«Jud Süss»

17. Februar 2010 11:15; Akt: 17.02.2010 14:45 Print

Nach 70 Jahren: Nazi-Film polarisiert weiterhin

von Holger Mehlig - Kurz vor der Weltpremiere an der Berlinale gibt es heftige Kritik an Oskar Roehlers mit Spannung erwartetem «Jud Süss - Film ohne Gewissen» über die Entstehung des NS-Propagandafilms. Dem Regisseur wird Geschichtsfälschung vorgeworfen.

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Der Autor und Medienwissenschaftler Friedrich Knilli warf dem Regisseur am Dienstag in einem DAPD-Interview Geschichtsfälschung und Legendenbildung vor. Roehlers Ziel sei es, auf diese Weise für den Oscar nominiert zu werden, kritisierte Knilli. Die Produktion über die Entstehung des NS-Propagandafilms startet am Donnerstag im Berlinale-Wettbewerb.

In dem Film spielen Stars wie Moritz Bleibtreu, Tobias Moretti, Martina Gedeck und Justus von Dohnanyi mit. Den historischen Film «Jud Süss» gaben die Nazis 1939 in Auftrag. Veit Harlan drehte einen Film über die historische Figur des Joseph Süss Oppenheimer, einen jüdischen Finanzbeamten, der 1738 hingerichtet wurde. Der Film mit Ferdinand Marian in der Hauptrolle gilt als Synonym für NS-Propaganda und ist noch heute in Deutschland indiziert.

«Fälschung ohne Grund»

Knilli, der den Stoff seit Jahrzehnten erforscht und den Film bereits auf DVD gesehen hat, kritisierte: «Die Neuverfilmung trägt zur Legendenbildung bei, weil Roehler ohne Grund zwei wichtige Dinge fälscht.» Zum einen sei Hauptdarsteller Marian anders als im Film nicht mit einer Jüdin verheiratet gewesen, sondern mit einer Katholikin. Zum anderen stimme es auch nicht, dass Marian einen Juden gerettet hätte.

Roehler habe diese Dinge vermutlich geändert, um seine Chancen auf eine Oscar-Nominierung zu erhöhen, spekulierte Knilli. Der Regisseur habe in einem «Spiegel»-Interview im vergangenen Jahr Kate Winslet zitiert, die gesagt habe, wenn man für den Oscar auf Nummer sicher gehen wolle, müsse man einen Film über das Dritte Reich und Juden machen. «Das könnte sein Aufhänger sein.»

Insofern sei Roehlers Beitrag ein «gewissenloser Film», betonte Knilli. Der Film unterwerfe sich den «Betroffenheitsklischees» zum Holocaust, sagte Knilli und fügte hinzu: «Da wird so getan, als ob sich jemand wieder zum Helden macht, um einen Juden zu retten.» Das sei aber bei Marian, der vielmehr depressiv und relativ unpolitisch gewesen sei, nicht so gewesen. «Er wird in dem Film unnötig heroisiert.»

«Ein guter Hollywoodfilm»

Knilli kann auch nicht verstehen, warum der historische Film in Deutschland indiziert ist. «Der Film ist nicht so, wie er heute immer dargestellt wird», sagte der Medienwissenschaftler. Vielmehr sei er ein Melodram und wie ein guter Hollywoodfilm «nach zwei Richtungen gestrickt» - «und so wurde er auch rezipiert». Ein Teil des Plots sei projüdisch. So hole ein katholischer Herzog in Baden-Württemberg trotz Judenbanns Juden ins Land, mache einen Juden zum Finanzminister und hänge den christlichen Schmied, weil dieser den Juden habe erschlagen wollen.

Erst durch das Eingreifen des SS-Reichsführers Heinrich Himmler habe sich die Rezeption geändert. Himmler habe den Film zur Pflicht für SS-Polizisten gemacht. Damit sei der antisemitische Aspekt des Films viel stärker gelesen worden. Beim Publikum in Frankreich oder Holland sei der Film dagegen «wie ein normaler historischer Liebesfilm» gesehen worden.

Viele Juden hätten ihm gesagt, der Film müsse nicht indiziert werden, sagte Knilli. Er habe ihn in Israel und Grossbritannien gezeigt - und da gebe es die unterschiedlichsten Meinungen. «Es gibt Leute, die meinen, der Film würde verführen - was völliger Quatsch ist. Ich meine, man kann ihn ohne Weiteres zeigen.»

Knilli veröffentlichte bereits vor zehn Jahren das Buch «Ich war Jud Süss. Die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian». Demnächst soll eine zweite Auflage erscheinen.