Film Festival verpennt den Fortschritt

Vielleicht verweigert es sich dem Fortschritt, vielleicht versucht es einfach, die Kinomagie zu wahren. Sicher ist: Das Cannes Film Festival wirkt 2018 überholt.

Einige Fakten zum 71. Cannes Film Festival, das vom 8. bis am 19. Mai an Frankreichs Südküste stattfindet. (Video: Tamedia/Glomex)

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Die 71. Ausgabe des Cannes Film Festival hat am Dienstag begonnen und irgendwie springt diesmal der gewohnt festliche Funke nicht wirklich über. Liegt es daran, dass Netflix dem Anlass den Rücken gekehrt hat? Liegt es am Schatten, den #MeToo über Hollywood gelegt hat? Oder daran, dass Hollywood gar nicht wirklich da ist?

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Hier sind fünf Gründe, warum die Filmfestspiele an der Croisette dieses Jahr einen Teil des üblichen Glanzes, der dringlichen Relevanz und des nötigen Bewusstseins vermissen lassen.

1. Netflix ist nicht dabei

Dass Netflix 2017 die Eigenproduktionen «Okja» und «The Meyerowitz Stories» ins Cannes-Rennen schicken durfte, sorgte für Diskussionen – schliesslich sind diese Filme laut einigen Cineasten nicht explizit fürs Kino, sondern eben fürs Streaming gemacht worden. 2018 hätten dann nur Netflix-Streifen im Wettbewerb teilnehmen dürfen, die später auch in Frankreich ins Kino kommen.

Laut französischem Gesetz dürfen Filme, die im Kino gelaufen sind, frühestens drei Jahre später als Stream angeboten werden – für den Streaming-Riesen Netflix wäre das ein tiefer Schnitt ins eigene Fleisch, darum verzichtete er auf eine Teilnahme und als Konsequenz auch auf jegliches Filmscreening ausserhalb des Wettbewerbs um die Goldene Palme. Dieser Schritt erscheint drastisch, gar trotzig.

Das scheint auch Netflix-CEO Reed Hastings eingesehen zu haben, als er vor einigen Tagen am Series Mania Festival zum Thema sagte: «Manchmal machen wir Fehler. Die Cannes-Sache wurde grösser, als wir beabsichtigt hatten.» Trotzdem: Sich als Filmfestival im Jahr 2018 gegen ein globales Phänomen mit junger Zielgruppe auszusprechen, zeugt nicht gerade von fortschrittlichem Denken.

2. Selfies sind verboten

Autogrammjäger sind längst auf Fotos umgestiegen. An Filmfestivals und -premieren ist der Fan am erfolgreichsten, der sich die meisten Selfies mit berühmten Menschen ergattert. Das mag für einige Veranstalter und Stars ein Ärgernis sein, aber es ist nun mal die Realität.

Und wenn Cannes wie dieses Jahr das Selfie-Knipsen am roten Teppich verbietet, verschliesst es sich ebendieser. Das ist vergleichbar mit Musikacts, die im Zeitalter der Smartphone-Omnipräsenz Fotos an ihren Konzerten verbieten. Die Handys in der Luft mögen manchmal lästig sein, aber sie sind gleichermassen nicht mehr wegzudenken – ausserdem bedeuten gepostete Bilder und Videos Gratis-Promo.

3. Hollywood macht sich rar

Das Datum im Mai ist vielen amerikanischen Filmstudios schon länger ein Dorn im Oscar-Auge, schliesslich werden die Academy Awards erst im Februar oder März vergeben. Und wenn ihre Streifen schon neun bis zehn Monate vorher gehypt werden, bekommen sie möglicherweise später nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit.

Für die Starpower gesorgt hätten Bradley Coopers Regiedebüt «A Star is Born» mit Lady Gaga und «Suspiria» von «Call Me by Your Name»-Regisseur Luca Guadagnino mit Dakota Johnson, Tilda Swinton, Chloë Grace Moretz und Mia Goth. Sie sind aber 2018 nicht dabei.

Laut Branchenkennern ebenfalls mit Abwesenheit glänzen werden angesehene Filmemacher wie Terrence Malick, Brian DePalma und Harmony Korine – trotz frischen Werken. Immerhin: Spike Lee und Lars von Trier zeigen ihre neuen Filme. Und «Solo: A Star Wars Story» feiert an der Croisette seine Weltpremiere.

4. Frauen sind untervertreten

Klar, wer Angst um seine Oscar-Chancen, gerade kein neues Projekt am Start oder schlicht keine Lust hat, kreuzt in Cannes nicht auf. Dass in Zeiten von #MeToo und «Time's Up» aber so wenige weibliche Filmemacher am Festival vertreten sind, macht durchaus stutzig.

Lediglich die Wettbewerbs-Jury vermag mit Frauen aufzutrumpfen: Den Vorsitz hat Cate Blanchett, die unterstützt wird von Kristen Stewart, Lea Seydoux, Ava DuVernay, Khadja Nin und vier Männern.

5. Verhaltensregeln sind veraltet

Nach beziehungsweise während #MeToo und «Time's Up» unverständlich – und vielleicht ein Grund, warum sich einige Frauen gegen eine Cannes-Teilnahme entschieden haben: Im Verhaltenskodex des Filmfestivals wird Belästigung nicht explizit verboten. Diesen Schritt haben ähnliche Veranstaltungen wie das Sundance, das Tribeca und die CinemaCon für 2018 bereits getan.

Festivalleiter Thierry Frémaux begründete gegenüber «Variety»: «Cannes kann kein Ersatz sein für die Justiz oder die Polizei. Es existieren Gesetze gegen Belästigung und sexuelle Übergriffe und wir werden die Leute daran erinnern.» Geschehen ist dies nun in Form von Flyern, auf denen eine Hilfe-Hotline angegeben ist, die Opfer von sexueller Belästigung wählen können.


(shy)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simi am 09.05.2018 06:58 Report Diesen Beitrag melden

    Bis hier hin, und nicht weiter..

    Oh nein, keine Selfies? Muss ganz schon hart sein für eingefleischte Narzissten.

  • YB 2018 am 09.05.2018 08:13 Report Diesen Beitrag melden

    jetzt wükli

    Ehrlich gesagt, macht das Cannes einfach so viel sympathischer als die Oscars...

  • Fritz am 09.05.2018 07:39 Report Diesen Beitrag melden

    Trotzig?

    Netflix wäre blöd, würden sie selbst produzierte Filme für 36 Monate nicht streamen. Ein absurdes Gesetz der Franzosen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Alex Keller am 09.05.2018 13:02 Report Diesen Beitrag melden

    Vergangenheit und andere Orte

    Das Filmfestival Cannes ist überholt. Und das nicht nur seit heute, sondern schon seit bald 20 Jahren! Als Kind war ich mit meinen Eltern 12 mal dort, das wirklich einzig interessante ist das Film-Restaurant gegenüber und die Jachten. Alles andere zeugt von den vergangenen Tagen der 50er bis 90er Jahren. Da finde ich unseres in Locarno, oder das in Venedig um vieles interessanter!

  • NoTV am 09.05.2018 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Ende Gelände

    In 10 Jahren gibt es das Festival nicht mehr. Die Jungen gehen nicht mehr für solch absurd hohe Eintritte ins Kino wenn sie es zuhause jederzeit streamen können. Eine Frage der Zeit.

    • Alter Sack am 09.05.2018 13:21 Report Diesen Beitrag melden

      Bedenklich

      Ja klar. Kinoleinwand ist sowas von vergleichbar mit dem TV zu Hause. Ach ja. Die Jungen schauen sich das Zeugs ja auf nem Laptop oder Tablet an. Ja das ist wirklich das gleiche. Keine 20,- für einen Kinobesuch aber 100e bis 1000e von Franken für ein Smartphone-Abo.

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  • YB 2018 am 09.05.2018 08:13 Report Diesen Beitrag melden

    jetzt wükli

    Ehrlich gesagt, macht das Cannes einfach so viel sympathischer als die Oscars...

  • Amina123 am 09.05.2018 08:05 Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch grad egal?

    Ich verstehe ddn hype eh nicht,der um solche anlässe gemacht wird.wie übrigens auch den ESC....

  • DarkMoney am 09.05.2018 08:04 Report Diesen Beitrag melden

    Früher....

    Vor 30 Jahren mussten wir auch noch so lange warten bis die Kinofilme mal im Fernsehen kamen... Ich wandere nach Frankreich aus, dann fühle ich mich wieder jünger :-)